Theoretische Prämissen

  • Jede Kunst ist Medienkunst. Wir verwenden die Begriffe ‚Medienkunst’ und ‚Medienästhetik’, wenn wir diese Abhängigkeit der künstlerischen Werke und Prozesse von den Medien fokussieren wollen. Es geht uns um einen spezifisch medien-, informations- und netzwerktheoretischen Zugang zur Kunst.

  • Jede Kultur nimmt eine (oder mehrere) Prämierungen von Sinnen vor. Diese ist eng ver­bunden mit der Prämierung von Medien – Medien und Sinne entwickeln sich in Koevolution miteinander. Welche technischen Medien eine Kultur herausbildet, sagt etwas über die Wertigkeit der Sinne aus, ebenso wie Medien, die sich kulturell durchsetzen, die Bedeutung der einzelnen Sinne für eine Kultur beeinflussen.

  • Die Medienkunst hat die Prämierungen von Medien und Sinnen in ihrer Entwicklung bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts meistens mitvollzogen: die Ausdifferenzierung der Künste, wie sie sich seit Beginn des 18. Jahrhunderts in Theorie und Praxis dar­stellt, zielt auf eine Trennung der Künste voneinander und ihre Ausbildung als eigenständige Systeme. Mit der Autonomisierung der Kunst geht – im Sinne der Kantischen Trennung von Vernunft und sinnlicher Außenwelt – eine Abkehr der Kunst von den Sinnen einher – Kunst ist nur dann autonom, wenn sie nicht von der Außenwelt und damit von den äußeren Sinnen abhängig ist.

  • Wagner scheint in diesem Kontext der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Ausnahmeerscheinung zu sein – sein Konzept des Gesamtkunstwerks ist ein erstes Indiz für ein Umschlagen der Tendenz, die Künste funktional voneinander zu trennen und gleichzeitig zu „entsinnlichen“. Im 20. Jahrhundert häufen sich mit den verschiedenen Avantgarde-Bewegungen (insbesondere der 10er/20er Jahre sowie der 60er Jahre) die Versuche, die Trennung der Künste zu überwinden und durch aktive Einbeziehung des Publikums ein ganzheitliches Erleben zum konstituierenden Faktor der Kunst zu machen.

  • Dominant bleibt jedoch die Trennung der Sinne und wohl auch die Prämierung des Auges. Doch auch in dieser Prämierung lassen sich Unterschiede feststellen – z.B. Verschiebungen vom linearen zum assoziativen Sehen, vom Umriß zur Fläche etc. Wie also gesehen und gehört bzw. empfunden wird, ist auch historischen Entwicklungen unterworfen.

  • Doch erst durch die neuen Medien entwickelt sich zum ersten Mal seit Beginn der Neuzeit ein breiteres kulturelles Bewusstsein für die Prämierung bzw. Marginalisierung von Sinnen. Schon Marshall McLuhan sah im Computer ein Medium, das das Gleichgewicht zwischen den Sinnen wieder herstellen könne. Derzeit aber ist der Alltagsgebrauch des Computers noch vom visuellen Paradigma geprägt.

  • Die Kunst greift auch hier wieder die merklichen Tendenzen auf und radikalisiert sie, indem sie die neuen Medien für Projekte nutzt, die die Sinnlichkeit des Rezipienten umfassend ansprechen. Nicht nur Auge und Ohr, die bisher als die „ästhetischen“ Hauptsinne galten, sondern auch Kinästhetik und Tastsinn spielen eine immer größere Rolle durch die Interaktivität, die es dem Rezipienten erlaubt, in aktiven Kontakt mit dem Kunstwerk zu treten und diesen zu einem konstitutiven Teil der Kunst macht.

Erkenntnisinteresse

  • Alle bisherigen Ästhetiken und auch die meisten wissenschaftlichen Ansätze befassen sich nicht mit dem Kunstproduzenten, sondern mit dem Rezipienten und dessen In­formationsverarbeitung. Dabei werden zumeist nur sequentielle Wahrnehmungsformen modelliert – nach dem Modell: ein Medium richtet sich an einen Sinn, dessen Informationsaufnahme dann sequentiell verarbeitet wird; und/oder sie gehen davon aus, daß es zwischen Rezeption und Produktion kaum Unterschiede gibt. Das Fehlen von Modellen, bei denen Sinne mindestens parallel (also getrennt voneinander) oder sogar untereinander vernetzt arbeiten (was wir unter „Synästhesie“ fassen: vernetzte Verarbeitung simultan wahrgenommener Sinneseindrücke), zeigt, dass die Geschichte der Neuzeit eine Geschichte der Ausdifferenzierung von linear-kausalen Epistemologien ist, die meistens auch nur einen Sinn zum paradigmatischen Modell erheben (meistens das Auge – wie übrigens auch noch in neueren Erkenntnistheorien wie dem Konstruktivismus zu beobachten ist.).

