Information und Materie: philosophische Prolegomena

 

 

Information ist eine Eigenschaft von Materie; Kommunikation die Spur, die Energie hinterläßt. Deshalb sind Information und Kommunikation in dem gleichen Sinne unzerstörbare und unerschaffbare Grundgegebenheiten unserer Welt wie Materie und Energie. Aber sie lassen sich auch im gleichen Maße umformen wie jene. Beim Aufeinandertreffen verändern die unterschiedlichen Materieteile ihre Form, die Bewegung der einen verwandelt die Bewegung der anderen und umgekehrt: Der Hut, der die Düne hinunterstrudelt, hinterläßt Spuren im Sand. Der Sand speichert die Spur. Für einen Beobachter ist sie ein Kode, eine Sprache, die er lesen und das heißt, aus der er vielfach vermittelte Informationen entnehmen kann: Ist der Hut leicht, der Wind schwach und die Düne ein sanfter Hügel, so zeichnen sie andere Spuren ab als bei einem schweren Hut, den eine steife Brise vor sich hertreibt. Aber nicht nur die Düne, auch der Hut selbst und der Wind speichern Informationen über eine solche Begegnung. Je nachdem wie stark der Wind und wie hart der Sand, werden sich seine Krempen mehr oder weniger beulen; und auch der Wind, die bewegten Gasmoleküle, ändern ihre Eigenschaften, je nachdem auf welche Existenzform der Materie sie aufprallen. Diese Spiegelungen von Informationen unterschiedlicher Materien ineinander kann man als eine elementare Form eines Informationsaustauschs betrachten. Bei einer Berührung verändern die Eigenschaften, das sind die Informationen, der einen Materie die Eigenschaften der anderen. Sie bringen sich wechselseitig in eine andere Form, 'in-formieren' sich. Solche Verwandlungsprozesse laufen in unserer Welt unaufhörlich ab. Sie sind von Natur aus niemals einseitig und monokausal, sondern wechselseitig und rückgekoppelt.
Informationsaustausch ist ein Resonanzphänomen.Ebenso wie die Materie in den unterschiedlichsten Formen auftritt, so emergiert auch die Information auf den unterschiedlichsten Ebenen. Sie erscheint als Eigenschaft der Steine, des Papiers, der Schallwellen, des Lichts usw. Die Sozial- und Geisteswissenschaften hinken freilich in der Beschreibung dieser Emergenz- oder Existenzformen der Information empfindlich hinter den Klassifikationen der Materie hinterher, die in den Naturwissenschaften schon Gang und Gäbe sind. Dies mag man auch daran ablesen, wie befremdlich zunächst der Versuch anmutet, einen Informationsbegriff einzuführen, der ein dem Materiebegriff vergleichbares Allgemeinheitsniveau besitzt.
Die in diesem Buch unternommenen Analysen zeichnet aus, dass sie ihre Gegenstände immer sowohl als Materie als auch als Information behandeln. Sie befassen sich sowohl mit den Sachen als auch mit den Ideen. 'Medien', 'Technik', 'Informations-' und 'Kommunikationssysteme' setzen sich sowohl aus Materie als auch aus Information zusammen. Sie sind informierte Materie oder materialisierte Information. Die Typik der Medienanalysen, wie sie in den Sprach- und Kommunikationswissenschaften aber auch in den Technischen Wissenschaften angestellt werden, scheint mit in dieser Ambivalenz ihres Gegenstandes zu liegen. Sie stehen damit in einem Feld zwischen den traditionellen Naturwissenschaften einerseits und der Geisteswissenschaften andererseits, die ihre Objekte klassischerweise entweder auf die Materie oder aber auf die Ideen zu beschränken trachten. 
 
Prozessoren und Medien: Elemente der kommunikativen Welt und deren
Beziehungen

 
Blickt das professionelle Auge eines Medienwissenschaftlers i.o.S. auf die Welt, so erscheint sie ihm als eine Ansammlung von materiellen Phänomenen, die Informationen in verschiedener Weise transformieren und von solchen, die die Informationen nicht verändern, sondern konstant halten, sie speichern. Die ersteren Phänomene werden als Informationssysteme oder als Prozessoren, die letzteren als Informationsspeicher oder als Medien bezeichnet.
Die Vielfalt dieser 'kommunikativen' Welt besteht in der Vielzahl der unterschiedlichen Typen, die diese beiden Grundelemente ausbilden können und in der Vielzahl der Kombinationen, die zwischen ihnen möglich sind. Sowohl als Medien als auch als Prozessoren kommen alle Formen der Materie in Betracht: Ton, Luft, Licht, Tiere, Menschen, soziale Gemeinschaften oder auch komplexe technische Maschinen. Dringt man nämlich in die (chemische) Mikrostruktur von scheinbar so opaken Gegenständen wie einer Tonscherbe ein, so kann man auch hier sehen, wie sich die Erschütterungen von außen im Inneren fortsetzt, interne Strukturen neu (in)formiert werden. Erst die an den Rändern ausgelösten Effekte erscheinen uns als 'Keilschrift': Bei Lebewesen und bei technischen Instrumenten gibt es schon seit Alters her wenig Scheu, sie als informationstransformierende und -speichernde Entitäten zu betrachten.
 
