Excerpt Desmond Morris: Der Mensch, mit dem wir leben.
  Ein Handbuch unseres Verhaltens. München 1981. (Zuerst London 1977??)
Achtung: gekürzte Taschenbuchausgabe der gebundenen Fassung. München 1978!
Das Buch besitzt keine klare Gliederung. Sie unterscheidet zwischen
- Handlungen
- Gesten
- Blickverhalten
- Grußzeremonielle
- Haltungsecho
- Signale
- Kontakte
- Verhalten
- Fortbewegung
Außerdem werden Abweichungen dieser Kategorien ('Ersatzhandlungen', obszöne Zeichen, verletzende Gesten usf.) behandelt.
 
1. Handlungen
 
Unterschieden werden angeborene Handlungen, "die wir nicht zu lernen brauchen" 15ff
Selbstentdeckte Handlungen, "die jeder für sich selbst neu entdeckt" 22ff
Übernommene Handlungen, "die wir unbewußt von Artgenossen übernehmen" 24ff
Angelernte Handlungen, "die uns beigebracht werden" 26ff
Gemischte Handlungen, "die wir gleichzeitig auf verschiedenen Wegen erwerben" 28ff
   
2. Gesten
 
"Eine Geste ist eine Handlung, die dem Zusehenden ein optisches Signal übermittelt. Um als Geste zu gelten, muß diese Handlung also von jemand beobachtet werden und ihm irgendeine Information vermitteln. Das kann geschehen, wenn der Gestikulierende bewußt ein Signal geben will - etwa wenn er mit der Hand winkt -, oder aber rein zufällig, etwa wenn er niest.
....
Bei der Gestik kommt es nicht darauf an, welche Signale wir anderen übermitteln wollen, sondern darauf, welche Signale andere empfangen." 33 Mit anderen Worten, die Geste ist eine 'beobachtete Handlung'. Ebd. Über diese Definition läßt sich diskutieren. Eine Alternative wäre eine interaktionistische Definition nach der auch der Gestikulierende bemerken muß, daß seine Gesten bemerkt werden.
 
Er gibt dann eine umfangreiche Typologie von Gesten, die aber auf unterschiedlichen und keinesfalls theoretisch modellierten Perspektiven beruhen:
 
Beiläufige Gesten - "mechanische Handlungen mit unbeabsichtigter Aussagekraft" 33ff, wie z.B. Husten, Gähnen, Essen,Trinken usf. Sie können, wie z.B. das Gähnen in der Vorlesung, stilisiert werden.
Es werden dann die folgenden sechs sogenannten 'primären Gesten' unterschieden:
Ausdrucksgesten
mimische Gesten
schematische Gesten
symbolische Gesten
technische Gesten
kodierte Gesten.
Bis auf die Ausdrucksgesten treten sie ausschließlich beim Menschen auf. Erstere sollen allen Menschen auf der Welt und auch den Tieren, mindestens den Primaten gemeinsam sein. Hierzu gehört die Mimik: Lächeln, Augenbrauen hochziehen, Erschrecken usf. und die Gestikulation.
 
Mimische Gesten "benutzt ein Mensch, der versucht eine andere Person, ein Objekt oder eine Handlung so exakt wie möglich zu imitieren....... Bestimmte Konventionen finden hier keine Anwendung. Eine gute mimische Geste ist daher auch für jemanden verständlich, der sie vorher noch nie gesehen hat." 38
Es werden vier Formen mimischer Gesten unterschieden:
- simulierte Gesten/soziale Mimikry, z.B. lachen, obwohl man traurig ist
- Theatermimikry: Imitation von beobachteten Verhalten oder Erleben
- Teilmimikry: Vögel werden etwa durch das Flügelschlagen mit den Händen nachgemacht
- Leerlaufmimikry: Probehandlungen ohne Anwesenheit des Objekts, z.B. so tun als ob man ein Glas hält und trinkt
 
Schematische Gesten "sind knappe oder verkürzte Versionen mimischer Gesten und man versucht, mit ihnen etwas wiederzugeben, indem man nur eines der hervorstechenden Merkmale nachahmt." 41 Beispiel: Rind - zwei Finger - Hörner
 
Symbolische Gesten geben Stimmungen und Gedanken wieder, also "abstrakte Eigenschaften, für die es in der Welt der Objekte und Bewegungen keine Entsprechung gibt". 42 Solche Gesten (z.B. an die Stirn tippen/Dummheit) ist stark von den kulturellen Konventionen abhängig und werden transkulturell häufig mißverstanden.
 
Technische Gesten "werden von kleinen Spezialistengruppen erfunden, die sie nur streng innerhalb ihres speziellen Tätigkeits- oder Fachgebiets verwenden. Sie sind für jeden unverständlich, der außerhalb steht, und ihre Anwendung ist auf ein so enges Gebiet begrenzt, daß sie keine wesentliche Rolle in der visuellen Kommunikation einer Kultur spielen." S. 46 Dazu gehören z.B. die Gestensprache der Feuerwehrleute, Kranführer, Auktionsleiter usf.
 
Kodierte Gesten "sind im Gegensatz zu allen anderen Arten Bestandteile streng formaler Signalsysteme. Sie sind alle wechselseitig voneinander abhängig, und zwar auf eine zugleich systematische und komplexe Weise, so daß sie eine echte Sprache bilden." 50
Offenbar sind hier unsere natürlichen Laut-/Schriftsprachen Voraussetzung: Taubstummensprache, Semaphor-Sprachen usf.
 
Alle bislang genannten Gesten haben für Instruktionen in unmittelbaren face-to-face Situationen große Bedeutung. Sie sind dort ein unersetzliches Medium der Informationsdarstellung.
 
Da diese Typologie natürlich der tatsächlichen Komplexität nicht gerecht wird, erfindet Morris noch eine Vielzahl von Restkategorien: Varianten von Gesten, vieldeutige Gesten, Alternativgesten, Tochtergesten, zusammengesetzte Gesten usf. Es sind alles sehr empirische Beobachtungen ohne jeden Erklärungs- oder auch Kodierwert.
Psychoanalytisch vielleicht ganz interessant ist die Gruppe der Relikt-Gesten, das ist eine solche Geste, "die die Situation überdauert hat, in der sie ursprünglich entstanden ist". 68 Das 'Zusammenkauern' nach einem Unglück/Erdbeben, die Kopfneigung, "die aus der Zeit stammt, als man als Kind den Kopf an die Schulter der Mutter oder des Vaters legte, um dort Trost und Ruhe zu finden" 71, das Kaugummikauen und andere Formen des oralen Kontakts usf.
 
Einige der eindeutigen Taktstock-Signale, wie sie gebärdenreiche Redner verwenden.
Einige der eindeutigen Taktstock-Signale, wie sie gebärdenreiche Redner verwenden.
 
Regionale Signale, das ist eine Kategorie, die Morris braucht, um die tatsächlich verblüffende Varianz der Bedeutung von Gesten in den verschiedenen Kulturen in seinem Buch darzustellen.
 
Taktstocksignale, "schlagen den Rhythmus zu unseren ausgesprochenen Gedanken. Ihre wesentliche Aufgabe besteht darin, diejenigen Aussagen im Fluß unserer Rede zu kennzeichnen, die wir besonders betonen möchten. Sie sind ein so integraler Bestandteil unseres Sprechvorgangs, daß wir manchmal sogar bei Telefongesprächen gestikulieren." 80
 
Während die bislang behandelten Gesten vor allem für die kommunikative Kooperationsform Instruktion/Beschreiben wichtig sind, gehören die Gesten zum Bestand jeder Argumentation, also zum Gegenstand der klassischen Rhetorik.

Die zwölf hier unterschiedenen Gesten eignen sich deshalb gut als Analyseraster für Mikroanalysen von Verkaufsgesprächen und Beratungen mit argumentativen Charakter. Vgl. die Abbildungen/schematischen Darstellungen auf 90/91!

 
1.
Leerlaufpräzisionsgriff (Handbörse, Daumen - Zeigefinger - Berührung)
2.
Intensionspräzisionsgriff (Fingerspitzen schließen sich nicht)
3.
Leerlaufkraftgriff (geballte Faust)
4.
Intensionskraftgriff
5.
Schlag in die Luft
6.
Handausstrecken, wobei zu unterscheiden ist, ob die Handfläche nach oben, nach unten, nach vorne, nach innen, oder zur Seite zeigt.
7.
Berührungsabsicht (Finger strahlenförmig auseinandergespreizt)
8.
Zusammengelegte Hände
9.
Zeigefingertaktschlag, wobei zwischen dem frontalen Vorstoßen des Zeigefingers und dem Taktschlagen mit dem erhobenen Zeigefinger zu unterscheiden ist.
10. Taktschlag mit dem Kopf
11. Taktschlag mit dem Körper
12. Taktschlag mit dem Fuß
 
Zu allen diesen Signalen gibt Morris psychologische Deutungen. Diese dürften in der gängigen Ratgeber-Literatur wieder auftauchen! (Man könnte in einer Studienarbeit untersuchen, inwieweit die verschiedenen Autoren zu ähnlichen Deutungen kommen/voneinander abgeschrieben haben.)
Hinweissignale, "die den Weg oder die Richtung weisen". 99
Die (Deixis) Wegweise-Gesten, "sind fast ausschließlich eine menschliche Fähigkeit, eine Besonderheit unserer Art."
Hier ist K. Bühler (Die Sprachtheorie) mit seiner Theorie der Deixis entschieden genauer. Typischerweise läßt sich dieses Zeigen auch immer durch sprachliche Formulierungen substituieren. Vergleiche das schöne Beispiel auf Seite 100.
 
Mit Hilfe der Deixis können z.B. ein Junge und ein Mädchen quer durch einen überfüllten Raum ein Rendezvous vereinbaren, ohne auch nur ein einziges Wort zu sprechen. Frage und Antwort spielen sich etwa folgendermaßen ab:
ER (ohne Worte):   "Können wir uns morgen um fünf Uhr treffen?"
Gesten: (1) Er zeigt auf sie und auf sich selbst (= "wir"),
  (2) macht einen Zeigefingersprung nach vorn (= "morgen"),
  (3) hält fünf Finger hoch (= "um fünf Uhr nachmittags").
Sie (ohne Worte):   "Nein, aber übermorgen um fünf Uhr."
Gesten: (1) Sie schüttelt den Kopf (= "nein"),
  (2) macht zwei Zeigefinger-Sprünge nach vorn (= "übermorgen"),
  (3) hält fünf Finger hoch ("fünf Uhr nachmittags").
 
Über das Deuten mit dem Daumen: "Wir sprechen davon, daß wir 'auf etwas den Daumen draufhaben', und das bedeutet soviel wie: es befindet sich unter unserer Kontrolle, in unserer Macht. Der richtungsweisende Daumenstoß steht also in einem unbewußten Zusammenhang mit dem Begriff 'physische Kraft'. Niemals würde deshalb ein Untergebener einem Vorgesetzten die Richtung mit Hilfe des Daumenzeichens angeben - es sei denn, er wolle ihn bewußt herausfordern.
Die einzige Ausnahme von dieser Regel ist, wenn man die Richtung mit dem Daumen über die eigene Schulter anzeigt." S. 102
Beim Herbeiwinken mit der ganzen Hand zeigt die Handfläche in manchen Ländern nach oben in anderen nach unten. Vgl. die Graphik auf S. 103.
 
Beim Herbeiwinken mit der ganzen Hand zeigt die Handfläche in manchen Ländern nach oben, in anderen nach unten. Die Graphiken verdeutlichen, wie sich die lokale Vorliebe für eine Handhaltung verändert, wenn man sich von England aus quer durch Europa nach Nordafrika bewegt (Graphik nach Morris u.a., Gesture Maps).
Beim Herbeiwinken mit der ganzen Hand zeigt die Handfläche in manchen Ländern nach oben, in anderen nach unten. Die Graphiken verdeutlichen, wie sich die lokale Vorliebe für eine Handhaltung verändert, wenn man sich von England aus quer durch Europa nach Nordafrika bewegt (Graphik nach Morris u.a., Gesture Maps).
 
Ja/Nein - Zeichen, "mit denen wir Zustimmung oder Ablehnung ausdrücken". Hier zeigen sich kulturelle Unterschiede besonders deutlich!
 
