Beispiel

Multiprozessorale Informationsverarbeitung
Empirische Ergebnisse

 

 

 
Computertomogramme der linken Hirnhälfte zeigen, daß unterschiedliche Zentren/Prozessoren bei den verschiedenen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsleistungen des Menschen aktiviert werden.
Wenn wir also zugleich Hören, Sehen, Sprechen und Denken, dann werden die Informationen teilweise zugleich, teilweise nacheinander in mehreren Zentren verarbeitet bzw. gespeichert. Nur unter laborexperimentellen Bedingungen lassen sich annähernd lineare und monoprozessorale Aktivitäten erzeugen.
Ganz gleich, welche Modelle in der Wissenschaft gerade favorisiert werden, jeder von uns entwickelt seine eigenen Vorstellungen, sein eigenes Selbstmodell über die Vorgänge bei der Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Darstellung. Bei dem einen spielt die primäre Wahrnehmung die größere Rolle, bei dem anderen die bewußtseinsmäßige Analyse und Synthese, beim Dritten die affektive Bewertung, beim Vierten zählt eher der nonverbale oder verbale Ausdruck. Je genauer die menschliche Informationsverarbeitung betrachtet wird, um so mehr müssen wir davon Abschied nehmen, daß dieser Prozeß bei allen Menschen gleichgeschaltet ist. Wenn wir unsere Umwelt und unsere Mitmenschen differenzierter wahrnehmen wollen, sollten wir selbst in dem gleichen Maße differenziertere Bilder von uns entwickeln, mehr Sinnesorgane einsetzen, eben 'offener' werden. In Anbetracht der Überkomplexität menschlicher Informationsverarbeitung ist jedes psychologische Modell eine Vereinfachung, jedes Selbstbild eine Selbstsimplifikation - aber eine unabweisbar notwendige!


Michael Posner: Tomogramm der Funktion der linken Hirnhälfte In: Harry Robins: Die wissenschaftliche Illustration. Von der Höhlenmalerei zur Computergraphik. Birkhäuser, Basel/Boston/Berlin 1992, S. 145