19. Jahrhundert:
  • Das Gespräch - Konversationskunst in den Salons

    Ein besonderes Kapitel der Sprachkunst ist die Konversationskunst, die in den Salons seit der Renaissance kultiviert wurde. Das frühe 19. Jahrhundert gilt für Deutschland als der Höhepunkt der Salons, auch weil sich zwischenzeitlich eine Verschiebung der "Salonträger" von vormals vorwiegend Adeligen auf das Bürgertum ergeben hatte. Vor allem Frauen (die sog. "Salonièren") verschafften sich durch die Führung eines Salons eigene Handlungsspielräume und wurden zum Zentrum der Salonkultur. Die literarischen Salons stellen eine Spezialform der Salons dar. Sie auf ihre sprachkünstlerischen Qualitäten hin zu untersuchen, ist aufgrund der Quellenlage extrem schwierig, da es nur schriftliche Dokumente gibt. Insbesondere Briefwechsel, die als schriftliche Fortsetzung des mündlichen Gesprächs gesehen werden können, geben Aufschluss über die Atmosphäre der Salons und die in ihnen gepflegte, auf intensiver Interaktion aufbauende Gesprächskultur.

Mögliche Themen:
Konversationskunst und Salonkultur - ihre Rolle für die ästhetische Sprache und Literatur
Gespräch als Kunst: Die normative Perspektive

Literatur:

Primärmaterialien:
Schmölders, Claudia (Hg.): Die Kunst des Gesprächs. München 1986. (Eine Anthologie von Texten zur Konversationskunst)
Schmitz, Rainer: Henriette Herz in Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen. Leipzig/Weimar 1984.

Sekundärliteratur:
Seibert, Peter: Der literarische Salon. Literatur und Geselligkeit zwischen Aufklärung und Vormärz. Stuttgart 1993.
Wilhelmy, Petra: Der Berliner Salon im 19. Jahrhundert (1780 - 1914). Berlin/New York 1989.

  • Synästhesie &  Gesamtkunstwerk

Schon kurz nachdem sich die "schöne Literatur" als ein eigenständiger Bereich im Literatursystem herausgebildet hat, gab es Bestrebungen, die reine Konzentration auf das Buch und schriftbasierte Wort zu durchbrechen. Paradigmatisch für diese Ideen steht die Frühromantik, die eine Wortkunst anstrebte, die insbesondere eng mit der Musik und der Lautpoesie, aber auch mit Bildern und Farben verbunden war. Synästhesie ist das Stichwort, das sowohl Literaturtheoretiker als auch Künstler umtrieb. Das Streben nach Synästhesie ist eng verbunden mit der Idee, den Rezipienten aktiv in die Kunst miteinzubeziehen - das Konzept des Gesamtkunstwerks, wie es Richard Wagner anstrebte, kann hierfür als paradigmatisch angesehen werden.

Mögliche Themen:
Theorie und Praxis der Synästhesie in der Literatur der Frühromantik
Konzept und Umsetzung des Gesamtkunstwerks bei Wagner

Primärmaterialien:
Ürlings, Herbert: Theorie der Romantik. Stuttgart 2000. (Quellensammlung theoretischer Texte der Romantik).
Wagner, Richard: "Die Kunst und die Revolution"; "Das Kunstwerk der Zukunft". In: Die Hauptschriften. München 1956, S. 108 - 126.
Wagner, Richard: Der Ring der Nibelungen, DVD, 2002 (Regie: Otto Schenk, Dirigent: James Levine, eine Aufführung in der Metropolitan Opera New York).

Sekundärliteratur:
Adler, Hans/Zeuch, Ulrike: Synästhesie. Interferenz - Transfer - Synthese der Sinne. Würzburg 2002.
Behler, Ernst/Hörisch, Jochen (Hg.): Die Aktualität der Frühromantik. Paderborn 1987.
Der Hang zum Gesamtkunstwerk. Europäische Utopien seit 1800. Aarau 1983.

