Vorwort

Die Kulturen des 21. Jahrhunderts werden ihre Welt nicht mehr nur eine als industrielle, Wachstum und sprachliche Medien prämierende, sondern zunehmend als eine kommunikative beschreiben. Parallel dazu werden sie ihre Geschichte und ihre Beziehungen untereinander neu interpretieren. Aufgrund dieser Überzeugung sucht dieses Buch nach neuen Formen posttypographischen Denkens. Es geht dabei von der Prämisse aus, daß bislang alle tiefgreifenden kulturellen Veränderungen, die wir in der Geschichte verfolgen können, auch zu Veränderungen der Informationstypen und Denkstile geführt haben, die die Kulturen prämieren. Die Nutzung von Werkzeugen, die Einführung von Schrift, die Industrialisierung und jetzt der Einsatz elektronischer Medien haben nicht nur unsere Umwelt, sondern auch die Art und Weise, in der die Menschen Informationen wahrnehmen, verarbeiten und darstellen, verändert.
Bei diesem Thema sind Kommunikations- und Medienwissenschaftler in besonderer Weise angesprochen. Aber alternative Formen der Umweltwahrnehmung und der Intelligenz werden natürlich auch in anderen Bereichen gebraucht und in anderen Disziplinen bemerkt. Insoweit wendet sich das Buch an einen breiteren Leserkreis.
»Entdeckung der kommunikativen Welt« lautet der Titel, weil jede Form der Wahrnehmung und der anschließenden Verarbeitung dieser Erfahrung zu eigenen kognitiven Welten führt. »Andere Sinne«, »Andere Welten«, »Anderes Denken«, »Andere Praxis«, diese Stationen dürften im Rückkopplungskreislauf menschlicher Kulturen immer wieder zu durchlaufen sein, damit er einigermaßen geschlossen ist. Und die Welt, die durch ein zeitgemäßes Denken erkundet werden kann, ist nicht mehr nur jene physikalische und soziale des Industriezeitalters, sondern eine Welt, in der die Produktion und Vernetzung von Informationen im Vordergrund steht.
Das Buch setzt das mit den Fallstudien »Der Buchdruck in der frühen Neuzeit« und »Sinnenwandel, Sprachwandel, Kulturwandel« begonnene Projekt einer informationstheoretischen Kulturbeschreibung fort. Es präzisiert die ökologischen und kommunikationstheoretischen Modelle, die in der Veröffentlichung »Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft« 2002 vorgestellt wurden. Statt der überkomplexen Vielfalt von Faktoren, die im ökologischen Denken ins Gleichgewicht gebracht sein wollen, empfiehlt dieses Buch im zweiten und dritten Teil die konsequente Reduktion der Einflußgrößen auf jeweils drei. Exemplifiziert werden die Maximen eines neuen triadischen Denkens, soweit sie sich bis jetzt herausgeschält haben, an der Geschichte kultureller Kommunikation und ihrer Medien: Kulturvergleichende Mediengeschichte – Medienvergleichende Kulturgeschichte ist gleichsam der Fall, an dem die posttypographische Epistemologie erprobt werden soll. Dies ist kein Zufall. Denn gerade wenn es darum geht, Kulturen zu verstehen, die völlig fremde Identitätsanker besitzen, hat sich das auf Gleichheitsidealisierung aufbauende europäisch-neuzeitliche Denken selbst hohe Barrieren in den Weg gelegt. Um sie aus dem Weg zu räumen, braucht es Strategien, die besser mit Inhomogenität umgehen können als das Entweder-Oder-Denken.
Seine Bewährungsprobe hat das triadische Denken in ganz anderen, weniger akademischen Gefilden bestanden, nämlich bei der Analyse von Unternehmenskulturen. Meiner Frau, Kornelia Rappe-Giesecke, und den Teilnehmern der von ihr geleiteten Ausbildungen und Beratungen, insbesondere den beiden letzten Kursen der VW-Coaching »Organisationsberater« – »State of the Art«, die über mehrere Tage triadisch mit uns balancierten, sei ausdrücklich gedankt. Diese weiteren Kontinente der kommunikativen Welt, die Welt der Organisationen und der Gruppen bleiben hier zugunsten der Kommunikation in den großen kulturellen Gemeinschaften außer Betracht.