Blickverhalten
"Wenn zwei Menschen sich begegnen und Augenkontakt miteinander aufnehmen, geraten sie sofort in einen Konfliktzustand. Sie wollen sich einerseits anblicken, andererseits wollen sie gleichzeitig wegschauen. Dadurch entsteht eine komplizierte Folge von Augenbewegungen hin und her. Eine genaue Untersuchung dieses 'Blickverhaltens' kann viel über die Beziehung zweier Menschen aussagen." 110
"Zieht man zusammenfassende Schlüsse aus diesen spannungsvollen Szenen von Haß und Liebe, kann man sagen, daß ein direktes Anstarren starke aktive Liebes-, Haß- und Angstgefühle, ein abgewandter Blick Schüchternheit, lässige Überlegenheit und Unterwürfigkeit anzeigen. Da es im Prinzip nur zwei Arten des Blickverhaltens gibt - Anblicken und Wegschauen -, hängt es vom begleitenden Gesichtsausdruck ab, welche der drei Grundstimmungen beteiligt ist: Liebe, Zorn oder Angst." 113
"Wir sind uns unserer Augenbewegungen beim Plaudern und Trinken ebensowenig bewußt, wie der dabei vorgehenden Veränderungen. Tatsächlich schauen wir unsere Gesprächspartner nämlich unbewußt zunehmend oder abnehmend lange an. Findet etwa ein Mann eine Kollegin ungewöhnlich reizvoll, dann zeigt er das nur dadurch, daß er, wenn ihre Augen sich begegnen, sie länger anblickt als üblich. Ist ein anderer gezwungen, sich mit einer wenig anziehenden Gastgeberin zu unterhalten, zeigt seine innere Reaktion nicht durch sein strahlendes Lächeln, sondern durch die Kürze des ihr zugewandten Blickes. Ähnlich tendiert ein eher feindselig eingestellter, dabei aber dominierender Gast dazu, seine Partner durch überlanges Anblicken zu fixieren; die Folge ist, daß seine zwar lächelnde, insgeheim aber nervösen 'Opfer' ihre Blicke viel länger abschweifen lassen, als bei normalen Begegnungen." 113
Um die Blickrichtung genauer verfolgen zu können, leistet das Weiße in unseren Augen gute Dienste. Dies ist ein Spezifikum des Menschen, anderen Primaten fehlt es.
"Gerade die Entwicklung der Sprache hat den Augenkontakt zu einem so bedeutsamen und nützlichen gestischen 'Sender' gemacht.
Beobachtet man die Augen von zwei im Gespräch vertieften Menschen, so kann man sehr charakteristische 'tanzende' Blickwanderungen feststellen. Der Sprecher beginnt seine Ausführungen mit einem Blick auf seinen Partner. Dann wendet er mit zunehmendem Gewicht seiner Gedanken und Worte seinen Blick ab. Gegen Ende seiner Äußerungen schaut er wieder kurz seinen Partner an, um festzustellen, welchen Eindruck seine Worte hinterlassen haben. Während dieser Zeit hat der Zuhörer den Sprecher genau beobachtet, aber jetzt, da der Zuhörer selbst zum Sprecher wird, blickt er seinerseits weg und wirft gelegentliche Blicke, um die Wirkung seiner Worte zu prüfen. Auf diese Weise wechseln Rede und Blicke nach einem allgemein vorhersagbaren Muster hin und her.
Bei der gewöhnlichen Unterhaltung sind es die Augenblicke des kurzen Augenkontakts beim Wechseln von der Sprecher- zur Zuhörerrolle und umgekehrt, bei denen sich die Schwankungen im Aufmerksamkeitsgrad bemerkbar machen. Gerade an diesen Stellen hält ein Verliebter länger inne als gewöhnlich und blickt das geliebte Mädchen an. Dabei fühlt sie sich unbehaglich, denn entweder muß sie seinen Blick erwidern oder wegschauen, während er spricht. Spricht er weiter und blickt die Angebetete unverwandt an, während sie wegschaut, dann wird sie zur 'Schüchternen', und das paßt ihr nicht. Erwidert sie aber seinen Blick, dann hat er sie zu einem 'Liebesblick' gezwungen, und das paßt ihr auch wieder nicht. Aber meist geht es nicht so weit. Er verlängert die Dauer seines Blickes nur um einen winzigen Augenblick, der gerade lang genug ist, um seine Nachricht zu übermitteln, oder peinlich zu werden." 114
Die genaue Verhaltensbeobachtung zeigt, daß für uns normalerweise nicht alle Gesichtspartien gleich wichtig sind. Insbesondere das 'Dreieck': Augen - Mund werden häufig und lange auf der Suche nach mimischen Informationen abgetastet. (Vgl. die Abb. 79 u. 80!)
 
Wenn wir ein menschliches Gesicht aus der Nähe fixieren, ruht unser Blick nicht sehr lange auf genau demselben Punkt. Wir suchen mit dem Augen das ganze Gesicht ab, wobei wir uns jedoch besonders auf Mund und Augen konzentrieren, wie diese experimentelle Aufzeichnung der Augenbewegungen einer Versuchsperson zeigt, die drei Minuten lang die Fotografie eines Mädchengesichts betrachtete (nach Yarbus).
 
Grußzeremonielle (118-125)
Werden in vier Phasen eingeteilt:
- die zur Schau gestellte Bemühung
- der Fernkontakt (Lächeln, Hochziehen der Augenbrauen, Kopfheben, Heben der Hand, Winken, angedeutete Umarmung)
- Nahkontakt
- Pflegeschauspiel
 
Haltungs-Echo
Wegen der Bedeutung dieses Phänomens für jegliche Kommunikationstheorie und -analyse sei der vollständige Textabschnitt von Morris nachfolgend wiedergegeben.
 
Das Haltungs-Echo
Wie Freunde und Liebende unbewußt gleich handeln
 
Wenn zwei Freunde zwanglos miteinander reden, nehmen sie in der Regel ähnliche Körperhaltungen ein. Sind sie besonders eng befreundet und haben sie die gleichen Auffassungen über die gerade besprochenen Themen, dann werden ihre Körperhaltungen noch ähnlicher, und zwar in so starkem Maße, daß man sie für gegenseitig kopiert halten könnte. Es handelt sich jedoch nicht um bewußte Imitation. Die beiden Freunde geben sich vielmehr ganz automatisch einem solchen "Haltungs-Echo" hin und finden darin unbewußt eine Art körperlichen Ausdrucks ihrer Freundschaft.
Das hat seinen Grund. Eine echte freundschaftliche Bindung ist gewöhnlich nur zwischen zwei Menschen von etwa gleichem gesellschaftlichem Status möglich. Diese Gleichheit wird in vielfältiger Weise indirekt demonstriert, aber sie wird bei persönlichen Begegnungen noch verstärkt durch gleichartige Körperhaltungen etwa der Entspanntheit oder der Anspannung. Auf diese Weise vermittelt der Körper stumm die Botschaft: "Schau her, ich bin genauso wie du!" Diese Botschaft wird unbewußt übermittelt und ebenso verstanden. Freunde fühlen sich einfach wohl, wenn sie zusammen sind (siehe auch Farbabbildung F 18, Seite 88).
Die Präzision des Haltungs-Echos kann einen erstaunlich hohen Grad erreichen. Zwei Freunde, die sich in einem Restaurant unterhalten, stützen den gleichen Ellenbogen auf den Tisch, neigen ihren Körper im gleichen Winkel vor und nicken zustimmend im gleichen Rhythmus. Zwei andere Freunde, die sich in Sesseln gegenübersitzen, kreuzen ihre Beine auf genau die gleiche Art und legen beide einen Arm in den Schoß. Wenn zwei Freunde an einer Mauer stehen und sich unterhalten, lehnen sich beide in der gleichen Haltung dagegen und stecken eine Hand in die Tasche.
Noch auffallender ist die Tatsache, daß Freunde auch im Gespräch ihre Bewegungen 'synchronisieren'. Ändert der eine seine Beinhaltung oder lehnt sich ein wenig zurück, tut es der andere auch. Zündet sich der eine eine Zigarette an oder trinkt etwas, dann versucht er den anderen ebenfalls dazu zu überreden. Gelingt ihm das nicht, ist er enttäuscht. Denn wenn sie nicht beide gleichzeitig rauchen oder trinken, geht ein wenig von der Gleichförmigkeit ihres Verhaltens verloren. In solchen Situationen besteht häufig der eine hartnäckig darauf, daß der andere 'mitzieht', selbst wenn offensichtlich nicht daran interessiert ist. Häufig gibt dann der andere widerstrebend nach, um den Gleichklang ihrer Handlungen aufrechtzuerhalten.
"Setz dich doch, es ist so unbequem zu stehen", ist eine häufige Aufforderrung, die zu;einem Haltungs-Echo führen kann. Freundesgruppen verhalten sich gewöhnlich so, daß sie Körperhaltung und Bewegungsrhythmus miteinander in Einklang bringen. Man bekommt dann subjektiv das Gefühl,
 
88 Wenn Freunde zusammen sind, die gleichen gesellschaftlichen Status und ähnliche Meinungen haben, dann nehmen sie oft eine beinahe identische Körperhaltung ein. Dieses Haltungs-Echo wird hier durch ein Beispiel illustriert: Das "Echo-Anlehnen".
88 Wenn Freunde zusammen sind, die gleichen gesellschaftlichen Status und ähnliche Meinungen haben, dann nehmen sie oft eine beinahe identische Körperhaltung ein. Dieses Haltungs-Echo wird hier durch ein Beispiel illustriert: Das "Echo-Anlehnen".
89 Ein weiteres Beispiel für Haltungs-Echo: Verschlungene Beine.
 
daß man sich wohl fühlt. Dieses angenehme Gefühl kann eine einzige Person leicht dadurch zerstören, daß sie eine völlig andere Haltung einnimmt - etwa eine steif-formelle oder unruhig-ängstliche. Obwohl der Betreffende kein störendes Wort sagt, kann er so die freundschaftliche Atmosphäre eines Treffens zerstören.
Ähnlich kritisch wird die Situation bei einer sehr lebendigen Zusammenkunft von Freunden, wenn einer von ihnen lethargisch im Sessel sitzt. Die anderen werden ihn zum Mitmachen auffordern und als "Spielverderber" bezeichnen, wenn er aus irgendeinem Grund nicht will. Der Betreffende selbst hat weder etwas Negatives gesagt noch die anderen bei ihrem Tun und Treiben aktiv gestört. Er hat lediglich das Haltungs-Echo der Gruppe zerstört.
Gleiches Verhalten entspricht einer auf gleichem Status beruhenden Freundschaft; daher können überlegene Personen diesen Gleichklang dazu benutzen, einem Unterlegenen das Gefühl der Entspannung zu vermitteln. Ein Therapeut kann seinem Patienten dadurch zur Entspannung verhelfen, daß er dessen Körperhaltung bewußt kopiert. Sitzt der Patient in seinem Stuhl ruhig und leicht nach vorn gebeugt, kann der Arzt, in umnittelbarer Nähe sitzend, eine ähnliche Haltung einnehmen. Auf diese Weise wird er rascher Kontakt zum Patienten bekommen, als wenn er selbst die typisch dominierende Stellung hinter seinem Schreibtisch einnähme.
Immer wenn ein Vorgesetzter einem Untergebenen begegnet, signalisieren beide ihre gegenseitige Beziehung durch ihre Körperhaltung. Der Untergebene kann eine solche Situation leicht manipulieren: Statt sich auf die Stuhlkante zu setzen und sich dienstbeflissen vorzubeugen, kann er sich voll zurücklehnen und seine Beine breit und bequem ausstrecken. Dadurch imitiert er sein Gegenüber mit höherem sozialen Status. Selbst wenn er sich dabei verbal höflich verhält, hinterläßt seine Haltung einen starken Eindruck, und ein Experiment in dieser Richtung sollte man sich für den Zeitpunkt unmittelbar vor seiner Kündigung bzw. Pensionierung aufheben wenn man nichts riskieren will.
Gelegentlich kann man zwei verschiedene Haltungs-Echos in der gleichen Gruppe entdecken. In der Regel hängt das mit der "Parteinahme" der einzelnen Gruppenmitglieder zusammen. Stehen drei Teilnehmer einer Diskussion vier anderen Teilnehmern gegenüber, dann bemühen sich die Mitglieder jeder Untergruppe, ihre Körperhaltung und -bewegungen aufeinander abzustimmen, und zwar so, daß sie sich deutlich von der anderen Untergruppe unterscheiden. Manchmal kann man sogar voraussagen, wann jemand in der Diskussion die Seiten wechselt, bevor der Betreffende dies mit Worten zum Ausdruck bringt: allein aufgrund der Tatsache, daß seine Körperhaltung sich derjenigen der anderen Untergruppe anzunähern beginnt. Wirkt ein Vermittler bei einer solchen Diskussion mit, wird er, um seine Neutralität zu betonen, auch eine "vermittelnde" Körperhaltung einnehmen, die Elemente aus den typischen Körperhaltungen beider Gruppe verbindet.
Neue Untersuchungen über derartige Situationen - bei denen zur Wahrnehmung auch subtilster Haltungsänderungen Zeitlupenaufnahmen gemacht wurden - haben ergeben, daß es sogar eine Art "Mikrosynchronie" ganz winziger Bewegungen gibt, die mit bloßem Auge kaum wahrzunehmen sind. Winzige, in Bruchteilen von Sekunden ablaufende Kopf-, Finger und Lippenbewegungen sowie kleinste Veränderungen der Körperhaltung erweisen sich als aufs schönste aufeinander abgestimmt, wenn zwei Menschen sich in "harmonischem" Gleichklang miteinander befinden. Die Rhythmik dieses Gleichklangs ist so außerordentlich subtil, daß man sie erst bei genauer Zeitlupenanalyse richtig wahrnimmt. Dennoch kann das menschliche Gehirn offensichtlich die allgemeine Bedeutung dieser Synchronie erfassen und reagiert darauf mit Sympathiegefühlen für die Personen, die unsere Körperhaltung spiegeln. Eine acht Jahre dauernde Untersuchung mit Zeitlupenaufnahmen von Menschen, die zwanglos miteinander plaudern, hat gezeigt, daß die Präzision beim Gleichklang der Bewegungen von Sprecher und Zuhörer so groß ist, daß sie sich innerhalb von 1/48 Sekunde vollziehen. Plötzliche, winzige Bewegungselemente setzen gleichzeitig beim Sprecher und beim Zuhörer ein. Während der Sprecher mit seinem Körper bestimmten Worten Nachdruck verleiht, macht der Zuhörer gIeichzeitig entsprechende Körperbewegungen mit. Je freundschaftlicher zwei Menschen einander gesonnen sind, desto mehr Gleichklang zeigt sich in ihrem Bewegungsrhythmus. In diesem Fall besteht das Echo jedoch mehr aus gleichem Rhythmus als aus genau gleicher Körperhaltung. Die beiden Partner kopieren nicht zwangsläufig die genauen Bewegungen des anderen, sondern eher das Tempo ihrer Darbietung. So kann beispielsweise der Sprecher zu seinen Worten Taktstock-Signale mit winzigen Kopf- und Handbewegungen geben, während der Zuhörer diesen Rhythmus durch minimale Körperbewegungen nachvollzieht. Eine wichtige Entdeckung machte man bei Filmaufnahmen von Unterhaltungen mit geistesgestörten Patienten Hier gab es kaum oder keinen Gleichklang - das Echo fehlte und mit ihm auch die Freundschaftsbeziehung. Gerade diese Tatsache trug in starken Maße zu dem Gefühl des Fremdseins bei, wenn man mit diesen Patienten zusammentraf und mit ihnen sozialen Kontakt aufzunehmen versuchte.
In jüngster Zeit sind in der amerikanischen Umgangssprache die Ausdrücke good vibes und bad vibes aufgetaucht - wobei unter vibes eine Abkürzung für vibrations (Schwingungen) zu verstehen ist -, und es scheint, als blitze hinter diesen Ausdrücken, die beschreiben, wie gut oder schlecht man mit einem anderen auf Anhieb "warm wird", ein intuitives Verständnis des Haltungs-Echos auf, dieses unbewußten Gleichklangs kleiner und kleinster Körperbewegungen, der für den Ablauf unserer täglichen Begegnungen mit anderen Menschen von so fundamentaler Bedeutung ist."
 
