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Vom Ideal der homogenen Disziplinen zum Netzwerk artverschiedener Formen der Wissensschöpfung

Die analytische Wissenschaftsphilosophie, die die Wissenschaften als ein System von Aussagen beschreibt, bevorzugte solche Disziplinen, deren Modelle sich zu einem möglichst geschlossenen System von Aussagen zusammenfügten. Weite Bereiche der theoretischen Physik lassen sich etwa als ein solches geschlossenes System rekonstruieren. Die Wissenschaften im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert haben dieses ‘logische’ Ideal übernommen und viele Sozial- und Geisteswissenschaften nahmen es als Vorbild. Widerspruchsfreie Aussagensysteme lassen sich grundsätzlich nur bei homogenen Objektbereichen erzielen. Ein Objekt ist a und nur a. Die über dieses Objekt möglichen Aussagen orientieren sich an der Aussagenlogik und damit auch am Satz vom ausgeschlossenem Dritten. Sowohl – als – Auch Beschreibungen gelten als vage und müssen durch analytische Differenzierungen solange präzisiert werden, bis eine Dimension gefunden ist, in der nur entweder a oder b gilt. Anders ausgedrückt: die empirischen Phänomene werden nur einer Klasse von Objekten, die für die jeweilige Disziplin konstitutiv ist, zugeordnet – nicht zugleich zwei oder weiteren Klassen. Ein Wechsel der Klassifikation führt zu einem Wechsel der Disziplin: Das Phänomen Mensch ist entweder ein lebender Zellverbund und damit Objekt der Biologie oder ein Konglomerat von chemischen Elementen oder physikalisches System im Sinne eines Subsystems der Physik (Mechanik, Thermodynamik...) usf. Die Auflösung der Phänomene in Dimensionen, die von mehreren Einzelwissenschaften getrennt abgearbeitet werden, gehört zu dem Kosten, die für das Streben nach einem widerspruchsfreien Aussagesystem von den Einzelwissenschaften zu zahlen sind. Allen, die in den letzten Jahrzehnten nach ‘Interdisziplinarität’ gerufen haben, waren diese Kosten zu hoch. Interdisziplinarität bedeutet jedoch immer auch, auf einen homogenen Objektbereich zu verzichten. Insoweit ist ein Trend zu inhomogenen Objekten wissenschaftlicher Untersuchung unübersehbar. (Vgl. Mike Sandbothe)1
Neben den homogenen Disziplinen hat es immer schon weitere Typen von ‘Wissenschaften’ gegeben. Mindestens sollten mit Blick auf die europäische Wissenschaftsgeschichte noch unterschieden werden
 
Praxisanleitungen (Kunstlehren)
Konglomerate der Bindestrichdisziplinen
alte und neue Metadisziplinen
interdisziplinäre Projekte.

 
Für diese Wissenschaftstypen gibt es paradigmatische Beispielfälle
 

Rhetorik, Publizistik, Verwaltungswissenschaft,
Soziolinguistik, Sozialpsychologie, Biochemie
Mathematik, Logik, Semiotik, Kybernetik
Ingenieurwissenschaften, Pädagogik.

Aber es gibt auch Mischformen zwischen diesen Typen. Überhaupt ist fraglich, ob die genannten Typen jemals in ‘Reinform’ existiert haben.
Aus ökologischer Sicht stellt sich die Wissenschaftslandschaft jedenfalls als Netzwerk dar, in dem diese Arten immer schon koexistieren. Aber eben mit ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Anerkennung der verschiedenen Abteilungen. Der von Wissenschaftshistorikern und -theoretikern gepflegte Streit, ob es denn jemals eine sicheren Gang der Wissenschaft gegeben habe und wenn ja, welcher Typus von Wissenschaft paradigmatisch ist, braucht nicht entschieden zu werden. Es ist mit vielfältigen Formen kollektiver, mehr oder weniger institutionalisierter Wissensschöpfung zu rechnen. Aus ökologischen Erwägungen spricht nichts für eine Reduktion dieser Artenvielfalt. Im Gegenteil, manches spricht dafür, dass die Prämierung des nomothetischen disziplinären Typs schon zu lange währt und dass sich faktisch auch ganz andere Kooperationsformen als erfolgreich erwiesen haben.

 

1 Vgl. Mike Sandbothe: Grundlagen einer pragmatischen Kulturwissenschaft. In: Kulturwissenschaften. Theorien - Methoden - Forschungsansätze, hrsg. von Friedrich Jaeger, Burkhard Liebsch und Jörn Rüsen, Stuttgart und Weimar: Metzler 2003 (auch in: Kulturwissenschaft als Kommunikationswissenschaft: Projekte, Probleme, Perspektiven, hrsg. von Matthias Karmasin und Carsten Winter, Opladen: Westdeutscher Verlag 2003, S. 257-271).

Zusammenfassung