  • Es fehlt also an zweierlei: an Modellen, die den komplexen (künstlerischen) Produktions­prozess als multisensuelle Informationsverarbeitung und -generierung zu erfassen versuchen und an Modellen, die die komplexe, vernetzte und simultanen Prozesse der Sinneswahrnehmung und Informationsverarbeitung modellieren. Das Fehlen beider hängt vermutlich zusammen: Der künstlerische Produktionsprozess ist nur vorstellbar als ein synästhetischer: Der Maler sieht nicht nur, er bewegt auch den Arm, er riecht die Farbe, er fühlt die Oberfläche der Leinwand vor dem Auftragen der Farbe und nach dem Auftragen der verschiedenen Schichten. Ähnliches ist von Bildhauern, Musikern und Dichtern zu vermuten. Das Arbeiten mit mehreren Medien bedeutet dabei vermutlich eine Komplexitätsinduktion: nicht nur wird multisensuell wahrgenommen und verarbeitet, sondern auch multisensuell produziert und zusätzlich noch mit mehreren Darstellungsmedien gearbeitet. Dies scheint derzeit am avan­ciertesten und komplexesten im computerbasierten Tanz umgesetzt zu werden, der die Möglichkeiten der neuen Medien für eine Erweiterung der Aufführungssituation nutzen. Hier spielen Kinästhetik, Auge, Ohr und Tastsinn im Verbund mit Raum, Licht, Ton (als Musik und als gesprochener Text), visuellen Elementen (z.B. Projektionen) und der Mensch-Mensch sowie Mensch-Maschine-Interaktion eine wesentliche Rolle.

  • Zusätzlich zur multisensoriellen Informationsverarbeitung kommen auch multisensorielle Kommunikationsstrategien ins Spiel: Zwischen den künstlerisch Aktiven, zwischen künstlerisch Aktiven, der Technik und dem Raum sowie zwischen Künstlern – Publikum – Technik. Diese Konstellationen bedeutet gegenüber den klassischen auf einem zeitlich sehr gedehnten und nicht festgelegten linearen Prozess von (monomedialer) Produktion (Künstler) – Distribution (Werk) und Rezeption (Betrachter) beruhenden Künsten eine ungeheure Komplexitätsinduktion, für die bisher weder Kunst noch Wissenschaft adäquate Modelle zur Verfügung stellen können.

  • Wie Synästhesie als simultaner gesamtsinnlicher Wahrnehmungsprozess funktioniert, wie sie den Produktionsprozess beeinflusst und wann sie beim Rezipienten in welcher Intensität ausgelöst wird, sowie die Frage wie sie sich in der bewussten Reflexion von Rezipient und Produzent darstellt, sind Kernfragen, die den Workshop bestimmen. Hinzu kommen die unterschiedlichen Kommunikationsstrukturen, die ebenfalls Gegenstand der Reflexion werden können. Der gewählte Zugang über das Erleben und Erfahren scheint uns der einzig wirklich machbare zu sein, um sich auf ein Feld zu begeben, in dem es noch keinerlei adäquate Theorien bzw. Modelle gibt. Der induktive Weg von Erfahrungswerten zu einer Theorie/einem Modell ist daher der wissenschaftstheoretisch fruchtbarste.

  • Insofern ist der Workshop prozessorientiert: es geht um die Arbeit mit mehreren Medien und deren Verarbeitung durch die Sinne sowie um die verschiedenen Kommunikationsformen. In der Arbeit mit den Künstlern sollen die Studierenden den Prozess des Erarbeitens eines Konzeptes und dessen mediale und sinnliche Umsetzung erfahren und gleichzeitig reflektieren. Es wäre schön, wenn ein kleines Aufführungsstück dabei herauskommen würde – falls sich dies aber als nicht möglich erweist, weil es zuviel Druck erzeugt, können auch mehrere kleinere Projekte – selbst wenn sie nicht fertiggestellt sind – in ihrem Entstehungsprozess vorgestellt werden – mit den entsprechenden Problemen und Erkenntnissen, die während des Arbeitsprozesses aufgetreten sind.

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