Bindungszeichen, "jede Handlung, die das Vorhandensein einer persönlichen Beziehung anzeigt". 130
Begrüßung, Unterhaken, sich mit anderen in der Öffentlichkeit zeigen usf. Man kann zwischen indirektem und direktem Bindungszeichen unterscheiden. 136 Ein Beispiel für letzteres sind
 
Bindungszeichen mit Körperkontakt. Dieser liegt vor, "wenn die Bindung zwischen zwei Menschen in Form gegenseitiger körperlicher Berührung zum Ausdruck kommt" 137:
"Untersuchungen haben ergeben, daß insgesamt 457 Arten von Körperkontakten unterscheidbar sind, aber viele kommen nur selten vor und sind daher bedeutungslos." 137
Warum sind es nicht 458 oder 370, oder 1016? Diese Form von Zählwissenschaft liefert nur vage Erkenntnisse. Als wichtige Formen werden aufgeführt
- Händeschütteln
- körperliches Führen
- der Klaps
- Unterhaken
- Arm-um-die-Schulter legen
- Umarmung
- Händchen halten
- Taillenumarmung
- Kuß
- Berührung des Kopfes mit der Hand
- Kopf-an-Kopf-Kontakt
- Liebkosung
- Körperstütze
- Scheinangriff
 
Selbstkontakte
"Wenn wir unseren eigenen Körper berühren..... Die Tatsache, daß wir unbewußt handeln, wenn wir uns selbst berühren, bedeutet allerdings nicht, daß dies unwichtig oder unsinnig sei. Diese Berührungen lassen im Gegenteil Schlüsse auf unsere seelische Verfassung zu." 147
"Diese 'Selbstintimitäten' kann man als Bewegungen bezeichnen, die Behagen bereiten, weil sie unbewußte Nachahmungen einer Berührung durch andere Menschen sind." 147
Ob das egozentrische, Ich-bezogene, Verhalten wirklich nur eine Kompensation, ein Ersatz, für interaktiven Austausch ist, bleibt wohl diskussionswürdig. (Vgl. die Diskussion über die Entwicklung der Sprache bei Kindern zwischen Piaget und Wygolski.)
An Hand-Kopf-Gesten wird unterschieden: Die Kieferstütze, die Kinnstütze, die Haarberührung, die Wangenstütze, die Mundberührung, die Schläfenstütze. "All diese Gesten treten gleichermaßen bei erwachsenen Männern und Frauen auf, nur bei der Haarberührung besteht ein drei zu eins Verhältnis zugunsten der Frauen, bei der Schläfenstütze ein zwei zu eins Verhältnis zugunsten der Männer." 148 Überhaupt zeigt sich bei dieser Form von Gesten die deutlichsten geschlechtsspezifischen Unterschiede.
 
Ungewollte nichtverbale Information
"Am besten kann man also jemanden täuschen, wenn man seine Signale auf Worte und den Gesichtsausdruck beschränkt. Am wirkungsvollsten gelingt das, wenn man den Rest des Körpers entweder ganz verbirgt oder aber ihn mit einer komplizierten mechanischen Aufgabe beschäftigt, die körperliche Geschicklichkeit verlangt." 153
Diese Erkenntnis dürfte im Ürigen eine der Ursachen für die Verwendung von Masken, Kleidung und da vor allem von Uniformen sein. In dem von Morris beratenen Film 'Am Anfang war das Feuer' von A. Artaud dient die Verwendung von Masken bei den verschiedenen urzeitlichen Stämmen dazu, kulturelle Eintwicklungsstufen zu unterscheiden. Höherentwickelte Stämme, die z.B. Feuer selbst anfachen können, tragen gesichtsverbergende Masken.
Indikatoren der Lügen:
1.
Die Häufigkeit von einfachen Gesten mit den Händen nimmt ab. "Die Handbewegungen, mit denen die normalerweise ihre verbalen Aussagen unterstrichen, waren (bei den Lügnern) erheblich reduziert." 157
2.
Die Häufigkeit der Selbstkontakte mit der Hand im Gesicht nimmt zu.
3.
Seitliche Körperbewegungen, hin- und herrutschen auf dem Stuhl nimmt zu. (Fluchtbewegungen!)
4.
Das Zucken mit den Händen nimmt zu.
5.
Am Gesichtsausdruck sind Unterschiede häufig nur mit Hilfe von Zeitlupenaufnahmen zu entdecken. "Der Gesichtsausdruck beginnt sich zu verändern, aber innerhalb von Sekundenbruchteilen wird diese Veränderung jäh abgebrochen." 159
 
"Je mehr sich jemand einer bestimmten Handlung bewußt ist, desto wahrscheinlicher handelt es sich um eine 'Körperlüge'. Unbewußte Gesten lassen sich kaum vortäuschen; in ihnen spiegelt sich daher die echte innere Stimmung wieder.
Wenn man dies im Auge behält, kann man für verschiedene Typen von Gesten eine Glaubhaftigkeitsskala aufstellen. Wenn man mit den glaubhaftesten Handlungen beginnt und mit den am wenig glaubhaften abschließt, ergibt sich folgende Reihenfolge:
1. Autonome Signale,
2. Bein- und Fußsignale,
3. Körpersignale,
4. nicht identifiziertes Gestikulieren,
5. klar verständliche Handgesten,
6. Gesichtsausdrücke
7. Verbale Formulierungen.
Natürlich ist dies eine grobe Vereinfachung, aber solange wir darüber nicht mehr wissen, kann diese Skala als Richtlinie dienen. Beobachtet man z.B. ein widersprüchliches Signal, das aus den Elementen 1, 3, 6 und 7 besteht, so kann man mit einiger Sicherheit auf die Botschaft von 1 und 3 vertrauen und die von 6 und 7 außerachtlassen." 163
 
Widersprüchliche Signale
liegen vor "wenn wir gleichzeitig zwei gegensätzliche Signale geben." 162
Morris unterscheidet zwischen ambivalenten und widersprüchlichen Signalen. "Bei ambivalenten Signalen ist die Ursache der Widersprüchlichkeit eine gemischte Stimmung". 162 Bei widersprüchlichen Signalen liegt ein Täuschungsversuch vor. Man lächelt z.B., obwohl man traurig ist - und man weiß, daß man lächelt. Woher kann nun aber der Beobachter entscheiden bei welchem Signal die mehr oder weniger bewußte Täuschung vorliegt?
"Die Wahrscheinlichkeit dafür, daß eine Handlung die wahre innere Stimmung wiederspiegelt ist umso größer, 1. je weiter vom Gesicht entfernt sie abläuft; 2. je weniger sich der Betreffende dieser Handlung bewußt ist, und 3. wenn der Fall vorliegt, daß es sich um eine nicht identifizierte unbenannte Geste handelt, die noch nicht zum festen Verhaltensrepertoire weiterer Bevölkerungschichten gehört....... (Glaubhaftigkeitsskala!)
Sehen wir ein lachenden Gesicht, aber einen steifen, unbeweglichen Körper, dann werden wir mehr dem Körper trauen als dem Gesicht." 167
"Beobachten wir beispielsweise einen schüchtern gesenkten Kopf, aus dem uns die Augen kühn aufwärts anblicken, dann können wir uns auf die Augen verlassen. Das können wir getrost tun, weil das schüchterne Senken des Kopfen eine sorgfältig geplante Geste ist; sie läßt sich deswegen leicht in ein bewußtes Täuschungsmanöver einbeziehen." 167
Unbefriedigende Signale sind solche, die "in gewisser Weise hinter der Erwartung zurückbleiben". 169
 
Übertriebene Signale sind Handlungen, "die im Verhältnis zu ihrer Aussage stark überzogen" sind. 172
 
Statusdarstellungen dienen "Demonstration eines bestimmten sozialen Ranges". 175

 

Territorialverhalten, die Verteidigung eines abgegrenzten Gebietes. Es werden drei Arten von Territorien unterschieden: "Das Stammes-, das Familien- und das persönliche Territorium." 183
"So wie der Hund sein 'Revier' markiert, in dem er sein Bein an bestimmten Bäumen hebt und seine 'persönliche Duftnote' hinterläßt, so verbreitet auch der Mensch überall in seinem Territorium symbolisch seine persönliche Note. Da wir aber vorwiegend auf visuelle Signale reagieren, benutzen wir diese in erster Linie." 184 Die Stammesterritorien werden z.B. durch Flaggen, Embleme, Uniformen, Marschlieder, Nationalhymnen, Zollschranken usf. abgegrenzt. Das Familienterritorium kennzeichnet man durch spezielle Möbel, Farben oder außerhalb der Wohnung durch Körbe, Handtücher usf.
Der persönliche Umraum wird durch kulturspezifisches Distanzverhalten gesichert. "Dringt ein anderer Mensch in diesen Umraum ein, fühlen wir uns bedroht. Hält er sich übermäßig weit von dieser Grenze entfernt, empfinden wir dies als Ablehnung. Daraus ergibt sich eine ganze Reihe feiner räumlicher Anpassungen, die sich in der Regel unbewußt vollziehen und meist zu tragbaren Kompromissen führen. Nur wenn ein Raum überfüllt ist, gestatten wir eine Verkleinerung unseres persönlichen Umraums." 196 Man tut in überfüllten Straßenbahnen dann einfach so, als wenn die umstehenden Personen keine Personen sondern Dinge wären. Daraus erklärt sich auch die Beobachtung, daß mit zunehmender Gruppengröße und Gedränge der soziale Kontakt nicht etwa zu- sondern eher abnimmt.
Die Standardwerke zu diesem Thema hat Edward T. Hall geschrieben (The Silent Language, New York 1959; The Hidden Dimension, London 1966)
In Wohnungen wird oftmals der persönliche 'Platz' markiert, ein bestimmter Fernsehsessel, der immer gleiche Stuhl am Eßtisch usf.
Selbstverständlich gibt es solche persönlichen Umräume auch in Geschäften und im Büro: etwa hinter dem Tresen, bzw. dem Schreibtisch. Es wäre interessant zu verfolgen, welchen Grad an Öffentlichkeit die verschiedenen 'Ecken' z.B. in einem Blumenladen haben.
 
