Konstruktivistische Kommunikationstheorie?
Ein Austausch von Argumenten in typographischen und in anderen Medien
Michael Giesecke/Georg Jäger
Beitrag für die Festschrift
Die Struktur medialer Revolutionen
Herausgegeben von einem Redaktionsteam
Dezember 1999
Zur Geschichte dieses Beitrages
1993 erschien im Internationalen Archiv für Sozialgeschichte der Deutschen Literatur
die Rezension meiner Arbeit Der Buchdruck in der frühen Neuzeit Eine historische
Fallstudie
über
die
Durchsetzung
neuer
Informations-
und
Kommunikationstechnologien, in der Georg Jäger unter anderem anregte, die
Grundgedanken des Konstruktivismus stärker bei der Entwicklung einer
Kommunikationstheorie und der Darstellung der Mediengeschichte zu nutzen. Ich
habe ihm darauf im Frühjahr 1994 in einem Brief geantwortet. Eine Erwiderung
erhielt ich bald in Form eines Briefes und einschlägiger Aufsätze. Anläßlich der
Taschenbuchausgabe meines Buchdruck-Buches gab mir der Suhrkamp-Verlag
Gelegenheit, auf das Feedback zu meinem Werk einzugehen.1 Die Kritik der
konstruktivistischen Systemtheorie an meinem Vorschlag, statt eines
außenstehenden Metastandpunktes die Positionen der Kommunikatoren
einzunehmen Ob Kommunikation vorliegt, können nur die Beteiligten entscheiden
- bildete auch hier wieder einen Diskussionspunkt.
Gleichzeitig habe ich den Briefwechsel mit Georg Jäger, Rezensionen und
Erwiderungen auch auf meiner Homepage im Internet zugänglich gemacht.
Die nachfolgende Dokumentation belegt und das ist ein Grund für ihre
Veröffentlichung die dialogischen Möglichkeiten des typographischen Mediums. Sie
zeigt aber auch deren enge Grenzen: Es bleibt beim Austausch von Argumenten und
dieser gelingt nur, indem zusätzlich das Medium des Briefes, des Telefons und des
Internet genutzt werden. Trotzdem: Wenn die typographischen Medien als Element
eines multimedialen Netzwerks genutzt werden, dann können sie kommunikative
Kraft, im Sinne von rückkopplungsintensiver Interaktion entfalten.
Diese Tatsache sichert den alten Medien auch gute Überlebenschancen unter den
Bedingungen des Internets. Solange wir die Buchkulturen nur als ein monomediales
Gebilde betrachten, eröffnen sich solche Möglichkeiten kaum. Der typographische
Informationskreislauf setzt nicht auf Interaktion. Im Gegenteil. Zwar kommt es immer
wieder vor, daß gedruckte Bücher von Lesern nicht bloß als ein Informationsmedium