Struktur erhält die kommunikative Welt durch die - immer gegebene - Verknüpfung dieser Elemente, der Speicher und der Prozessoren. Dabei gehe von der Annahme aus, dass Prozessoren niemals direkt miteinander verknüpft sein können. Das Medium erscheint, wie es auch die Geschichte dieses Begriffs nahelegt, als die unausweichleiche Umwelt ('ambiance') der Informationssysteme oder als Mitte, das 'Milieu' zwischen ihnen. Andererseits können aber auch die Speicher nicht ohne dazwischengeschaltete Transformationen hintereinander gekoppelt werden. Es macht m.a.W. nur Sinn von Medien zu reden, wenn man zugleich auch die Prozessoren sieht, die an diese Medien anschließen. Umgekehrt braucht man Medien, um Phänomene als informationsverarbeitende Systeme identifizieren und beschreiben zu können.
Um noch einmal zu dem Eingangsbeispiel zurückzukehren: Der Hut zeigt sich nunmehr als Medium, welches zwischen dem Wind und den Dünen vermittelt. Gebrochen durch die materialen Eigenschaften des Hutes, eben seinen Informationen, hinterläßt der Wind seine Spuren im Sand. Der Hut verformt sich, weil er als Medium zwischen dem Sand und der Windenergie vermittelt. Zugleich wirkt er aber auch auf die Luftmoleküle zurück. Der Physiker oder der Geograph mag sich für den Einfluss des Windes auf die Dünen interessieren, für den Kommunikations- und Medienwissenschaftler reichen solche bipolaren Relationierungen nicht aus. Er berücksichtigt zwei Prozessoren und ein Medium oder zwei Medien und einen Prozessoren. Normalerweise interessieren ihn die Wechselwirkungen oder die Rückkopplungskreise zwischen diesen Elementen. Ein solcher Kreis wird sogar erst durch das Zusammenwirken von zwei Paaren von Elementen geschaffen.
Hinsichtlich der zu relationierenden Faktoren, so kann zusammenfassen, gilt für ihn die Regel: nur Elemente unterschiedlicher Klassen (Speicher- oder Prozessoren) schließen aneinander an. Ein Element kann sich, je nach der Spezifik seiner Art, mit mehreren anderen Prozessoren bzw. Speichern verkoppeln. Werden zwei oder mehrere Informationssysteme mittels geeigneter Speicher so zusammengeschlossen, dass ein Informationskreislauf entsteht, so spricht man von Kommunikationssystemen. Die Informationssysteme kann man, wenn man eine solche Ganzheit im Auge hat, 'Sender' und 'Empfänger' nennen, die Speicher 'Kommunikationsmedien'. Komplexe Kommunikationsmedien, die selbst wiederum aus Verknüpfungen verschiedener Prozessoren und Speicher aufgebaut sind, sollen 'kommunikative Netze' heißen. Wie bei jenen Phänomenen, die man als Medien anspricht, so geht man auch bei Kommunikationssystemen davon aus, dass die Informationen im System erhalten bleiben und nicht nach außen abgegeben werden.
 
Information und Materie, Prozessoren und Speicher, mit diesen wenigen Begriffen kommt die Medienanalyse in den meisten Fällen aus. Dies ist allerdings nur bei einem strikt selbstreferentiellen, man kann auch sagen: zirkulären Aufbau der Theorie möglich. Zum einen ist der Forscher genötigt, auch seinen eigenen Forschungsprozess mit diesen Kategorien zu erfassen, sich selbst als Prozessor oder als Medium, als Kommunikationssystem oder als Element von Informationssystemen zu betrachten. Zum anderen benutzt er diese Kategorien auch zur Beschreibung der Mikrostruktur der Elemente. Er geht, und damit knüpft er an eine sehr alte Idee an, von der Gleichartigkeit des Makrokosmos der kommunikativen Welt und des Mikrokosmos ihrer Elemente aus. Jedes Informationssystem besteht für ihn insoweit wiederum aus einer Kopplung verschiedenartiger Speicher- und Informationssysteme. Um bei dieser Beschreibung noch Mikro- und Makrokosmos, Teil und Ganzes auseinanderzuhalten, spricht man am besten immer dann von 'Kommunikation' bzw. 'Informationssystemen', wenn man das Ganze fokussieren will von 'Medien' bzw. 'Prozessoren', wenn man die Elemente dieses Ganzen im Auge hat.


aus: Michael Giesecke: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit