Atomismus und Holismus

 

 
"In unserem Verständnis markieren beide Prinzipien nichts anderes als Tendenzen in der Dimensionierung der Erkenntnisperspektive. Das holistische Prinzip favorisiert die Ganzheit, das Denken in übergreifenden Zusammenhängen, die Synthese des Disparaten, die Integration der Vielfalt, die Einheit in der Mannigfaltigkeit, Das atomistische Prinzip hingegen postuliert den Primat der Teile, die Analyse des Zusammengesetzten, die Differentiation des Komplexen, den Rekurs auf die einfachsten Elemente, die Spezialisierung auf die ausgesonderten Segmente.
Herrschte bis ins späte Mittelalter unter dem Einfluß theologischen Denkens das holistische Prinzip vor, so verdankt sich die - nicht umsonst als analytisch apostrophierte - Wissenschaft der Neuzeit einer Renaissance des atomistischen Prinzips.
Eine exakte Wissenschaft, die im Wechselspiel von Theorie und Experiment nachprüfbare Aussagen über die Wirklichkeit gewinnen will, glaubt bis heute nicht umhinzukönnen, eng abgegrenzte Untersuchungsobjekte aus umfassenderen Komplexen herauszulösen, ideale Bedingungen der Abgeschlossenheit des "Teiles" gegenüber dem "Ganzen" zu fingieren und dessen Interdependenzen zu suspendieren. So formuliert schon Descartes (1637) im "Discours de la méthode pour bien conduire sa raison et chercher la vérité dans les scienes" die Grundregeln, "jede der Schwierigkeiten, die ich untersuchen würde, in so viele Teile zu teilen, als möglich und zur besseren Lösung wünschenswert wäre" und "zu beginnen mit den einfachsten und faßlichsten Objekten und aufzusteigen allmählich und gleichsam stufenweise bis zu der Erkenntnis der kompliziertesten", mit einem Wort, den Teilen den erkenntnistheoretischen Vorrang gegenüber dem Ganzen einzuräumen. Ohne Zweifel sind die Erfolge insbesondere der Naturwissenschaften sehr weitgehend diesem atomistischen Prinzip zuzuschreiben. Allerdings hatte die Wissenschaftspraxis ihren Preis dafür zu zahlen, indem sie, in Forschung und Lehre, einer zunehmenden Spezialisierung und Parzellierung unterlag: Das atomistische Prinzip entartet zur Atomisierung wissenschaftlicher Erkenntnis."


Aus: Hans Lenk/G. Ropohl (Hg.) Systemtheorie als Wissenschaftsprogramm, Königstein 1978, S. 10