20. Jahrhundert:

  • Die Avantgarden der 10er/20er Jahre

Die Avantgarden der 10er/20er Jahre setzten sich aus unterschiedlichen Gründen das Ziel, die weiterhin vorherrschende Trennung der Künste und die dominierende bürgerliche Ästhetik zu durchbrechen. Im Bereich der Sprachkunst wurde die interaktionsarme Trias Autor - Leser - Text ebenso angegriffen, wie die traditionelle Form des Guckkastentheaters. Legendär sind mittlerweile die Dada-Abende des Cabarets Voltaire, die als Literatur-Performances gesehen werden können, sowie die avantgardistischen Theateraufführungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die im proletarisch-revolutionären Theater gipfelten und schließlich nicht zuletzt an der Zuspitzung der politischen Situation scheiterten. Sprachkunst wird hier in einer engen Interaktion mit dem Publikum aufgeführt; wo sie sich im Druckmedium niederschlägt, werden ihre traditionelle Sinnhaftigkeit und die Autorenzentriertheit unterlaufen. Auch die bildende Kunst sucht nach einer Verbindung mit der Sprache - Duchamps "Ready Mades", die häufig ihre Bedeutung erst durch die Titelgebung erhalten, sind nur ein Beispiel dafür, ebenso die Collagetechnik, die Bild- und Sprachelemente zusammenführt. 

Mögliche Themen:
Die Entwicklung des Avantgarde-Theaters
Dadaismus und Sprachkunst
Der Zusammenhang von Bildender Kunst und Sprache (z.B. Collagen, Ready-Mades)

Primärmaterialien:
Asholt, Wolfgang/Fähnders, Walter (Hg.): Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909 - 1938). Stuttgart 1995.
Dadaismus-Dokumente im Netz
Hülsenbeck, Richard (Hg.): Dada - eine literarische Dokumentation. Reinbek 1994.
Piscator, Erwin: Das politische Theater. Schriften Bd. 1, Berlin 1968 (1929).
Piscator im Netz
Schwitters, Kurt: Das literarische Werk, Bd. 5., Köln 1998.
ORF-Kunstradio: SchwittCD (Teil des Multimediaprojektes MERZmuseum - künstlerische Bearbeitung Schwitterscher Projekte, u.a. auch mit einer Aufnahme seiner von ihm selbst aufgeführten Ursonate).
Hoffmann, Ludwig/Hoffmann-Ostwald, Daniel: Deutsches Arbeitertheater 1918-1933: Eine Dokumentation. Berlin 1961.

Sekundärliteratur:
Bergius, Hanne: Das Lachen Dadas. Die Berliner Dadaisten und ihre Aktionen. Gießen 1989.
Becker, Peter von: Das Jahrhundert des Theaters. Köln 2002.
Fischer-Lichte, Erika: Die Entdeckung des Zuschauers. Paradigmenwechsel auf dem Theater des 20. Jahrhunderts. Tübingen 1997.
Klatt, Gudrun: Arbeiterklasse und Theater. Agitprop-Tradition - Theater im Exil - Sozialistisches Theater. Berlin 1975.
Philipp, Eckhard: Dadaismus. Einführung in den Dadaismus und die Wortkunst des "Sturm-" Kreises. München 1980.
Die Geburt der Regie. Eine Sendung aus der Reihe "Das Jahrhundert des Theaters", ZDF/3-Sat, 2002.

  • Avantgarden der 60er Jahre:

Die Avantgarden der 60er Jahre verstanden sich zumindest teilweise als Erben der anti-bürgerlichen Kunstkonzeptionen der frühen Avantgarden. Mit Happenings, Aktionen und Performances wurden die Möglichkeiten der Sprachkunst erweitert - im Unterschied zum Theater wird hier auf Interaktionsintensität, Spontaneität und Zufall in Rückkoppelung mit den Zuschauern gesetzt. Hinzu kommt die Entdeckung der technischen Medien, insbesondere Fernsehen und Video, aber auch Computer für die Umsetzung von Sprachkunst. Die konkrete Poesie wiederum entdeckte Ende der 50er, anfang der 60er Jahre ihre Affinität zur Laut- und Bildkunst und versuchte beides durch die Sprache miteinander zu vereinen.