Barrieresignale
"Hinter einer Barriere fühlen sich die Menschen sicherer. Ist eine soziale Situation in irgendeiner Form bedrohlich, entsteht sofort das Bedürfnis, ein Hindernis zu errichten. Ein kleines Kind, das sich einem Fremden gegenübersieht, löst dieses Problem in der Regel dadurch, daß es sich hinter der Mutter versteckt und von dort verstohlene Blicke auf den Fremden wirft, um festzustellen, was dieser vorhat. Ist der Körper der Mutter nicht verfügbar, genügt auch ein Stuhl oder irgendein anderes Möbelstück." 201 Bei den Erwachsenen werden solche Schutz- und Fluchthandlungen nur noch symbolisch vollzogen. (Vgl. die Abb.) Wichtige Formen sind:
Kreuzen von Händen, Armen oder Beinen vor dem Körper. (Z.B. mit der rechten Hand am linken Manschettenknopf bzw. in der Handtasche, über dem linken Arm hängt hantieren.) "Interessanterweise haben Beobachtungen ergeben, daß es bei einer Begrüßungssituation höchst unwahrscheinlich ist, daß sowohl der Grüßende als auch der Begrüßte solche Gesten macht. Ohne Rücksicht auf seinen Status ist es nahezu immer der Neuankömmling, der diese Bewegung des 'Kreuzens vor dem Körper' macht, denn er ist es ja, der in das Territorium des Begrüßungskommittes eindringt." 202/204
Barrieresignale können auch Werkzeuge wie z.B. der Schreibtisch, die Handtasche, der Spazierstock u.a. sein.
Das ‘Kreuzen vor dem Körper’ – eine in Augeblicken der Spannung vorübergehend aufgebaute Barriere. Wenn Menschen sich bloßgestellt oder bedroht fühlen, errichten sie körperlichen Barrieren. Das kann durch einfaches Verschränken der Arme geschehen, aber auch als kleine ‘Korrekturgeste’ getarnt sein: als ein Manschetten
126-128 Das ‘Kreuzen vor dem Körper’ – eine in Augeblicken der Spannung vorübergehend aufgebaute Barriere. Wenn Menschen sich bloßgestellt oder bedroht fühlen, errichten sie körperlichen Barrieren. Das kann durch einfaches Verschränken der Arme geschehen, aber auch als kleine ‘Korrekturgeste’ getarnt sein: als ein Manschetten- (126) oder Handtasche-Zurechtrücken (127) oder eine Armbandüberprüfung (128). Auch erfahrene Personen des öffentlichen Lebens zeigen dieses Bedürfnis, besonders häufig in Augenblicken, in denen sie den Ort einer formellen Veranstaltung betreten.
129 Mädchen in freizügigen Kleidern, die die Oberschenkel freigeben, zeigen oft ein spezielles Barriere-Signal zum Schutz ihrer Genitalzone. Sie klemmen die aneinandergepreßten Arme als ‘Schild’ zwischen ihre Schenkel oder ihre Knie.
 
Abwehrverhalten
"Vom Alter von vier Jahren an besitzt jeder gesunde Mensch das charakteristische Verhaltensmuster des Zusammenzuckens in dem Augenblick, wo plötzlich eine Gefahr droht..... Es ist stets das Gleiche: die Augen werden geschlossen, der Mund aufgerissen, Kopf und Hals nach vorn gestoßen, die Schultern hochgezogen und ebenfalls nach vorn geneigt, die Arme werden gebeugt, die Fäuste geballt, der Rumpf bewegt sich ruckartig nach vorn, die Bauchregion wird eingezogen und die Knie leicht gebeugt." 206
Ein in allen Spezies verbreitetes Abwehrverhalten ist der Angstschrei. Dabei gibt es bei Menschen offenbar einen Unterschied zwischen den Geschlechtern: "Erwachsene Männer schreiben meist unter großen Schmerzen, aber weniger häufig in Augenblicken der Panik und Angst. Kinder und Frauen benutzen den Schrei dagegen in beiden Situationen." 208 Vergleiche etwa das Verhalten in Achterbahnen.
"Die bei weiten größte Angst haben die Menschen vor Schlangen. Das gilt nicht nur für Länder, in denen es wirklich gefährliche Reptilien gibt, sondern auch für Länder wie Großbritannien, wo während einer einjährigen Reise durch die ländlichen Gebiete die Chance etwa eins zu fünfhundert Millionen ist, von einer Schlange getötet zu werden..... Die Reaktion der Bevölkerung auf Schlangen ist so stark, daß in Großbritannien nicht weniger als 19% aller Fernsehzuschauer zugaben, daß sie immer dann, wenn eine Schlange auf dem Bildschirm erscheine, entweder wegschauen oder den Fernseher abschalten." 209
Morris nimmt an, daß es sich bei dieser Schlangenangst um eine Erblast aus frühen Phasen der Menschheitsentwicklung handelt.
Weiterhin gehören zum Abwehrverhalten abergläubische Praktiken (Münze in den Brunnen werfen, Kerze auf einer Geburtstagstorte ausblasen, sowie das Tragen von Talismännern oder das Anbringen von angsteinflößenden Symbolen (Augen, Hörner) an Wohnungstüren und Schiffen usw.
 
Demutsverhalten
"Wenn jemand angegriffen wird, hat er fünf Alternativen: Er kann fliehen, kämpfen, sich verstecken, Hilfe herbeirufen oder versuchen, den Angreifer zu besänftigen." 214 Bleibt nur die letztere Möglichkeit, dann tritt das Demutsverhalten auf. Die Unterwerfung zeigt man am deutlichsten dadurch, "daß man sich möglichst klein macht. Das erreicht man auf zweifache Weise: Man krümmt den Körper zusammen und erniedrigt ihn gegenüber dem Angreifer." 214 Vorbeugen, zu Boden werfen, im Staub kriechen, Verbeugung des Verkäufers!, hohes Aufrichten des Lehrers!, Kopfducken der Schüler!
Regeln:
Wenn sich zwei Menschen begegnen, muß sich der Niederrangige verbeugen.
Wenn jemand in einer Gruppe eine entspannte Haltung einnimmt, so muß dies die dominante Person sein. (Aufstehen, wenn ein anderer das Zimmer betritt, aber sitzenbleiben beim Dienstpersonal). Morris leitet aus diesen Beobachtungen 'Demutsverhalten' in kritischen Situation, z.B. gegenüber Polizisten im Falle einer Ordnungswidrigkeit, ab:
-
Der Fahrer sollte seinen Wagen verlassen, weil dieser seinem persönlichen Territorium gehört und er auf diesem einen höheren Status besitzt.
-
"Dem Polizisten entgegegehen, bevor dieser auf den Wagen zugeht - denn je mehr dieser sich bewegen muß, desto unbequemer für ihn". 221
-
"Eine schlaffe Körperhaltung einnehmen und den Körper mit ängstlichem Gesichtsausdruck leicht vorbeugen - so übermittelt er Unterlegenheitssignale". 221
-
Im übrigen auch verbale Schuldeingeständnisse/Demutsgebärden vorbringen, kurz alles tun um den Status des Polizisten im Vergleich zu ihm zu erhöhen. Es sollte dazu führen, daß der Polizist Schwierigkeiten hat, sich feindselig zu verhalten und also auf der Geldstrafe zu bestehen. "Es ist erstaunlich, wie rasch angesichts totaler Unterwürfigkeit jede Feindseligkeit erstirbt." 222
Ob dieses Verhalten bei allen Polizisten und in allen Situationen die beabsichtigte Wirkung zeitigt, mag man getrost bezweifeln.
 
Religiöse Schaustellung, das sind Demutsakte "gegenüber dominanten Wesen, die man Götter nennt". 223
Altruistisches Verhalten. "Es muß dem Wohl eines anderen dienen und dem Wohltäter zum Nachteil gereichen". 228 Es handelt sich hier natürlich um die Umkehrung von Kampfverhalten, Wettbewerb. Vgl. die Tabelle auf S. 232.
Kampfverhalten
"Jeder Kampf resultiert aus dem Versagen von Drohgebärden." 233
Triumpfgebaren. Deren Skala reicht vom privaten freudigen Luftsprung bis zur öffentlichen Siegesfeier.
"Da Haltungen, die einen hohen Status widerspiegeln, ganz allgemein aufrechter, eindrucksvoller und breiter sind als solche, die niedrigen Status andeuten, überrascht es nicht, daß auch in nahezu allen Augenblicken des Triumpfes der Sieger seine Stimmung dadurch zu Ausdruck bringt, daß er sich irgendwie größer macht. Das kann durch Tanz- und Freudensprünge geschehen, oder weniger dramatisch, durch Aufrechthalten des Kopfes. In vielen Fällen werden auch die Arme hoch über den Kopf gestreckt, und zwar so hoch wie es nur irgend geht." 239
 
Abschalten, das sind Handlungen, "die visuelle Reize im Streßzustand abblocken".244 Es geht also hier um Gesten und Signale, die dazu dienen allzu starke Informationsaufnahmen abzublocken. Dies kann geschehen, indem man sich aus der Gesellschaft, der Gruppe, der Interaktion zurückzieht, indem man krank wird, indem man Drogen nimmt, meditiert usf. Weniger extreme Gesten sind das Schließen der Augen, Hände auf die Ohren pressen u.ä.
Neben diesen ungetarnten Formen des Abschaltens führt Morris vier Gesten an, "deren sich der Urheber kaum bewußt ist. Zunächst der ausweichende Blick: während sich jemand mit uns unterhält, blickt er ungewöhnlich lange weg. Er kann offenbar unseren Blick nicht ertragen und starrt irgendeinen Gegenstand an der Seite oder auf dem Fußboden an. Zweitens: der Wechselblick, bei dem jemand im schnellen Wechsel wegschaut und uns wieder anschaut und dies im Verlauf des Gesprächs laufend beibehält. Drittens: Der Flackerblick, bei dem uns jemand so anschaut, als wolle er uns in die Augen blicken, aber seine Augenlider zucken krampfhaft, als ob er die Augen gleichzeitig öffnen und schließen wolle, und keines von beiden gelinge. Viertens: der Stotterblick, bei dem uns jemand ebenfalls voll anblickt, aber immer wieder die Lider wie zum Blinzelns schließt, aber dann gleich sekundenlang.
Diese vier Formen des Abschaltens empfinden wir allesamt als unangenehm und irritierend, ohne sagen zu können, warum." 244/246
 
Autonome Signale
Hier geht es um die direkten Auswirkungen des sympathetischen und parasympathetischen Nervensystems, also Erhöhung des Blutdrucks, Erröten, Schweißproduktion usf. "Führt die Erregung des Körpers tatsächlich zu intensiver Aktivität, haben die autonomen Signale kaum Bedeutung. Die Tätigkeit selbst sagt uns alles was wir wissen wollen." 247 Vielsagend werden die autonomen Signale dann, wenn Aktivitäten, Fluchtreaktionen o.ä. aus verschiedenen Gründen nicht möglich sind. Z.B. Lampenfieber bei Fernsehauftritten.
 
Pupillensignale
Dieser Abschnitt ist für die Mikroanalyse von besonderer Bedeutung! Die mehr oder weniger große Pupille gibt uns Auskunft darüber, mit welcher Anstrengung/Intensität visuelle Informationen aus der Umwelt gesammelt werden. Vgl. auch die Farbabbildung auf S. 190/191. Pupillensignale lassen sich eigentlich nur durch Drogen und jedenfalls nicht kurzfristig mechanisch 'manipulieren'.
"Die menschlichen Pupillen erscheinen als schwarzer Punkt in der Mitte der farbigen Iris, und man weiß, daß sie Öffnungen sind, die mit wechselndem Lichteinfall größer oder kleiner werden. Bei gleißendem Sonnenlicht schrumpfen sie fast bis auf Stecknadelgröße zusammen - ihr Durchmesser beträgt dann etwa zwei Millimeter -, und in der Dämmerung erweitern sie sich auf etwa das vierfache dieser Größe. Aber nicht nur durch den Lichteinfall wird die Pupillengröße beeinflußt, sondern auch durch emotionale Eindrücke. Gerade sie können die Größe der Pupillen auch bei gleichbleibendem Lichteinfall erheblich verändern; daher ist die Veränderung des Pupillendurchmessers eine Art Stimmungsbarometer. Sehen wir etwas, das uns - freudig oder beängstigend - erregt, dann erweitern sich die Pupillen stärker, als bei den herrschenden Lichtverhältnissen zu erwarten wäre. Wenn wir etwas sehen, das uns mißfällt, ziehen sich die Pupillen stärker zusammen. Diese Veränderungen geschehen normalerweise ohne unser Wissen, und da sie sich auch weitgehend unserer Kontrolle entziehen, geben sie verläßliche Hinweise auf unsere wahren Gefühle.
Die Pupillensignale werden nicht nur unbewußt 'ausgestrahlt', sie werden auch unbewußt empfangen. Zwei Menschen empfinden eine emotionale Erregung, wenn ihre Pupillen sich weiten und eine Dämpfung ihrer Emotionen, wenn ihre Pupillen sich verengen. Es ist jedoch höchst unwahrscheinlich, daß sie diese Empfindungen mit den aufgenommenen Pupillensignalen in Verbindung bringen...." 252 Hierzu werden vielen Experimente vorgestellt. Vgl. die Abb. auf S. 254 und 255
 
Wenn Sie das Bild eins Säuglings betrachten, wird die Größe Ihrer Pupillen sich leicht verändern. Ob sie sich erweitern oder zusammenziehen, hängt dabei von Ihrem Geschlecht ab und davon, ob Sie Kinder haben. Man hat herausgefunden, daß ein Säuglingsfoto sowohl bei alleinstehenden Frauen als auch bei verheirateten kinderlosen Frauen und bei Müttern eine Erweiterung der Pupillen hervorruft. Dagegen zeigten ledige und kinderlos verheiratete Männer eine Pupillenverkleinerung, und nur Väter reagierten mit Erweiterung (nach Hess).
160-163 Wenn Sie das Bild eins Säuglings betrachten, wird die Größe Ihrer Pupillen sich leicht verändern. Ob sie sich erweitern oder zusammenziehen, hängt dabei von Ihrem Geschlecht ab und davon, ob Sie Kinder haben. Man hat herausgefunden, daß ein Säuglingsfoto sowohl bei alleinstehenden Frauen als auch bei verheirateten kinderlosen Frauen und bei Müttern eine Erweiterung der Pupillen hervorruft. Dagegen zeigten ledige und kinderlos verheiratete Männer eine Pupillenverkleinerung, und nur Väter reagierten mit Erweiterung (nach Hess).
 