Aufbau des Buches

Der erste Teil, »Frühe Reisejournale«, dokumentiert ausgewählte Entdeckungsfahrten der 1970er, 1980er und 1990er Jahre in die römische Antike, das europäische Mittelalter und die Industriegesellschaften.1 Wo erforderlich, sind diesen Journalen Postskripte beigefügt, in denen Daten und Schlußfolgerungen aus heutiger Sicht bewertet werden.
Die Abschnitte »Schriftsprache als technologisches System« und »Alphabetisierung und Emanzipation«, in denen Alphabetisierung und Sprachpolitik in afrikanischen Entwicklungsländern und in Europa verglichen werden, gehen auf die Zusammenarbeit mit Georg Elwert † zurück.
Der zweite Teil, »Systematisierung der Journale«, schildert die Grundannahmen, Modelle und Methoden einer Historiographie kultureller Kommunikation und ihrer Medien, so wie sie sich nach der Durchsicht der empirischen Arbeiten und in Vorbereitung neuer Entdeckungsfahrten herausgebildet haben. Wenn sich keine über allen Kulturen und Zeiten stehenden Begriffe von Sprache, Kommunikation, Kultur, Geschichte usf. finden lassen, dann steht eine kulturvergleichende Medienwissenschaft vor der Grundfrage, wie bei Anerkennung der eigenen zeit- und kulturgebundenen Konzepte dennoch die vergleichbaren Begriffe anderer Kulturen Ernst genommen und deren Fremdheit während des Vergleichs erhalten bleiben können?
Genau für diese Fragen nach dem Umgang mit Heterogenität sucht das triadische Denken Lösungen. Die Darstellung dieser posttypographischen Erkenntnis- und Darstellungstheorie ist der innovative theoretische Beitrag dieses Buches.
Der dritte Teil, »Neue Entdeckungsfahrten«, wendet die triadischen Modelle auf mediengeschichtliche Fragestellungen an und vergleicht die Technisierung der Kommunikation in Europa mit derjenigen in anderen Kulturen und schwerpunktmäßig mit der Japans. Die Unterschiede zwischen den Kulturen erscheinen als Wechsel in den Prämierungen ausgewählter Faktoren, als je spezifische Balance zwischen den Komponenten der Kultur-, Geschichts- und Medienmodelle.
Der Medienkulturvergleich mit Japan ist im Dialog mit Shiro Yukawa entstanden und wäre ohne seine vielfältige Zuarbeit völlig undenkbar gewesen. Seine Dissertation über die »Geschichte der japanischen Schreib- und Druckkultur« wird manches differenzierter ausführen, was hier nur in großen Linien vorgestellt werden kann.
Zusätzliche Informationen bietet die Matrix »Japan« in der Datenbank »Geschichte« auf der Website »www.kommunikative-welt.de«.
Den Abschluß bildet ein Essay, der zeigt, inwiefern eine auf triadischen Geschichts- und Medienkonzepten aufbauende Trendforschung Beiträge zu aktuellen bildungspolitischen Fragen leisten kann.
Die einzelnen Kontinente der kommunikativen Welt wird nicht jeder Leser mit gleichem Gewinn besuchen. Wem es nach zusätzlichen Erkundungen der verschiedenen Themenbereiche ist, sei auf die Websites »www.kommunikative-welt.de« und »www.triadisches-denken.de« verwiesen.
Auf der ersten Website findet sich auch ein Link, der zu den Abbildungen führt, die in diesem Buch aus technischen und ökonomischen Gründen nicht aufgenommen wurden. Es geht hier vor allem um farbige Abbildungen und Vergrößerungen aus japanischen Holzschnitten, die für das Verständnis der Beschreibungen der Vervielfältigungstechniken in Ostasien wichtig sind. Auf diese, nur im Web verfügbaren Abbildungen (»www.kommunikative-welt.de/Buch«), wird in der Buchveröffentlichung an den betreffenden Stellen hingewiesen. Da häufiger zitierte Literatur im Buch nur abgekürzt nachgewiesen wird, mag die ausführliche Bibliographie auf der Website eine Hilfe sein.

1 Eine vollständige Dokumentation der Aufsätze findet sich in der Online-Datenbank »www.michael-giesecke.de/Publikationen«.