Mögliche Themen:
Happening/Aktion/Performance und die Rolle der Sprache
Konkrete Poesie als multimediale Sprachkunst

Primärmaterialien:
Becker, Jürgen (Hg.): Happenings. Fluxus, Pop Art, Nouveau Realisme. Eine Dokumentation. Reinbek 1965.
Daniels, Dieter/Frieling, Rudolf (Hg.): Medien Kunst Aktion. Die 60er und 70er Jahre in Deutschland. Wien u.a. 1997.
Jappe, Elisabeth (Hg.): Documenta 8 live: 100 Tage Performance, Einblicke in die Aktionskunst der 80er Jahre, vom Ritual zum spektakulaeren Auftritt - eine Auswahl aus dem Performance-Programm der Documenta 8, Video 1987.
Klauke, Jürgen: Performance & Aktion, Video.
Weibel, Peter (Hg.): Die Wiener Gruppe. Wien/New York 1997.
Konkrete Poesie im Netz

Sekundärliteratur:
Backes, Michael: Experimentelle Semiotik in Literaturavantgarden. Über die Wiener Gruppe mit Bezug auf die Konkrete Poesie. München 2001. 
Dreher, Thomas: Performance-Art nach 1945. Aktionstheater und Intermedia. München 2001.
Jackson, K. David: Experimental, Visual, Concrete: Avantgarde-Poetry Since the 1960s. Amsterdam 1996.
Jappe, Elisabeth: Performance - Ritual - Prozess. Handbuch der Aktionskunst in Europa. München 1993.

  • Gegenwart

Die sprachkünstlerische Gegenwart ist geprägt von der Fortführung der Tendenzen des 20. Jahrhunderts - einerseits Sprachkunst in der Performance weiterzuführen, andererseits andere technische Medien als das des Buches fruchtbar zu machen. Mit der zunehmenden Durchsetzung von Computer und Internet wird dies einerseits in Installationen, andererseits aber auch in Computer- und Netzliteratur umgesetzt. Mit den Poetry-Slams haben Literatur-Performances einen weiteren Schritt hin zur Popularisierung und zur Einbeziehung des Publikums vollzogen, der in den Avantgarden in dieser Form bisher noch nicht vorhanden war.

Mögliche Themen:
Der Zusammenhang von Interaktiver Medienkunst und Sprache (Installationen)
Computer- und netzbasierte Sprachkunst
Poetry Slams als "Interaktionsästhetik"

Primärmaterialien:
Interaktive Medienkunst/Computerbasierte und Netzkunst
artintact 1 - 5. CD-ROM-Magazin interaktiver Kunst. Stuttgart 1994 - 1999.
Daniels, Dieter/Frieling, Rudolf (Hg.): Medien Kunst Interaktion. Die 80er und 90er Jahre in Deutschland. Wien u.a. 1999 (Website zum Projekt)
Reinhard Döhl: Werke (Digitale Umsetzungen konkreter Poesie).
Ottos Mops [trotzt]: auf der Suche nach dem Jandl. CD-ROM, München 1996. (Interaktive Umsetzung von Jandl-Gedichten).
Andrews, Jim: Asteroids (ein Poesie-Spiel)
Simon Biggs: The Great Wall of China. CD-ROM, London 2000.
Zeitgenossen: Yatoo (oberer "Eingang" der Raumstation)

Poetry Slams
Bonz, Jürgen (Hg.): Sound Signatures. Frankfurt am Main 2001.
International German Poetry Slam, München 2001 (2 CDs)
Neumeister, Andreas/Hartges, Marcel (Hg.): Poetry! Slam! Texte der Pop-Fraktion. Reinbek 1996.
Poetry Slams im Netz I
Poetry Sams im Netz II

Sekundärliteratur:
Gendolla, Peter u.a. (Hg.): Formen interaktiver Medienkunst. Frankfurt am Main 2001.
Preckwitz, Boris: Slam Poetry. Nachhut der Moderne. Eine literarische Bewegung als Anti-Avantgarde.
Simanowski, Roberto: Interfictions. Vom Schreiben im Netz. Frankfurt am Main 2002.
Suter, Beat/Böhler, Michael: Hyperfiktionen. Literatur und Internet. Frankfurt am Main 1999.