Michael Giesecke
Kornelia Rappe-Giesecke

 

Supervision als Medium kommunikativer

Sozialforschung

 

Die Integration von Selbsterfahrung und distanzierter

Betrachtung in Beratung und Wissenschaft

 

Neben der Psychotherapie ist die wohl interessanteste in diesem Jahrhundert neuentwickelte Beratungs- und Weiterbildungsform die Supervision. Sie untersucht die Psychodynamik der Interaktionsbeziehungen entweder zwischen Professionals und deren Klienten oder in der betrieblichen Hierarchie und deckt das Gegen- und Miteinander von psychischen und institutionellen Strukturen auf, um so Sozialarbeitern, Ärzten, Managern, Verwaltungsangestellten und anderen eine bessere Bewältigung ihres beruflichen Alltags zu ermöglichen.

Sie nutzt dabei die soziale - nicht bloß individuelle! - Selbstreflexion des Supervisionsprozesses, um Informationen über die berufliche Situation ihrer Klienten zu sammeln. Die Schilderung des Berufsalltags wiederum wird verwendet, um die Psycho- und Soziodynamik im Beratungssystem zu verstehen. Möglich sind diese wechselseitigen Erhellungen, weil es Spiegelungsprozesse zwischen sozialen - wie auch zwischen psychischen - Systemen gibt: Strukturen des einen Systems, z.B. des Berufsalltags wiederholen sich, vermittelt über die beteiligten Personen in dem anderen System, z.B. in der Beratung, und fördern oder hemmen das aufgabenbezogene, institutionelle Arbeiten.

Die Analyse dieser offenbar unvermeidlichen Rückkopplungsphänomene, die gänzlich unabhängig von den Intentionen der Individuen ablaufen, weist Beratern und Wissenschaftlern den Weg zu einem neuen Verständnis sozialer Kommunikation: nicht als Verknüpfung psychischer Akte, sondern eben als Phänomen ganz eigener Art, als latente Spiegelung sozialer Strukturen, Dynamiken, Umweltbeziehungen und Identitätskonzepte.

Die Methoden einer in diesem Sinne kommunikativen Sozialforschung schildert das Buch im Zuge der Mikroanalyse von mehrjährigen Supervisionsprozessen. Diese hat nicht nur soziale Kommunikation zum Gegenstand sondern sie gestaltet auch den gesamten Forschungsprozeß von der Festlegung des Forschungssettings über die Datenerhebung und -auswertung bis hin zur Rückkopplung der Ergebnisse in die alltägliche Praxis als Gespräch.

Zugleich werden die Entwicklung von der Fall- über die Teamsupervision hin zu komplexen Formen der Organisationsentwicklung in den letzten 15 Jahren nachgezeichnet und die Konsequenzen für ein zeitgemäßes Supervisionskonzept gezogen.

Wies die Supervision anfangs der kommunikativen Sozialforschung den Weg, so kann nun zunehmend auch die Anamnese und Diagnose von ratsuchenden Institutionen sowie die Interventionsplanung als ein Prozeß kollektiver Informationsverarbeitung gestaltet werden, der den Prinzipien kommunikativer Sozialforschung folgt. Die Forschung gewinnt Beratungsqualität und die Beratung nimmt über weite Strecken Forschungsqualität an.