Zusammenfassung

Anforderungen der Informationsgesellschaft an die Kommunikationswissenschaften/ an Kommunikationskonzepte
1. Das an der einsamen Informationsproduktion und -rezeption sowie der monomedialen interaktionsfreien Vernetzung im Buchzeitalter gewonnene Kommunikationsmodell eignet sich für die Beschreibung und Weiterentwicklung der modernen Informationstechnologie ebenso wenig wie für die Erfassung der traditionellen multimedialen face-to-face-
Kommunikation.
2. Da die elektronischen Informationssysteme soziale Informationsvorgänge simulieren und unterstützen und an die natürlichen menschlichen Sinne und Verhaltensmöglichkeiten gebunden bleiben, ist für ihre Entwicklung und gesellschaftliche Implementierung vielmehr von einem Modell auszugehen, das auf der Analyse der Urform multimedialer interaktiver und sozialer Informationsverarbeitung, nämlich dem Gespräch von Angesicht zu Angesicht, aufbaut.
3. Dabei mag das Zweiergespräch der Ausgangspunkt sein. Zunehmende Bedeutung wird jedoch das Gruppengespräch, also die nicht bloß durch binäre Schematierung gelenkte soziale Informationsverarbeitung erhalten.
4. Zweitens ist in unserem jetzigen und zukünftigen Alltag weder die individuelle noch die soziale Informationsverarbeitung Selbstzweck, beide dienen vielmehr der Lösung von anderen Aufgaben: Lebenserhaltung, Veränderung der natürlichen Umwelt, Verfolgen wirtschaftlicher, politischer und anderer Ziele etc. Informationsverarbeitung ist also ein notwendiger und zumeist latenter Teil sozialen Handelns. Kommunikationsmodelle, die den Zusammenhang zwischen Kooperation und Kommunikation (i.S. von sozialer Informationsverarbeitung) nicht klären, sind für die Technisierung im Informationszeitalter nicht gerüstet. (Die Unterstützungsfunktion der Kommunikation bei der Kooperation drückt sich z.B. in Konzepten wie CAD, Computer-aided-Design u.ä. aus).
5. Zur Klärung dieser Fragen sind von der traditionellen, mit der Erforschung der sogenannten Massenkommunikation befassten ‚Kommunikations'- und/ oder ‚Medienwissenschaft' keine einschlägigen Beiträge zu erwarten. Sie haben kein Konzept von Interaktion, von Gruppendynamik, von nonverbaler Kommunikation, vom Zusammenhang zwischen Kooperation, Interaktion und Kommunikation u.v.a.m.
6.

Zur Erforschung der Grundlagen der medialen Kommunikation und der Medienentwicklung schlage ich also vor, Gespräche und alle Formen massenmedialer Kommunikation als soziale Informationsverarbeitung zu begreifen. Dies wird nur gelingen, wenn die bislang übliche Prämierung einzelner Medien, Sensoren und Verarbeitungsformen - und damit die
Abwertung anderer - vermieden sind. Aufgabe ist weiterhin die Verbesserung der sozialen Informationsverarbeitung auf allen Ebenen: Zweiergespräche, Gruppen, Institutionen und Gesellschaften.