Sowohl Männer als auch Frauen reagieren stark auf Fotos nackter Menschen des anderen Geschlechts, wenn man ihre unbewussten Pupillenreaktionen mißt.
164 Sowohl Männer als auch Frauen reagieren stark auf Fotos nackter Menschen des anderen Geschlechts, wenn man ihre unbewussten Pupillenreaktionen mißt.
 
Für die Verkaufssituationen sind diese Beobachtungen insofern von Bedeutung, als Pupillenerweiterung als Anzeichen für ein besonderes Kaufinteresse gelten kann. Vgl. die Jadehändler im vorrevolutionären China. 257
 
Intentionsbewegungen,
das sind "kleine vorbereitete Bewegungen" 258. Weil sie Hinweise darauf geben, was wir zu tun beabsichtigen kann man sie Intentionsbewegungen nennen. Von Bedeutung sind sie dann, wenn die beabsichtigte Handlung nicht ausgeführt wird und also nur die Anfangsphase der Handlungen sichtbar wird: "Wir beginnen sie und halten inne, wir beginnen erneut und halten wieder inne. Das ist sozusagen ein doppelter Hinweis: irgendetwas in uns drängt uns zum Handeln aber etwas anderes hält uns davon ab.
Die klassische Intentionsbewegung in gesellschaftlichen Situationen ist der 'Sesselgriff'. Gast und Gastgeber haben sich bereits eine Zeitlang unterhalten, aber der Gastgeber muß jetzt zu einer Verabredung. Sein Drang aufzustehen wird blokkiert durch den Wunsch, seinen Gast nicht zu verletzen." 258 In solchen Situationen kommt es vor, daß sich der Gastgeber vorlehnt, den Sesselgriff anfaßt und so tut, als ob er sich, gestützt auf die Lehne erheben wolle. "Das ist genau die erste Bewegung, die das tatsächliche Aufstehen einleiten würde. Zögerte er nicht, würde sie nur einen Bruchteil einer Sekunde dauern. Jetzt dauert sie jedoch wesentlich länger. Er bleibt in seiner 'Bereitschaftsstellung' und behält sie weiter bei." 258 Solche Bewegungen kann man natürlich auch bewußt als dezente Hinweise einsetzen.
Was nun die verschiedenen Intentionen bei den Vorbereitungsgesten sind, läßt weiten Interpretationsspielraum offen!
Übersprunghandlungen,
das sind "nervöse Ausweichhandlungen in Phasen höchster Spannung". S. 266 Dazu gehören z.B. das wiederholte Überprüfen des Tickets, das Herausnehmen der Pässe und ihr Wiedereinstecken, das Hantieren am Handgepäck usf. vor dem Besteigen von Flugzeug, Bahn usw. Interessanterweise hat man bei Beobachtungen auf Flughäfen und Bahnhöfen festgestellt, daß bei ersterem zehn Mal mehr Übersprunghandlungen auftreten. Vor Transatlantikflügen mit einem Jumbojet machen etwa 80% der Passagiere solche Handlungen. Vielfach sind sie entschieden unauffälliger: Andauerndes Streifen der Asche von der Zigarette, obwohl sich überhaupt keine mehr daran befindet, Durchbrechen von Streichhölzern, Gesichtsberührungen, Kratzen am Kopf usf.
"Es überrascht nicht, daß gesellschaftliche Zusammenkünfte ein wahrer Tummelplatz für Übersprunghandlungen sind: Während der Gastgeber durch das Zimmer geht, reibt er sich die Hände (Übersprung - Hände waschen); eine geladene Dame glättet sorgfältig ihr Kleid (Übersprung - putzen); ein männlicher Gast streichelt wiederholt seinen Bart (ebenfalls Übersprung - putzen); der Gastgeber bereitet Drinks, die Gäste nippen daran (Übersprung - trinken); die Gastgeberin bietet kleine Appetithappen an, die Gäste knabbern an ihnen (Übersprung - essen).
Typisch ist, daß keine dieser Handlungen ihre primäre Funktion erfüllt." 269
Solche Übersprunghandlungen sind der Normalfall. Ihr Ausbleiben ist eher auffällig: "Wir werden früher oder später in unserem Alltagsleben dem Drang nachgeben, kleine, unwichtige Dinge zu tun, die in keinem Zusammenhang mit der Situation stehen und in völlig fremde Verhaltensabläufe eingeschoben werden, wo sie uns helfen, einen inneren Verhaltensstau aufgrund widersprüchlicher Antriebe zu vermeiden." 269/270
 
Ersatzhandlungen, das sind solche, "die Unbeteiligte treffen aber nicht betreffen". 271
"Der wütende Manager trommelt mit der Faust auf seinen Schreibtisch. Die rasende Ehefrau wirft eine kostbare Vase gegen die Wand. Ein kleiner Junge trampelt auf einem zerbrechlichen Spielzeug herum." 271
 
Ablenkungsmanöver
Das sind Handlungen, "die eine vorhandene Stimmung durch eine neue auslöschen". Statt dasjenige Verhalten, das mir an meinem Gegenüber mißfällt, direkt anzusprechen, kann ich ihn auf andere Gedanken bringen und ihm zu einem Verhalten stimulieren, das mir angenehm ist.
 
Verletzende Gesten
Das sind herabwürdigende Signale, mit denen wir einander 'Respektlosigkeit und Verachtung zeigen'. 276
Morris stellt einerseits fest, daß jede Handlung, die man aus ihrem Zusammenhang löst, in anderen Kontexten als eine 'verletzende Geste' verwendet werden kann. Man nimmt aber an, daß es auch Handlungen gibt, mit denen man "immer eine herabwürdigende, beleidigende Wirkung erzielt". 276 Er unterscheidet bei letzteren folgende Kategorien:
1.
Signale des Desinteresses. 276 Dazu gehört z.B. das Ignorieren von Grüßen, das 'Schneiden' von Personen usf.
2.
Signale der Langeweile (tiefes Seufzen, in die Ferne starren, wiederholter Blick auf die Armbanduhr)
3.
Signale der Ungeduld (trommelnde Finger u. ä. Bewegungen, die den 'Rhythmus sich entfernender Schritte' (277) nachahmen
4.
Überlegenheitssignale (Zurückwerfen des Kopfes, Hochnäsigkeit)
5.
Deformierte Freundlichkeiten 280 (gekünsteltes Lächeln)
6.
Signale gespielten Unbehagens
7.
Zurückweisungssignale 280 (Hau-ab-Gesten)
8.
Spottsignale 282 (Auslachen, verhöhnen)
9.
Symbolische Beleidigungen, das sind kulturabhängige Gesten, wie lange Nase, an die Stirn tippen usf.
10.
Schmutzsignale (Ausspucken, obszöne Gesten)
 
Drohgebärden,
das sind "Warnsignale bei wachgerufener Aggressivität. Sie sind Handlungen, die, tatsächlich ausgeführt zu echten Angriffen führen müßten. Sie werden jedoch 'gebremst' und bleiben daher visuelle Signale." 288 Unterschieden werden wieder Intentionsbewegungen, aggressive Lehrlaufgesten, gehemmte Angriffbewegungen.
"Vergleicht man die menschliche Spezies mit anderen Tierarten, dann zeigt sich, daß wir nicht gerade reich mit körperlichen Drohgebärden gesegnet sind." 299 Dies wird durch kulturelle Erfindungen (Kriegsbemalung, Uniformen, Trommeln usf. wettgemacht.)
 
Obszöne Zeichen
Das sind solche "sexuelle Handlungen, die auf den Betrachter abstoßend wirken. Jede Kultur hat ihre eigenen sexuellen Tabus; diese sind zwar von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit verschieden, aber ganz allgemein kann man sagen, daß die Wahrscheinlichkeit für das Verbot einer öffentlichen Zurschaustellung steigt, je weiter eine sexuelle Handlung geht. Die sexuelle Begegnung beginnt damit, daß die Liebenden Händchen halten und endet damit, daß sie den Orgasmus erleben. Entsprechend bietet eine Handlung umso eher die Grundlage für eine obszöne Geste, je mehr sie sich der Orgasmusphase beim Geschlechtsakt nähert." 301 Morris überläßt die Entscheidung darüber, ob eine Geste als Kompliment oder als Obszönität gemeint ist, derjenigen Person, auf die sie sich bezieht. Das ist nicht sehr interaktiv gedacht.
 
Tabu-Zonen
sind "eine Körperpartie, die von Artgenossen nicht berührt werden darf." 310
"Nur Liebende untereinander und Eltern von Babies haben freien Zugang zu allen Teilen des Körpers des anderen. Ansonsten gilt eine abgestufte Skala von Tabuzonen für die Körperberührung." Vergleiche die Abbildung auf Seite 311.
 
221-224 Je dunkler die einzelnen Zonen gefärbt sind, desto strenger ist das Tabu ihrere Berührung. Die Körperzonen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer ‘Berührbarkeit’ sowohl nach Geschlecht als auch nach der Beziehung zur berührenden Person (nach Jourard).
 
Selbstentblößende Handlungen
Jede Gesellschaft legt fest, welche Typen von Handlungen öffentlichen, halböffentlichen oder privaten Charakter haben. Werden solche Regeln verletzt, ganz gleich ob unwissentlich, willentlich oder versehentlich, so spricht Morris von selbstentblößenden Handlungen. 314ff
 
Die Rocklänge der modernen westlichen Frau kann als Wirtschaftsbarometer dienen. Mit den Rocksäumen steigt und fällt auch die internationale Wirtschaftskonjunktur. Kurze Röcke entsprechen Perioden des Wachstums, lange Röcke Rezessionszeiten.
234 Die Rocklänge der modernen westlichen Frau kann als Wirtschaftsbarometer dienen. Mit den Rocksäumen steigt und fällt auch die internationale Wirtschaftskonjunktur. Kurze Röcke entsprechen Perioden des Wachstums, lange Röcke Rezessionszeiten.
 
