Ölmalerei als Produkt und Katalysator perspektivischer Visualisierung
   
Die zeitliche Ausdehnung des Malprozesses ermöglicht die optimale Berücksichtigung des Grundaxioms der perspektivischen Wahrnehmungslehre: Stillstand der Zeit während des Erkenntnis- und Darstellungsprozesses und Konstanz der Beziehung zwischen Beobachter und der abzubildenden Umwelt. Auf rasche Veränderungen der Objekte und ihrer Beziehung zum Betrachter/Maler kann sie zunächst nur durch eine Reduzierung der ihr eigenen Möglichkeiten, z.B. in Form der al-primo-Malerei, reagieren. Die Visualisierung von schnellen Bewegungen gehört deshalb nicht zu den Stärken der klassischen Ölmalerei. Ihr Erfolgsfeld sind Räume und Objekte. Während in der Frühzeit der Entwicklung der Perspektive, bei den italienischen Architekten und Malern des 14. und 15. Jahrhunderts, das Hauptaugenmerk auf der Simulation der Formen der Umweltobjekte lag ("Verkleinerungsperspektive"), eröffnete und erzwang die Ölfarbenmalerei weitere Simulationsprogramme. Schon Leonardo nennt neben der Zentralperspektive die 'Verschleierungs- und Farbperspektive': die Konturen der Dinge werden mit der Entfernung undeutlicher, die Farben der Objekte zum Horizont hin - heller und kälter/bläulicher. Um diesen Wechsel der Farben zu modellieren, eignet sich die Lasurtechnik bestens, ebenso um die Konturen der Objekte zu verschleifen. Insbesondere in der Landschaftsmalerei führte die Berücksichtigung dieser Prinzipien zu einer Staffelung des Bildes in mehreren, deutlich voneinander abgesetzten Ebenen: Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund. Jede Ebene besitzt aufeinander abgestimmte Helligkeitswerte, ihre eigene Detailschärfe, eigene Farbintensität und -temperatur.

Die Höhenlinien einer Landschaft als Farbraum
Caspar David Friedrich "Das Riesengebirge, Blick von Warmbrunn auf die Kl. Sturmhaube"
1815/20, Moskau, Puschkin Museum
 
Erst die konsequente Berücksichtigung dieser Prinzipien erzeugte die Illusion von Räumlichkeit und Tiefe. Und eine Befolgung dieser Prinzipien erforderte die Farben, Lasuren sowie die spezifische Maltechnik der Ölmalerei. Insofern kann man sagen, daß die zweidimensionale Erzeugung dreidimensionaler Räume und Gegenstände in der frühen Neuzeit an das Medium der Ölmalerei gebunden ist. Die Linearperspektive des Spätmittelalters mit ihrer Entdeckung des 'Umrisslinie' und der 'Fluchtpunkte' ermöglichte quasi nur die Konstruktion von proportionalen Gittermodellen. Die geeigneten Rendering- Verfahren stellte die Ölmalerei zur Verfügung. Natürlich erlaubten auch andere Techniken die Erzeugung räumlicher Illusion - und heute gibt es weitere, vorzüglich geeignete Medien - aber die Ölmalerei konnte sich überhaupt nicht ihrer spezifischen Leistungsmerkmale, die sie z.B. von der Frescotechnik abgrenzte, bewußt werden, ohne die Regeln der Luft- und Farbperspektive zu erkunden. Gleiches gilt für die Erkundung von direktem und indirektem Licht, von Schatten, sowie für die vielfältigen Reflexions- oder Spiegelphänomenen zwischen den Objekten.