Fliesstext Modelle über Information, Informationsverarbeitung und informationsverarbeitende Systeme

 

 
Was ist Information?
Es gibt in der Fachliteratur sehr viele Informationsbegriffe - und ein jeder mag für spezielle Situationen seine spezielle Leistung haben.
Die Kommunikationswissenschaft3D arbeitet mit drei ganz unterschiedlichen Konzepten, die alle eine Tradition in der Geschichte des menschlichen Denkens besitzen. Zusammen auf ein Phänomen angewendet, ermöglichen sie sein komplexes kommunikationsökologisches Verständnis.
 
Ontologischer Informationsbegriff

Die einfachste Definition von Information ist jene, die in ihr eine Eigenschaft von Materie sieht: I = f (M). Dies ist eine einfache einstellige Funktionen. Betrachtet man Materie als Träger von Informationen, so kann man sie Medium nennen. Oft wird hinzugefügt, daß jede Materie - oder jedes Medium - unendlich viele Eigenschaften oder Merkmale besitzt. Medien sind multivalent.
Zweitens
emergiert Materie auf verschiedenen Seinsstufen: physikalisch, chemisch, neuronal, psychisch, sozial u. a. Entsprechend sind unterschiedliche Klassen von Informationen zu unterscheiden. Physikalische Prozesse, chemische Reaktionen, neuronale Erregungen verändern die Eigenschaften von Medien. Diese Veränderungen lassen sich aus der informationstheoretischen Perspektive genauso als Vorgänge der Informationsverarbeitung interpretieren, wie psychische Leistungen.
Im Prinzip sind Materie und Information gleichermaßen unzerstörbar. Sie befinden sich jedoch in einem beständigen Verwandlungsprozeß. Naturwissenschaftler, die sich mit diesen dynamischen Prozessen befassen, betonen deshalb, daß die Merkmale eher als Fließgleichgewicht denn als feste Eigenschaften zu betrachten sind. [1]

 

Komplexe Informationen, so folgt aus diesem Ansatz, können zum einen als Synthese gleichartiger Informationsklassen oder aber eben von unterschiedlichen Informationsklassen (Seinsstufen der Materie) entstehen. Es gibt monomediale und multimediale Informationen und Informationssysteme. Entsprechend kann auch zwischen einer differentiellen Kommunikationswissenschaft, die sich z. B. ausschließlich mit sozialen Informationen beschäftigt und einer integrativen, multimedialen oder ökologischen Kommunikationswissenschaft unterschieden werden, deren Erkenntnisinteresse auf die Mechanismen des Zusammenwirkens der verschiedenen Medien bzw. Informationsklassen z. B. in der Kulturgeschichte oder in der menschlichen Wahrnehmung gerichtet ist (vgl. Text 2, s. Anhang).

Ohne ein solches typologisches Konzept der verschiedenen Seinsstufen von Materie und Information (Emergenz), das sich, ähnlich wie das botanische Klassifikationsschema, feiner untergliedern läßt, kann die Informations- und Kommunikationswissenschaft nicht arbeiten [2]. Solange kein Konsens über eine solche Typologie hergestellt ist, befindet sie sich, um den Vergleich mit der Biologie fortzuführen, noch im Vor-Linnéschen Stadium. Darwin liegt noch in ferner Zukunft. Einige typologische Mindestunterscheidungen, mit denen ich arbeite, fassen die beiden nachfolgenden Tabellen zusammen.
 

Typen von Information/ Medien (monomedial)
physikalisch (anorganisch)
biochemisch (organisch)
neurophysiologisch
psychisch
sozial (sprachlich)
 
Multimediale Informations- und Speichersysteme
Pflanze
Tier
Mensch
Kulturen gleicher multimedialer Informationssysteme (z.B. von Menschen oder Pflanzenarten)
Ökosysteme unterschiedlicher Arten von Informationssystemen (also z.B. von Mensch und Technik)
 
Selbstverständlich liegt ein solches typologisches Konzept mehr oder weniger explizit auch jeglicher Gliederung der Wissenschaft in die verschiedenen Disziplinen zugrunde. Physik und Soziologie z. B. beschäftigen sich mit unterschiedlichen Klassen von Phänomenen bzw. von Informationen. Die gegenwärtige Tendenz zu interdisziplinären Projekten läßt sich vor dem informationstheoretischen Hintergrund als Bewegung hin zu multimedialen Forschungsgegenständen interpretieren.

[1] I. d. S. unterscheidet Tom Stonier (Information und die innere Struktur des Universums. Berlin/Heidelberg/New York usw. 1991) zwischen struktureller und genetischer Information, wobei die strukturelle Information an die Existenz eines Gleichgewichtszustandes gebunden wird. Kritisch hierzu Frank Schweitzer: Selbstorganisation und Information. In Holger Krapp/Th. Wägenbaur (Hg.): Komplexität und Selbstorganisation. 'Chaos' in den Natur- und Kulturwissenschaften. München 1997. S. 99-130, hier S. 124, Anm. 14
 
[2] Andererseits ist unübersehbar, daß die Kommunikationswissenschaften, Vorbehalte gegen ontologische Informationsbegriffe und -typologien haben. T. Stonier mutmaßt i. d. S.: "Die Schwierigkeit, Information als physikalische und intrinsische Eigenschaft des Universums anzuerkennen, rührt vielleicht daher, daß wir selbst so tief in ihre Verarbeitung und Übertragung verstrickt sind." a.a.O. (vgl. Anm. 1), S. 7.