Bekleidungssignale
"Es gibt keine Kleidung, die nicht irgendwelche sozialen Signale aussendet. Die Zusammenstellung erzählt eine Geschichte, oft eine sehr subtile, über den, der sie trägt." 322
Es werden drei Quellen von Kleidung als menschlichen Verhaltensmuster unterschieden: "Nützlichkeit, sittsame Bedeckung und Signalfunktion." 322 "Noch 1930 durfte in Hollywoodfilmen kein unverhüllter Nabel zu sehen sein, und nackte weibliche Brüste erschienen vor 1960 in keiner Zeitschrift." 326
Kleidungen haben in vielerlei Hinsicht Signalwirkung. "Eines der größten Rätsel dabei ist die Beziehung zwischen weiblicher Rocklänge und wirtschaftlicher Gesamtsituation. In unserem Jahrhundert hat es seit dem Ersten Weltkrieg eine ziemlich genaue Korrelation zwischen der weiblichen Rocklänge und der wirtschaftlichen Gesamtsituation gegeben. .... wenn die Aktien steigen, steigt auch der Rocksaum, wenn sie fallen, dann fällt er mit ihnen. ...." 331 "In den 'goldenen' Zwanziger Jahren wurden die kurzen Charlston-Röcklein getragen, auf die in der Depressionszeit der dreißiger Jahre wesentlich längere Röcke folgten." 334
Die Zusammenhänge veranschaulicht die Abbildung 234/S.333.
Körperschmuck
Er weist "auf den sozialen Status, die sexuelle Kontaktbereitschaft, die Aggressivität, die Angepaßheit, die Abenteuerlust oder auf irgendeine andere Eigenschaft des Geschmückten hin." 335
"Die dauerhaften Verzierungen - solche also, bei denen in irgendeiner Form Körperteile verstümmelt werden - trifft man häufiger in Gesellschaften, die streng hierarchisch organisiert sind und auf die Einhaltung der sozialen Gruppenzugehörigkeit großen Wert legen." 335
Körperbemalung, Tätowierung und Narbenreliefs sind zu unterscheiden. 342
 
Geschlechtsmerkmale
"Sind Anhaltspunkte für die Bestimmung eines Individuums als männlich oder weiblich."
Für die Aufdeckung geschlechtspezifischer Kommunikationsformen ist die Mikroanalyse nonverbaler Signale besonders angezeigt. Je mehr wir von der Sprache, als einem extrem sozialisierten Kommunikationsmedium, absehen, um so deutlicher werden die unterschiedlichen 'Gesten' und Deutungsmuster.
Während beim Neugeborenen nur die Form seiner Geschlechtsorgane auf sein Geschlecht hinweist, prägt in den nachfolgenden Jahren jede Kultur den beiden Geschlechtern spezifische Merkmale auf. Hinzu kommt eine biogene Ausdifferenzierung im Prozeß des Erwachsenwerdens.
Im Einzelnen kann man sich natürlich streiten, welche Geschlechtsmerkmale sozialen und welche biogenen Ursprungs sind. Viele Merkmale scheinen sich im Laufe der Stammesgeschichte herausgebildet zu haben - und sie sind auch dann auch noch erhalten geblieben, wenn sich die Lebenssituationen, in denen sie ursprünglich entstanden sind, grundlegend verändert haben. So nimmt Morris an, daß sich der Körper des Mannes beim Übergang zu den Jagdgesellschaften "mehr und mehr zu einem Renn-, Sprung- und Wurfapparat" entwickelt hat, während die Frau "zum perfektionierten Gebärapparat" wurde. Daher lassen sich einige Geschlechtsmerkmale aus der Jagdfunktion des Mannes bzw. aus der Aufzuchtfunktion der Frau ableiten. Als jagdbedingte Charakteristika des Mannes sind aufzuzählen:
1.
Der männliche Körper ist größer und schwerer als der weibliche, hat stärkere Knochen und mehr Muskulatur. Er ist kräftiger und kann größere Lasten tragen.
2.
Männer haben verhältnismäßig längere Beine und größere Füße und sie sind schnellere und trittsicherere Läufer.
3.
Männer habe breitere Schultern und längere Arme, ihr Unterarm ist im Verhältnis zum Oberarm länger. Sie können besser zielen und Waffen schleudern.
4.
Männer habe größere Hände mit dickeren Fingern und kräftigeren Daumen. Sie können besser eine Waffe halten.
5.
Männer haben einen größeren Brustkorb, ein größeres Herz und eine größere Lunge. Deswegen verfügen sie über die größere Atemkapazität, mithin über mehr Ausdauer und schnellere Erholungsfähigkeit nach pysischen Ermüdungszuständen. Sie sind bessere Atmer und Langstreckenjäger.
6.
Männer haben den kräftigeren Schädel mit stärkeren Knochenverbindungen, ihre Kiefernknochen sind dicker und stabiler. Sie sind besser gegen körperliche Verletzungen gewappnet.
 
All diese Punkte zusammengenommen erklären, warum bei Sportveranstaltungen Männer und Frauen ihre Wettbewerbe getrennt austragen." 346/347
Die zahlreichen anatomischen Unterschiede werden auf S. 348/49 zusammengefaßt. Es gibt aber nicht nur morphologische Unterschiede; beim Mann fällt die tiefere Stimme auf (auch Geruchsunterschiede) und eine Vielzahl von Gesten und Bewegungen kommt bei dem einen Geschlecht wesentlich häufiger als bei dem anderen vor. Frauen greifen sich "durchschnittlich öfter als Männer mit den Händen ans Haar", sie falten ihre Hände häufiger, während Männer ihre Arme öfter vor der Brust verschränken. "Diese und 100 weitere kleine Unterschiede kristallisieren sich im Laufe der heute durchgeführten Beobachtungen allmählich heraus; die vielschichtigen menschlichen Geschlechtsunterschiede - und damit Geschlechtsmerkmale - werden Schritt für Schritt enthüllt.
Dadurch wird die 'Unisex' - Philosophie, die alle Unterschiede zwischen Mann und Frau mit Ausnahme der unmittelbar fortpflanzungsrelevanten verneinen möchte, im Grunde ad absurdum geführt. .... Die ererbten Eigenschaften einer über eine Million Jahre dauernden Evolution können nicht von heute auf morgen abgelegt werden." 359
 
Sexuelle Signale
In diesem Kapitel behandelt Morris ausführlich diesen wichtigen Bereich der
nonverbalen Kommunikation.
Werbung und Liebesspiel des Menschentiers
Sexuelle Signale sind in vier wichtigen Bereichen wirksam: bei der Suche nach einem Partner, bei der Wahl eines Partners, bei seiner sexuellen Stimulation und bei der Aufnahme einer Partnerbindung.
Zunächst zur Partnersuche. Mit dem Erreichen der sexuellen Reife geht ein unvermittelter Anstieg sozialer Aktivitäten einher. Zusätzlich zu fest verabredeten Ereignissen wie Tanzveranstaltungen oder Partys entwickeln Jungen und Mädchen ein starkes Bedürfnis nach improvisiertem 'Weggehen' ohne Überwachung durch die Eltern. In früheren Zeiten war die Institution der 'Anstandsdame' eine notwendige Maßnahme, um diesem Bedürfnis Grenzen und kontrollierte ZieIe zu setzen, zumindest dort, wo aus wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Gründen die Partnerwahl nicht Sache der Jugendlichen selbst war. In den meisten modernen Gesellschaften ist das Zusammentreffen partnersuchender Jugendlicher durch bestimmte 'Begegnungsrituale' festgelegt. Zum Beispiel gibt es das 'Promenieren', das 'Paradieren', oder den 'Bummel'. Junge Mädchen spazieren, oft Arm in Arm, auf und ab, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, und geben sich den Anschein, als bemerkten sie die Jungen gar nicht, die dasitzen und ihnen nachschauen oder ihnen in einiger Entfernung folgen. Die Mädchen zeigen Anzeichen von Schüchternheit, sie kichern, schlagen die Hände vors Gesicht, fIüstern sich etwas zu und machen sich lustig. Die Jungen zeigen sich oft in abweisender Pose, tun desinteressiert, lungern herum, mit gespreizten Beinen nach Art des Imponiergehabes höherer tierischer Zweibeiner, oder sie rufen sich oder den Mädchen aggressive oder unverschämte Bemerkungen zu. Die Jungen und die Mädchen gruppieren sich deutlich getrennt. Der einzelne muß eine beträchtliche Überwindung aufbringen, wenn er seine eigene Geschlechtsgruppe verlassen und die Schwelle zum anderen Geschlecht überschreiten wilI. Er wird seine Wahl zwar bei derartigen 'öffentlichen' GeIegenheiten treffen, aber der eigentliche Kontakt wird meist erst später aufgenommen, in einer entspannteren Atmosphäre, wo keine unliebsamen Beobachter anwesend sind.
Feste Anlässe wie Tanzveranstaltungen beschleunigen diesen Prozeß, in dem sie der Kontaktaufnahme mit dem andern Geschlecht eine sozial anerkannte Begründung liefern. Dennoch stehen auch in Teenager-Diskotheken meist nach Geschlechtern getrennte Grüppchen zusammen, wobei die potentiellen (Tanz-)Partner aus sicherer Entfernung abgeschätzt werden.
Für viele junge Leute sind die Problerne der Partnersuche dank der heute üblichen gemischten SchuIklassen oder durch Begegnungsmöglichkeiten mit dem anderen Geschlecht am Arbeitsplatz teilweise gelöst. Den auf diese Weise bunt gemischten Jungen und Mädchen bleibt gar nichts anderes übrig, als einander näher kennenzulernen. Dennoch bleiben Tanzveranstaltungen, Partys und andere Formen sozialer Zusammenkünfte nach wie beliebt.
Die schließliche Partnerwahl hängt von vielen Faktoren ab. Der körperliche Reiz ist selbstverständlich wichtig, wobei die verschiedenen Geschlechtsmerkmale eine Rolle spielen; aber auch auf das Verhalten kommt es an. Es gibt zahlreiche kleine Signale, mit denen eine Person einer anderen ihr Interesse bekunden kann. Manche sind augenfällig, andere nicht, aber alle tun ihre Wirkung. Als positive Gesten können gelten: dem andern etwas Iänger als übIich in die Augen schauen; den andern flüchtig berühren oder die Hand kurz an seinem Körper liegenlassen; sich dem andern etwas mehr als üblich nähern; ungewöhnlich viel mit geöffnetem Mund lächeln, dabei der Reihe nach verschiedene Körperteile des andern ansehen; dem anderen durch heftiges Kopfnicken seine Zustimmung zeigen; dem andern direkt gegenübersitzen, mit einer 'offenen' Körperhaltung (das heißt, ohne körperliche Abwehr- oder Schutzsignale); erheblich häufiger als sonst die eigene Rede mit Handbewegungen begleiten, dem andern dabei rasche Blicke zuwerfen, mehr als üblich auf seine Reaktionen achten, dabei die Augen relativ weit geöffnet halten und die Augenbrauen hochziehen; mehr Zungenbewegungen als sonst ausführen und dabei öfter die Lippen anfeuchten.
 
Wenn sich Paarbeziehungen bilden, lösen sich die Betreffenden allmählich von ihren Gruppen, und es folgt eine Zeit zunehmender körperlicher Zärtlichkeiten, häufig mit verlängerten Berührungs-, Kuß- und Umarmungsphasen.
246 Wenn sich Paarbeziehungen bilden, lösen sich die Betreffenden allmählich von ihren Gruppen, und es folgt eine Zeit zunehmender körperlicher Zärtlichkeiten, häufig mit verlängerten Berührungs-, Kuß- und Umarmungsphasen.
 
Bewußt oder unbewußt erkennt der Partner an diesen Anzeichen, daß der andere ihn mag. Dazu kommt, daß die Gespräche potentieller Partner eine charakteristische Färbung haben. Der Informationsaustausch dient im typischen Fall der Feststellung gegenseitiger Vorlieben und Abneigungen. Oft, vor allem aber, wenn eine starke körperliche Anziehung besteht, wird man bewußt nicht über persönliche Neigungen und Ansichten reden, um nicht eine verbale Verstimmung zu riskieren. Fragen erhalten sofort zustimmende Antworten, die, auch wenn sie unehrlich sind, die weitere Annäherung fördern. Wenn es jedoch zu viele unterschwellige Meinungsverschiedenheiten gibt, kann es sein, daß sie schließlich die körperliche Anziehung beider Partner aufeinander ersticken.
Der Vorgang der Partnerwahl kann mit besonderen erotischen Ausdrucksmitteln wie der Tanzbewegung unterstützt werden, bei der der sich drehende und windende Körper des potentiellen Partners seine Geschlechtsmerkmale und seine individuellen Vorzüge zur Geltung bringt. Auch sexuelle Intentions- und den Geschlechtsakt nachahmende Ausdrucksbewegungen sind beim Tanzen zu beobachten; sie besitzen Aufforderungs- und Hinweischarakter, indem sie auf erst noch zu verwirklichende Verhaltensmuster verweisen. Diese Tanzfiguren reichen vom 'Kommen und Gehen' verschiedener Partner (wie in vielen Volkstänzen) über die stilisierte Umarmung (wie bei den meisten Gesellschaftstänzen) bis zur Nachahmung sexueller Beckenstöße beim modernen Go-go-Tanz. Die Frau ist in letzterer Rolle benachteiligt, weil es beim Koitus normalerweise der Mann ist, der die kräftigsten Körperbewegungen ausführt. Go-go-Tänzerinnen lösen das Problem, indem sie die männliche Kopulationsbewegung ausführen und das Becken rhythmisch nach vorne werfen.
Die Ursprünge des Bauchtanzes sind völlig anderer Art. Aus den Bewegungen von Haremsmädchen entstanden, die einem fast bewegungsunfähigen Herrn zu Diensten waren, ist er eine Stilisierung jenes weiblichen Beckenkreisens, mit dem ein todkranker Mann mit einem Minimum eigener Beckenbewegungen zum Orgasmus gebracht werden kann. Dies verschafft dem Bauchtanz als erotischer Ausdrucksbewegung eindeutige Vorteile im Vergleich zu allen anderen weiblichen Tanzformen.
 
