Fliesstext Die Ordnungsebenen komplexer Gespräche
   
Folgende Ordnungsebenen oder Programmtypen können bei der Analyse komplexer Gespräche auseinandergehalten werden:
 
Kleinräumige Regeln einfacher dyadischer Kommunikation (Sprecherwechsel) (vgl. Bergmann1980; Streeck 1983)
Normalformen elementarer kommunikativer Kooperationsformen/ Formen kooperativer Informationsverarbeitung (vor allem: Erzählen, Beschreiben, Argumentieren)
Normalformen der Gruppeninteraktion (Entscheiden, Ratifizieren, Konflikte klären)
Normalformen institutioneller Kommunikation
Kulturelle (gesellschaftliche) Programme
 

(Vgl. auch die Unterscheidung der verschiedenen Emergenzniveaus des Sozialen in der Soziologie!)

Im Gegensatz zu den kleinräumigen Regeln, zu denen man auch das Vorwurf - Rechtfertigungs- und das Frage - Antwortschema rechnen kann, die jeweils nur turnweise in Kraft gesetzt und ratifiziert werden, bestimmen die kommunikativen Normalformen, einmal in Gang gesetzt, das Handeln und Erleben der Beteiligten über einen längeren Zeitraum hinweg. Normalformen lassen sich zwar modifizieren, aber sie müssen in Rechnung gestellt und können nicht individuell und ad hoc außer Kraft gesetzt werden. Dazu sind gesellschaftliche Entinstitutionalisierungsprozesse erforderlich. Werden Normalformen einmal in Kraft gesetzt, dann versehen sie die Handelnden mit weiträumigen Erwartungen über den Ablauf der Interaktion und über die Aufgaben und Typisierungen der Beteiligten. Sie dienen als Programme zur Steuerung der Kooperation. Man muß aber betonen, daß die Normalformen nur als Folie dienen, vor der die Interaktionspartner in jedem empirischen Fall erneut aushandeln können, wie sie ihre Aktivitäten im einzelnen aufeinander abstimmen wollen. Eben deshalb ist das faktische Verhalten der Interaktanten auch keine "Materialisierung" dieser Normalformerwartungen. Diese sind keine Verhaltensvorschrift und kein Handlungsmuster, sondern eben die Erwartung einer bestimmten Kooperationsform und die Erwartung, daß es davon Abweichungen gibt. Alle Institutionen haben deshalb auch bestimmte Maximen für den Umgang mit solchen Abweichungen herausgebildet. Die Ermittlung dieser Korrekturmechanismen ist eine weitere typische Aufgabe der Konversationsanalyse.

Im Prinzip läßt sich jede Kommunikation, an der mehrere Personen beteiligt sind und die in institutionellen Kontexten abläuft, unter allen vier genannten Perspektiven behandeln. Man kann sie in dyadische Kommunikationsbeziehungen auflösen und nach alltäglichen Bedeutungszuschreibungen fragen. Man kann sie als ein Gruppengespräch betrachten, nach kommunikativen Interaktionsformen suchen und sie schließlich auch als ein institutionelles Geschehen begreifen. Wenn man genau vorgehen will und die Muße dazu hat, so wird man alle vier Systematisierungsmöglichkeiten ausschöpfen. Man kann sich als Betrachter aber auch seine Perspektive vorgeben lassen: Die Interaktionsbeteiligten sind, wenn es denn zu einer Verständigung kommt, immer schon selbst gezwungen gewesen, zu definieren, als welches Kommunikationssystem sie sich zu einem beliebigen Zeitpunkt betrachten wollen. Die Ermittlung dieser Selbstdefinition ist immer eine Aufgabe des wissenschaftlichen Betrachters. Aber ganz gleich, welche Ebene die Beteiligten fokussieren, latent wird ihre Kommunikation immer auch durch die Ordnungsstrukturen der anderen Ebenen der Reziprozitätsherstellung bestimmt.