Die Neuen Medien als relevante Umwelt von Gruppengesprächen

 

 

Die technischen Informations- und Kommunikationsmedien der Buch- und Industriekultur, Zeitungen, Bücher, Radio und Fernsehen sowie die Personalcomputer wenden sich praktisch ausschließlich an den einzelnen Menschen. Sie programmieren individuelles Handeln und Erleben, vermitteln dem einzelnen Menschen Wissen - oder unterhalten ihn.

Sollen soziale Kollektive angesprochen werden, etwa die Bewohner einer Stadt über Veränderungen des Bebauungsplanes unterrichtet werden, so geht das mit den Mitteln des Buchdrucks, z. B. mit Zeitungen, nur, indem möglichst alle Anwohner einzeln angesprochen werden. Das Kollektiv erscheint als Summe der Individuen. Das dies in der Geschichte immer mal wieder als Mangel empfunden wurde, zeigen die Arbeiterbildungsvereine im 19. Jahrhundert, die literarischen Salons, Lesezirkel, Betriebs- und Bauernkollektive nach der russischen Revolution usf. In diesen Gruppen versuchte man, sich Texte sozial und in Gruppenarbeit anzueignen. Aber der Ausnahmecharakter dieser Bewegungen bestätigt nur die Regel - und zeigt im übrigen die entgegenstehenden Schwierigkeiten.

Soziale Wirkung entfaltet der Buchdruck (und die anderen Massenkommunikationsmedien) über die Normierung der psychischen Systeme. Insofern stärkt er eben auch die Vorstellung, die Gesellschaft bestehe (bloß) aus Individuen. Ein Konzept kollektiver Informationsverarbeitung hat die Neuzeit im Grunde nicht entwickelt. Die Erziehung der Individuen in den Schulen erfolgt deshalb als Normierung ihrer Wahrnehmung und ihres Wissens - unter ausgiebiger Nutzung der Bücher. Unter den Stichworten ‚Kreativität', ‚Teamarbeit', ‚Selbstverantwortung' werden solche Praktiken zunehmend kritisiert.

Gleichzeitig erleben wir multimediale Inszenierungen, Rockkonzerte, Ausstellungen in Museen, vielfältige Events von Unternehmen und Verbänden, die eher auf soziale Gruppen, denn auf das einzelne Individuum ausgerichtet sind. Sie müssen simultan von vielen erlebt werden und ihre Wirkung stellt sich erst durch die gruppendynamischen Rückkopplungseffekte ein. Bekanntlich wurde nun gerade die Beobachtung, dass sich viele elektronische Medien, auch schon Rundfunk und Film, nicht an das Individuum im Sinne des einsamen Lesers der Buchkultur wenden, von ihren frühen Kritikern als Ablehnungsgrund genannt. Sie ‚vermassen' die Menschen, wie vor allem Vertreter der sogenannten Frankfurter Schule (Th. W. Adorno, M. Horckheimer, H. Marcuse) nicht müde wurden, zu monieren. Selbst die faschistische Mobilisierung der Bevölkerung musste als Beleg für die Gefahr herhalten, die angeblich in die Kultur einbricht, sobald die Medien nicht mehr einzeln am Schreibtisch wahrgenommen werden können.

Eine solche Verblendung durch die Mythen der Buchkultur können wir uns nicht länger leisten. Es geht darum, auch die Chancen zu qualitativ neuen Möglichkeiten der Gestaltung der sozialen Informationsverarbeitung zu sehen, die sich durch die elektronischen Medien eröffnen. Selbst die Bücher werden zunehmend nicht nur für das einsame Lesen zu Hause, sondern als Arbeitsunterlage für Gruppengespräche konzipiert. Und die elektronischen Medien können viele ihrer Möglichkeiten erst dann zur Geltung bringen, wenn sie direkt an soziale Systeme, Gruppen, Teams usf. anschließen. Über komplexe Bildschirminformationen lassen sich als Input für Gesprächssysteme unterschiedlicher Größe nutzen.[1] Erst in den Gesprächen wird ihre Komplexität reduziert und erst nach dieser Form unmittelbarer sozialer Informationsverarbeitung können sie das Handeln und das Leben der Individuen beeinflussen. Das Gespräch bricht die überkomplexe elektronische Informationswelt auf die Möglichkeiten und Zwecke der Individuen herunter. Individuelle Lernerfolge und Bewusstseinveränderung ergeben sich aus der Reflexion sozialen Lernens bzw. Respezifikation von Gruppenerlebnissen.

 


aus: Michael Giesecke: Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Suhrkamp- Verlag, Frankfurt a.M. 2002
 
[1] Nebenbei bemerkt, dürfte sich die Idee, den Computerbildschirm in etwa in der Größe eines aufgeschlagenen Buches zu halten, nur in den Köpfen derjenigen einstellen, die in der Buchkultur groß geworden sind.