Wenn sich zwischen einem Jungen und einem Mädchen eine Bindung herzustellen beginnt, kommt es zu fortlaufend intimeren Körperkontakten. Normalerweise folgt auf das Kennenlernen nicht sofort der Geschlechtsverkehr, es sei denn im besonderen Fall der Prostitution. Den Partnern bleibt, indem sie die Intimität ihrer Bindung allmählich verstärken, die Möglichkeit, sich in jedem Stadium voneinander zurückzuziehen. Wenn die Vertiefung der Bindung nicht reibungslos verläuft, können die Partner sich trennen, ehe sie noch die Stufe möglicher Befruchtung erreicht haben. Dies ist freilich seit der Entwicklung moderner empfängnisverhütender Mittel kein großes Problem mehr, was zur Folge hat, daß viele Annäherungsschritte, die früher Wochen oder Monate in Anspruch genommen hätten, jetzt in wenigen Minuten abrollen. Aber selbst im Zeitalter der Pille neigen die wenigsten Leute dazu, Hals über Kopf dem Höhepunkt der sexuellen Abfolge zuzustreben. Die einzelnen Vorspiele gewähren ihnen Zeit für wohlüberlegte Beurteilung, wie sie möglicherweise nach dem machtvollen emotionalen Erlebnis eines gemeinsamen Orgasmus ungleich schwerer anzustellen wären. Dieser überwältigende Augenblick kann zu einem sehr wirksamen 'Bindemittel' werden, das sogar zwei ansonsten gar nicht zusammenpassende Menschen aneinander fesseln kann, die sich während der vorgenitalen Stadien des Kennenlernens nicht genug Zeit genommen haben.
Die typische Abfolge intimer Annäherung sieht so aus: (1) Auge - Körper: die Stufe des Schauens. (2) Auge - Auge: das gegenseitige Anschauen, den Blick des andern suchen. (3) Stimme - Stimme: Stufe des Gesprächs, Austausch persönlicher Informationen und Ansichten. (4) Hand - Hand: die erste Stufe körperlicher Berührung, oft zu Beginn als 'Hilfestellung', 'Schutzgeste' oder 'Führungsgestest' getarnt; der Partner hilft beim Aus- oder Anziehen des Mantels, wobei er etwas länger als nötig verweilt; er nimmt die Hand des andern, um ihn über die Straße oder durch eine Tür zu geleiten. (5) Arm - Schulter: Die beiden Körper gewinnen etwas engeren Kontakt, wiederum oft zunächst durch eine vorgeschütze 'Hilfestellung'. (6) Arm - Taille: eine etwas intimere Berührung, die die Hand des Mannes den sexuellen Körperzonen der Frau näherbringt. (7) Mund - Mund: der Kuß, die erste wirklich erregende intime Annäherung. Der verlängerte Kuß kann zur Ausscheidung vaginaler Sekrete bei der Frau, und zur Erektion beim Mann führen. (8) Hand - Kopf: Zum Kuß gesellen sich Liebkosungen; die Hand tastet Gesicht und Haar des Partners ab. (9) Hand - Körper: Die Hände betasten liebkosend und streichelnd den Körper des Partners. Nach dieser Stufe haben die Zärtlichkeiten das unmittelbare Vorstadium des Beischlafs erreicht, und die Erregung ist wahrscheinlich groß genug, um zum Koitus zu führen. (10) Mund - Brust: Die Partner beginnen nun, in streng intimer Umgebung und mehr oder weniger entkleidet, mit den Lippen die nackte Haut ihrer Körper zu entdecken. Jetzt kommt es zur eigentlichen Umarmung und im besonderen zur Reizung der weiblichen Brust durch die Lippen des männlichen Partners. (11) Hand - Geschlechtsorgan: Schließlich bewegen sich die Hände auf die Genitalzonen zu, wo sie tastend stimulieren. Inzwischen sind männliches und weibliches Geschlechtsorgan voll erregt und bereit zur Einführung. (12) Geschlechtsorgan - Geschlechtsorgan: Der genitale Kontakt wird hergestellt, und der Mann beginnt mit rhythmischen Beckenstößen, die so lange dauern, bis der Orgasmus eintritt (siehe auch Farbabbildung F 49, 5eite 395).
Natürlich wird diese Abfolge vielfach variiert. Die zum Vorspiel gehörenden Stufen können abgekürzt oder übersprungen werden, besonders bei Paaren, die sich gut kenneri und schon oft miteinander geschlafen haben.
 
Während des fortgeschrittenen Stadiums der sexuellen Abfolge erreicht der Hautkontakt zwischen den Geschlechtern die höchste Intensität. Mann und Frau sind nackt und in intimer Umgebung und enger Verbindung. Der ganze Körper wird zur erogenen Zone.

F49 Während des fortgeschrittenen Stadiums der sexuellen Abfolge erreicht der Hautkontakt zwischen den Geschlechtern die höchste Intensität. Mann und Frau sind nackt und in intimer Umgebung und enger Verbindung. Der ganze Körper wird zur erogenen Zone.

 
Ejakulation und Orgasmus
247 Wahrend des Geschlechtsverkehrs erlebt der Mensch charakteristische Veränderungen seiner Pulsfrequenz. Die männliche Pulsfrequenz nimmt während des Vorspiels langsam zu, erreicht bei der Aufnahme des genitalen Kontakts einen hohen Wert, der beibehalten wird, und gipfelt schließlich bei etwa 150 Schlägen im Augenblick der Ejakulation. Die weibliche Pulsfrequenz folgt einer ähnlichen Kurve, zeigt aber ein drastisches Emporschnellen im Moment des männlicher Eindringens und anschließend rasche Schwankungen mit zunehmenden orgastischen Reaktionen (nach Ford und Beach).
 
Auf der anderen Seite kann die sexuelle Abfolge zum ausgeklügelten Spiel werden, wenn die beiden Beteiligten keine sexuellen Verklemmungen haben. In diesem Fall kann die Liste der erregungssteigernden Vorbereitungshandlungen noch um die oralgenitale Stimulation sowie um eine breite Skala weiterer sexueller Entdeckungen wie Stellungs- oder Umgebungswechsel erweitert werden.
Manchmal hört man, solche Verfeinerungen seien 'unnatürlich', und jedes über die elementare Fortpflanzungsfunktion hinausgehende Sexualverhalten sei falsch. Daraus folge weiterhin, daß künstliche Arten der Empfängnisverhütung ebenso falsch seien, weil sie sexuellen Verkehr ohne die Möglichkeit der Befruchtung gestatten. Diese Ansicht ist im Hinblick auf den Menschen nicht nur falsch, sondern geradezu gefährlich, weil sie die vierte wichtige Funktion sexueller Handlungen übersieht: die Herstellung einer Partnerbindung. Jegliche sexuelle Vorspielhandlung dient nicht nur dazu, einen Partner zu suchen, auszuwählen, ihn sexuell zu erregen und die gemeinsame Erregungssteigerung so zu steuem, daß der orgastische Höhepunkt gemeinsam erlebt wird, sondem dient auch zur Herstellung und Bekräftigung der Bindung zwischen den Partnem, jener Bindung, durch die sie auch als Eltern einer Familie noch wirksam zusammengehalten werden.
 
Die Kinderaufzucht ist beim Menschen eine enorme Belastung, und der Nachwuchs beansprucht ungeheuer. Wie andere Gattungen mit ähnlichen Aufzuchtproblemen behilft sich auch der Mensch mit einem System der Kooperation: Mann und Frau teilen sich als Elternpaar in die Aufgabe. Zu zweit können sie den Nachwuchs aufziehen, den ihre sexuelle Aktivität hervorgebracht hat. Bliebe diese Aufgabe der Mutter allein überlassen, sie stünde vor einem unlösbaren Problem. Der sexuelle Lustgewinn aus varierten erotischen Vorspielhandlungen hilft mit, diese zentral wichtige Liebesbeziehung zu erhalten.
Die Antwort der 'Moralisten' und Puritaner hierauf lautet, die 'Liebe', die der fortpflanzungsnotwendige geschlechtliche Verkehr gewähre, müsse ohne weitere erotische 'Auswüchse' genügen. Die biologischen Tatsachen sprechen jedoch deutlich eine andere Sprache. Bei anderen Primaten machen die Weibchen eine kurze Periode sexueller Erregbarkeit zur Zeit des Eisprungs durch. Jeden Monat, wenn sie 'in die Hitze' kommen, verändet sich ihre gesamte äußere Erscheinung. Die Genitalzone schwillt an und rötetet sich, und das macht sowohl das Weibchen für die Männchen der Horde attraktiv als auch umgekehrt. In der übrigen Zeit, in der es nicht empfängnisbereit ist, ruht das sexuelle Interesse bei ihr und auch an ihr. Mit anderen Worten: Bei den Affen fällt die sexuelle Aktivität ausschließlich in die Zeit, in der eine Befruchtung des Eis möglich ist. Dies ist zwar eine starke Vereinfachung, aber sie trifft die Situation bei unseren nächsten tierischen Verwandten.
Auf menschlichem Entwicklungsniveau ergibt sich eine völlig veränderte sexuelle Situation. Hier bleibt das 'Weibchen' während seines gesamten Monatszyklus sexuell ansprechbar und attraktiv, egal, ob eine Befruchtung des Eis möglich ist oder nicht. Ja es ist sogar für einen Mann kaum möglich festzustellen, ob die Frau, mit der er schläft, gerade empfangen kann oder nicht. Nur wenn er oder sie sich die Daten ihrer letzten Menstruationen notiert hat oder wiederholt mit dem Fieberthermometer etwaige charakteristische Temperaturschwankungen kontrolliert, kann er sich vergewissern, ob seine Ejakulation zur Zeugung führen könnte. Um es anders herum zu sagen: Beim Menschen ist die ursprüngliche Koppelung von sexueller Aktivität und zyklischer Eiproduktion verlorengegangen. Die Menschenfrau isl sexuell durchgehend erregbar, und ihr Äußeres bleibt für den Mann die ganze Zeit über anziehend. Ihre sexuellen Körpermerkrnale - die 'geschwollenen' Hinterbacken und Brüste - zeigen keine starke Zu- und Abnahme parallel zum Monatszyklus, sondern bleiben während der lange Zeit ihrer sexuellen Reife voll ausgebildet. Die Frau ist selbst während der Schwangerschaft und der Stillphase sexuell ansprechbar. Nur unmittelbar vor und nach der Geburt eines Kindes erlebt sie eine kurze Periode der Asexualität. Selbst nach den 'Wechseljahren' bleibt sie sexuell aktiv.
Es wird aus alldem deutlich, daß beim Menschen eine der Hauptfunktionen der Sexualität die Schaffung und Erhaltung stabiler Paarbindungen ist; jede Morallehre, die im Dienste der Unterdrückung spontaner sexueller Aktivitäten innerhalb fester Paarbeziehungen steht, gefährdet daher das Funktionieren der Familie.
 
Der Orgasmusreflex der Frau ist eine menschliche Besonderheit. Den Weibchen anderer Primatenarten sind derartige Gipfel der Lust unbekannt. Die Menschenfrau erlebt also durch die orgastischen Höhepunkte bei der sexuellen Vereinigung eine weit stärkere Befriedigung und entwickelt so eine engere Bindung an ihren Partner.
248 Der Orgasmusreflex der Frau ist eine menschliche Besonderheit. Den Weibchen anderer Primatenarten sind derartige Gipfel der Lust unbekannt. Die Menschenfrau erlebt also durch die orgastischen Höhepunkte bei der sexuellen Vereinigung eine weit stärkere Befriedigung und entwickelt so eine engere Bindung an ihren Partner.
 
Besonders fatal sind die wirren Borniertheiten, die zu der Frage des weiblichen Orgasmus verbreitet worden sind. Weil der Orgasmus der Frau für das Gelingen der Zeugung entbehrlich ist, hat man ihn oft als 'wollüstige Beigabe' abgetan. In Wirk-Iichkeit erfüllt diese einzigartige evolutionäre Errungenschaft des Menschen eine höchst wichtige Funktion: Sie garantiert - bei einer Beziehung ohne sexuelle Hemmungen - jene gegenseitige Befriedigung der Partner, die den Prozeß der Aufnahme und Erhaltung einer partnerschaftlichen, liebevollen Bindung so intensiv zu fördern vermag. Affenweibchen erleben keine orgastische Erregung beim Koitus und bauen im Gegensatz zu den Frauen unserer Spezies keine dauerhaften Bindungen auf. Des weiteren kennen sie keine verfeinerten Vorspiele bei der Begattung mit ausgedehntem Austausch von Zärtlichkeiten. Wenn man daher vom Menschen sagt, er sei von allen Primaten der sexuell aktivste, dann ist das nicht etwa ein Kommentar zu den heute gebräuchlichen Liebestechniken, sondern ein Hinweis auf die biologische Grundstruktur des Menschentiers. Jene menschlichen Kulturen, die, gleich ob aus wirtschaftlichen, religiösen oder anderen Motiven, den freien sexuellen Verkehr innerhalb fester Paarbeziehungen zu unterdrücken versuchten, arbeiteten darnit gegen die naturgegebene Entwicklung des Fortpflanzungsverhaltens beirn Menschen.
 
Wenn unser Sexualleben schon so viel intimer und entwickelter ist als das anderer Primaten, woher kommen dann die Muster für unsere sexuellen Handlungen? Die Antwort lautet: Die meisten der dem Erwachsenen vertrauten körperlichen-Zärtlichkeiten leiten sich von dem in früher Kindheit erfahrenen intimen Körperkontakt zu den Eltern her. Auch damals haben wir ja eine starke Liebesbeziehung aufgebaut, die sich durch intensives Kuscheln, Tätscheln, Küssen und Streicheln äußerte. Beim Größerwerden schränkten wir diese Kontaktformen weitgehend ein. In unserer Schulzeit erreichten wir irgendwann einen Punkt, an dem wir uns von den zärtlichen Elternbindungen losreißen wollten und sie mehr und mehr zurückwiesen. Als wir dann unsere kindlichen Körperbeziehungen abgeschüttelt hatten, waren wir für das Erlebnis der eigenen sexuellen Reifung gerüstet. Dies aber'zog uns wieder in eine Welt liebevoller körperlicher Zärtlichkeit zurück, jetzt allerdings mit einem geliebten möglichen Partner. Der Prozeß der zunehmenden Einschränkung kindlicher Zärtlichkeitsformen kehrte sich nun schlagartig wieder um, all die alten Berührungen und Umarmungen erschienen von neuem, und wir gaben uns ihnen immer weiter hin, bis wir uns nackt in den Armen eines geliebten Menschen wiederfanden, an jene längst vergangene Zeit körperlicher Zärtlichkeit anknüpfend, in der wir als nackte Säuglinge in den Armen unserer Mütter gelegen hatten.
Die Freudsche Konzeption der kindlichen Sexualität stellt diesen ganzen Prozeß auf den Kopf. Sie betrachtet die ausgiebigen Körperkontakte der Kinderzeit als eine frühe Äußerung der späteren Erwachsenensexualit, während es sich in Wirklichkeit so verhält, daß die Zärtlichkeiten des Erwachsenen dem Muster der kindlichen nachgebildet sind. Die Grundbindung zwischen Mutter und Kind erwächst aus der engen körperlichen Verbundenheit beider, und auf derselben Grundlage entwickeln sich die spätren Liebesverhältnisse, die Liebenden tauschen untereinander diejenigen Berührungen aus, mit denen sie Liebe und Fürsorge auszudrücken gelernt haben. Eine entgegengesetzte Auffassung hat schrecklichen Schaden angerichtet. Sie führte bei vielen Eltenn zu einem schlechten Gewissen, wenn sie an den zärtlichen Umarmungen ihrer Kinder Freude empfanden. Sie gingen mit körperlichen Liebesbezeigungen sparsam um. Kinder, die eine derartige Zurückhaltung erfuhren und selbst annehmen, werden es unter Umständen viel schwerer haben, als Erwachsene die Bedeutung voll entfalteter körperlicher Zärtlichkeit für ihre eigenen sexuellen Beziehungen zu begreifen. Eine liebevolle Kindheit ist die Grundlage für ein liebevolles Leben als Erwachsener.
 
Nicht eingehen brauchen wir auf die folgenden Abschnitte:
Signale elterlicher Zuwendung
Kindliche Signale
Kontakte mit Tieren
Formen des Spielverhaltens
weil es hierin um entwicklungspsychologische Fragen geht, die uns in diesem Seminar nicht interessieren brauchen.
 
Metasignale
verändern "die Bedeutung aller übrigen Signale". 391 Der vergnügte Ausdruck auf den Gesichtern von Kämpfenden zeigt uns beispielsweise, daß dieser Kampf nicht ernstgemeint ist, sondern daß wir ihn als Spiel ansehen können. Im Hinblick auf die Modalitäten 'Ernst' und 'Spaß' kann ich mir Metasignale vorstellen. Ansonsten ist mir nicht klar, wie verschiedene Ausdrucksmedien zueinander in eine hierarchische Beziehung gesetzt werden - außer eben durch die Interpretation des Beobachters.
Hier zeigen sich wieder die Auswirkungen ontologischen zeichentheoretischen Denkens. Merkmale werden doch nur zu Signalen/Informationsmedien, wenn sie von informationsverarbeitenden Systemen als Information interpretiert werden, also nur in Beziehung auf den Beobachter. Nur er kann Beziehungen zwischen den Merkmalen herstellen. Wie können Signale "an sich" zueinander in Beziehungen, noch dazu in Metabeziehungen, stehen? Sie werden doch bestenfalls den Beobachter reizen, auf andere Merkmale/Signale zu achten.
Supranormale Reize
"Ein supranormaler Reiz übertrifft sein natürliches Gegenstück an Wirkung."403
"Zahnpasten versprechen ein supranormales Lächeln, Seifen eine supranormale Haut, Schampoos supranormal weiches Haar. Die moderne Apotheke strotzt vor ähnlichen Errungenschaften: Schlaftabletten für supranormalen guten Schlaf.... " 403
Ästhetisches Verhalten
"Ist die Suche nach dem Schönen." 409 Die in diesem Abschnitt vorgebrachte Kunsttheorie ist m.e. wenig erhellend.
Einseitigkeit
"Ein großer Teil menschlichen Verhaltens ist asymmetrisch. Einseitigkeit erleben wir immer dann, wenn eine Handlung die eine Seite des menschlichen Körpers stärker beansprucht als die andere." 420 Und dies ist natürlich sehr häufig der Fall. Die Asymmetrie von Mimik, Gestik und Verhalten kann gar nicht genug betont werden, weil wir aufgrund des morphologischen Eindrucks bei der Verhaltensbeobachtung immer wieder Symetrie unterstellen. Dabei beginnen viele Körperbewegungen mit einer Entscheidung: rechts oder links? Welche Hand wird zuerst gehoben, welcher Fuß vor den anderen gesetzt, welche Arme beim Überkreuzen nach oben bzw. nach unten gelegt usf.
"Grob gesprochen sind etwa neun von zehn Schulkindern von Natur aus Rechtshänder, eines Linkshänder. Niemand hat je befriedigend erklären können, warum dieses seltsame Verhältnis für unsere Spezies charakteristisch ist. Es bleibt dies eins der kleinen Geheimnisse des menschlichen Lebens." 420
Selbstverständlich wurde diese Tatsache in den verschiedenen Kulturen auch immer wieder bewertet: "Die Bibel stellt klar, daß Gott Rechtshänder, der Teufel aber Linkshänder ist." 422
Diese Wertung wird oftmals auch auf die Umgebung des Menschen übertragen. Z.B. hat es eine unterschiedliche Bedeutung, ob jemand links oder rechts von einer anderen Person sitzt. Erfahrene Gruppenleiter benutzen diese Erkenntnis zur Diagnose gruppendynamischer Beziehungen.
Rechts- bzw. Linkshändigkeit ist bei dem einzelnen Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt. Manche machen fast alles mit ihrer bevorzugten Hand, andere wechseln häufig ab, kratzen sich z.B. sowohl mit der rechten als auch mit der linken Hand.
 
Fortbewegung
Es werden 20 Grundformen der menschlichen Vorwärtsbewegung unterschieden:
Robben,
Krabbeln,
Staksen,
Gehen,
Schlendern,
Schlurfen,
Hasten,
Rennen,
Traben,
Sprinten,
Zehenspitzen gehen,
Marschieren,
Stechschritt,
Springen,
Hüpfen,
Versetztes Hüpfen,
Klettern,
Vorwärtsschwingen,
Akrobatik,
Schwimmen. 426 - 433
 
Verhalten im Wasser
Hier diskutiert Morris, ob der Mensch in seiner Frühzeit ein Wassertier war oder nicht. Für die nonverbale Kommunikation hat dieser Abschnitt m. E. keine Bedeutung.
 
Ernährungsverhalten
Die Nahrung besteht entweder aus Fleisch oder aus Gemüse. In der Frühgeschichte der Menschheit, bei den 'Sammlern' sei die Nahrung überwiegend vegetarisch gewesen, nimmt Morris an. Mit der Entwicklung der Jagd wurde das 'Fleisch heranschaffen' zur männlichen Aufgabe, die Beschaffung des vegetarischen Teils der Nahrung zur weiblichen. Diese Unterscheidung soll sich bis heute gehalten haben: "Das Fleisch ist noch immer der 'männliche' Teil der Mahlzeit, es wird vom Mann geschnitten, das Gemüse der weibliche Teil, das von der Frau angeboten wird." 445
 
"Der Festschmaus, die Futterteilung und das 'sich-zu-einem-gemeinsamen-Mahl-treffen' sind Teil unsere jägerischen Erbes. Der einzelne Esser ist eine einsam-traurige Figur." 447
Für diese Gedanken gibt es im deutschen Sprachraum etymologische Indizien: Das altdeutsche gimeinan meint ursprünglich: die Beute (unter den Stammesmitgliedern) aufteilen. Es ist die Wurzel für das 'gemein machen', was dann in der frühen Neuzeit als Übersetzung des (lateinischen) "communicare", also von Kommunikation, dient.
 
Sportverhalten
"Sport ist im Grunde nicht anderes als eine abgewandelte Form jägerischen Verhaltens." 452 Mit dem Zurückdrängen der Jagd nahm die Bedeutung des Sports zu. 456
"Eine degenerierte Form des Sports, die besondere Erwähnung verdient, ist das Kriegführen." 457 Daraus wird abgeleitet, daß Sport zur Sublimierung von kriegerischen Impulsen taugt.
Mit gleichem Recht könnte man die Jagd als Spezialfall des Krieges und den Sport somit als degenerierte Form von Krieg und Jagd verstehen.
 
Ruheverhalten
"Wir müssen uns von Zeit zu Zeit aus diesen (sozialen) Anspannungen zurückziehen und tun dies durch verschiedene Formen des Ruheverhaltens.
Die ausgeprägteren Formen des Ausruhens verlangen einen vollständigen räumlichen Rückzug aus der aufreibenden sozialen Szenerie, während kleinere Pausen auch an Ort und Stelle eingelegt werden können. Wenn man müde ist, läßt man seine Gedanken schweifen oder 'schaltet ab' während man automatisch weiternickt und lächelt." 460
So gesehen läßt sich ein Teil der Gestik und Mimik und des Verhaltens als Ruheverhalten interpretieren. Diese Beziehung zwischen Spannung und Entspannung muß bei großräumigen Interaktionsanalysen berücksichtigt werden.
"Es gibt eine ganze Skala entspannter Körperhaltungen. Für stehende Gesprächspartner eignet sich das Zurücklehnen, bei dem der Körper an einer Wand o.ä. anliegt. Dann gibt es die Armstütze, bei der entweder die Hände in die Tasche gesteckt werden oder die Unterarme auf der nächstgelegenen Unterlage ruhen." 460 Vereinfachend kann man sagen, daß Ruhehaltungen immer darauf abzielen, die mit dem Aufrechthalten des Körpers verbundenen Anstrengungen 'mehr oder minder zu reduzieren'. 461 Am meisten reduziert ist der Aufwand, Balance zu halten, beim Schlafen im Liegen. Der Schlaf ist "für das Gehirn noch wichtiger als für den Körper. Wir können unsere Muskeln noch so lange durch Massage und ruhiges Liegen entspannen, ohne daß dabei unsere geistige Batterie nennenswert aufgeladen wird. Am Ende eines Tages haben wir stets einen solchen Wirrwar neuer Vorstellungen, Gedanken und Erfahrungen angehäuft, daß wir dringend unsere Schlafstunden benötigen, um Zeit für die Einsortierung dieser neuen Informationseingaben in die Speicher unseres Gedächtnisses zu gewinnen. Und es ist mehr als nur ein Einsortieren - wir gehen auch die verschiedenen Widersprüche durch, die sich angesammelt haben, versuchen, die Konflikte zu bewältigen, die sich uns gestellt haben, und räumen überhaupt in unserem 'Denkbüro' auf. Das ist das Geheimnis unserer Träume. Beharrliches, beunruhigendes 'Sortieren' verursacht beharrliche, wiederkehrende Träume." 464 Jeder Mensch, "der ein durchschnittliches Alter erreicht, träumt in seinem Leben etwa 35 000 Stunden. Auf diese Weise nur vermag er den in seinem Kopf arbeitenden Präzisionscomputer einwandfrei in Funktion zu halten, einsatzbereit für die Bewältigung des nächsten Tages." 466
Wenn Morris diesen Vergleich mit dem Computer, also mit einem informationsverarbeitenden System, nicht nur auf der letzten Seite eines Buches, sondern öfter benutzt hätte, wäre es vermutlich gelungen, mehr System in seine Aufzählungen zu bringen.
 
Nicht eingehen brauchen wir auf die folgenden Abschnitte:
Signale elterlicher Zuwendung
Kindliche Signale
Kontakte mit Tieren
Formen des Spielverhaltens
weil es hierin um entwicklungspsychologische Fragen geht, die uns in diesem Seminar nicht interessieren brauchen.