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Methodologie einer ökologischen und kommunikationstheoretischen Kulturwissenschaft
 

Kulturen sind überkomplexe Phänomene von denen sich beliebig viele, sinnvolle Beschreibungen anfertigen lassen. Für die Kommunikations- und Medienwissenschaften schlagen wir ein mehrstufiges Verfahren vor, um diese Komplexität in einer intersubjektiv kontrollierbaren Weise zu reduzieren.
Im ersten Schritt werden Kulturen im Objektbereich der Ökologie eingeordnet und als ökologische Netzwerke betrachtet. Da die Ökologie die Lehre vom Zusammenwirken artverschiedener Lebewesen mit der belebten und unbelebten (abiotischen) Umwelt ist, wird von vornherein eine Zuordnung des Phänomens zu entweder den Natur-, den Technik-, den Sozial- oder den Geisteswissenschaften vermieden. Dies bedeutet, dass es kein Primat der Biologie oder anderer Naturwissenschaften bei der Untersuchung von Ökosystemen gibt. Andererseits können aber Kulturen auch nicht auf Überbauphänomene: Normen, Werte, geistige Leistungen reduziert und so zu einem Gegenstand der Sozial- und Geisteswissenschaften gemacht werden. Kulturen lassen sich nur transdisziplinär erforschen.
Im zweiten Schritt werden drei Perspektiven vorgeschlagen, unter denen die ökologischen Netzwerke zu untersuchen sind, damit ihre kommunikativen und medialen Eigenschaften hervortreten: Informationsverarbeitung, Vernetzung und Spiegelung. Damit grenzt sich die ökologische Kommunikations- und Medienwissenschaft von den vielen Disziplinen ab, die ebenfalls - und meist schon seit längerer Zeit - Ökosysteme untersuchen.
Eine solche Komplexitätsreduktion ist bei der Beschreibung von Netzwerken ganz unvermeidlich. Immer müssen wir bestimmte Knoten oder Beziehungen als Ausgangspunkt wählen. Wir zerschneiden damit Zusammenhänge und stiften damit Hierarchie zwischen den Elementen der Netzwerke. Im Ergebnis der Beschreibung entstehen Systeme, im günstigen Fall mehrdimensionale Ökosysteme. Das Dilemma, dass mit jeder Beschreibung von Netzwerken ihre spezifische Eigenart verschwindet, lässt sich im Forschungsprozess nur im zeitlichen Nacheinander auflösen. Es gibt immer wieder Phasen, in denen Komplexität induziert wird, in dem wir die Phänomene als Netzwerke betrachten und dann wieder Phasen, in denen wir diese Komplexität reduzieren, linearisieren und hierarchisieren.
Die Notwendigkeit, im Forschungsprozess selektiv vorzugehen, betrifft nicht nur die Objekte, sondern auch die Selbsttypisierungen des Forschers und die Wahl der Methoden. Transdisziplinarität ist ein Ideal, welches sich im Gesamtablauf des Forschungsprozesses herstellen kann. Zu jedem beliebigen Zeitpunkt wird aber eine Methode oder/und das Modell einer Disziplin im Vordergrund stehen. Und es ist auch auf Dauer gesehen so, dass bei der Beschreibung von ökologischen Netzwerken bestimmte Ansätze dominieren. Eben deshalb macht es Sinn, zwischen den eher naturwissenschaftlich orientierten, ökologischen Kulturbeschreibungen einerseits und den geistes- und sozialwissenschaftlich orientieren, kulturwissenschaftlichen Beschreibungen anderseits zu unterscheiden.
Die Beschreibung der Dimensionen der kulturellen Ökosysteme lässt sich bis zu einem gewissen Grade kommunikations-, medien- und informationstheoretisch begründen. Aus dem transdisziplinären Aufbau der Kommunikationswissenschaft und dem inhomogenen Objektbereich aller Ökologie ergibt sich allerdings, dass letztlich immer auch auf Modelle und Methoden von Einzelwissenschaften zugegriffen werden muss. Im dritten Schritt der Komplexitätsreduktion werden demnach die Strukturen der Dimensionen gemäß der Modelle und Erkenntnisse der jeweils einschlägigen Fachwissenschaften beschrieben. Die Systematisierung von Vernetzungsformen und Medien lässt sich zum Beispiel nicht durch eine allgemeine Kommunikationstheorie begründen. Um die Spezifik technischer Kommunikationsmedien zu beschreiben, muss auf natur- und ingenieurwissenschaftliche Erkenntnisse zurückgegriffen werden.
Die Darstellung mag verdeutlichen, dass eine kulturwissenschaftliche Methodologie die dynamische Dimension in besonderer Weise berücksichtigen muss. Es findet ein beständiger Wechsel zwischen komplexitätsinduzierenden Perspektiven und Verfahren, die die Phänomene als Netzwerke erscheinen lassen, einerseits, und komplexitätsreduzierenden Verfahren, die die Phänomene systematisieren, andererseits statt. Entsprechend erscheinen die Phänomene sowohl als Netzwerke wie auch als Systeme. Und ebenso gibt es auch kein entweder oder zwischen einem stringente einzelwissenschaftlichen Herangehen und der Transdisziplinarität. Mal finden Modellierungen aus der Sicht der einen Wissenschaft, und mal aus der einer anderen statt. Intersubjektive Überprüfbarkeit wird dadurch hergestellt, dass Programm- und Perspektivenwechsel mitkommuniziert werden.