Fliesstext Die soziometrische Methode Morenos als Beispiel für die Aktionsforschung
   

Die Grundidee der soziometrischen Aktionsforschung ist, daß die untersuchende Gruppe eine Aufgabe erhält, bei deren Lösung sie sich selbst erforscht. Erfolgreich ist das Experiment, wenn die Selbsterforschung tatsächlich zu Kenntnissen über die eigene Gruppe/Institution führt und diese sich deshalb ändert/ihr Problem löst. Es geht der Aktionsforschung also nicht um "wahre" Aussagen, sondern um eine planmäßige Gestaltung einer Veränderung im sozialen Feld. Die Forschung, der Weg, ist das Ziel ihrer Arbeit.
Beispielsweise beschäftigte sich das erste Projekt von J. L. Moreno mit der Frage: "Warum vertragen sich manche Wohneinheiten in einem Heim für schwer erziehbare Mädchen besser als andere?"
Als Ergebnis sollte nicht irgendein Aufsatz mit allgemeinen Aussagen und Regeln über Gruppenklimata oder ähnliches herauskommen, sondern die nicht funktionierenden Wohneinheiten sollten sich tatsächlich zu harmonischen Kollektiven wandeln.
Den Ablauf soziometrischer Aktionsforschung gibt die Abbildung 1 wieder.

Abb. 1: Der Ablauf der soziometrischen Organisationsentwicklung
1. Einigung auf ein zu lösendes Problem/e ine Untersuchung/ einen Veränderungswunsch.
Hypothesen über die Strukturprobleme und deren Folgen.
2. Soziometrischer Test/Strukturanalyse/-anamnese: Sichtbarmachen von latenten psycho-/ gruppen-/ organisationsdynamischen Strukturen. (klassische Frage: Sympathie/Antipathie in Bezug auf bestimmte Aufgaben)
Ergebnis: Soziogramm/Soziomatrix
3. reflexion/Diskussion des Soziogramms/Soziomatrix → Soziodiagnose (z.B. 'Stars der Anziehung' bzw. 'Abstoßung')
Ergebnis: Ermittlung auffälliger/problematischer Beziehungs konstellationen (Settings, Stellen und deren Besetzung).
Klärung der Hypothesen → Entwicklung von Diagnosen und ersten therapeutischen Vorstellungen.
4. Gezielte Abklärung der durch das Soziogramm aufgeworfenen diagnostischen Hypothesen durch soziometrische Interviews (u.a. Nachuntersuchungen).
Ergebnis: Ermittlung der Bedeutungszuschreibungen der Beteiligten/ Normalisierung der durch 2. und 3. erzeugten Irritationen. Test der Diagnosen und Entscheidung für spezielle therapeutische Interventionen.
5. Psychodramatische (dynamische!) Inszenierung auffälliger (problematischer) Beziehungskonstellationen.
Ergebnis: Durch Rollen- und damit Perspektiventausch können die Beteiligten die jeweiligen Bedeutungszuschreibungen der anderen Gruppenmitglieder besser in Rechnung stellen → wechselseitiges Verständnis; die gruppendynamischen Störungen werden im Hier und Jetzt bearbeitet (reinszeniert), alternative Verhaltensweisen und Settings durchgespielt.
Überprüfen, ob die Intervention zu den gewünschten Strukturänderungen führt.
6. Wiederholung des soziometrischen Tests (2.): Controlling
Falls keine Änderung der problematischen Konstellationen eingetreten sind → 7.
7. Soziometrische Umgestaltung: Veränderung der Struktur des Systems, meist der Settings oder der personellen Zusammensetzung der Gruppe. Danach kann wieder mit Phase 2 begonnen werden.

 
Der Aufbau der soziometrischen Organisationsentwicklung zeigt deutlich, daß es dieser Richtung nicht um eine bloße Deskription geht: Schon die Erhebung der Soziogramme soll dem untersuchten System einen besseren Einblick in seine eigenen Strukturen ermöglichen - ihre Diskussion soll Ursachen und bis dato latente Erwartungen zutage fördern und damit das System verändern. Im Beispiel des Wohnheims verändert die Durchführung von "Sympathiewahlen" schon das Klima, macht latente Strukturen bewußt, durchkreuzt die eine oder andere Erwartung/Befürchtung. Und diese soziale Selbsterfahrung wird durch die Rollenspiele (Psychodrama) noch vertieft.

Bei allen weiteren Ausdifferenzierungen ist dieser Gedanke das einende Prinzip der Aktionsforschung geblieben. So heißt es in dem Standardwerk von Wendell L. French und Cecil H. Bell (jr.): Organisationsentwicklung. Sozialwissenschaftliche Strategien zur Organisationsveränderung. Bern/Stuttgart 1982 u. ö.: "Organisationsentwicklung ist zugleich ein Ergebnis und eine Form der angewandten Sozialwissenschaft; genauer gesagt ist es ein Programm für die Anwendung der Sozialwissenschaft in Organisationen". (S. 70) Man kann auch sagen: Sozialwissenschaft im Sinne der Aktionsforschung soll eine Form der Organisations-, Gruppen- oder Persönlichkeitsentwicklung sein. Die spezifische wissenschaftliche Erkenntnis wird in diesem Kontext dadurch erreicht, daß zuvor latente Strukturen bewußt gemacht werden und die Folgen der Veränderung sozialer Strukturen sehr genau beobachtet und beschrieben werden können.