Fliesstext Multimediale Verkettungen

 

 
Bislang sind wir von gleichartigen Prozessoren und Medien ausgegangen und haben uns auf einer (zweidimensionalen) Ebene bewegt. Informationsverarbeitung kann aber, wenn wir die ontologische Dimension mit den verschiedenen Seinsstufen von Informationen berücksichtigen, auch als Transformation zwischen unterschiedlichen Informationsklassen ablaufen. Komplexität gewinnen Informationsprozesse unter diesem Gesichtspunkt durch die Verkettung von Medien und Transformatoren, die auf unterschiedlichem Emergenzniveau liegen (vgl. Text 6, s. Anhang). Ohne ein solches Verständnis von Komplexität kann das Phänomen multimedialer Informationsverarbeitung, seien es nun menschliche Wahrnehmungen oder technische Informationssysteme wie der Buchdruck nicht erfaßt werden.
Prozesse multimedialer Informationsverarbeitung lassen sich mit zweidimensionalen Grafiken nur sehr unbefriedigend veranschaulichen. Neben der Anzahl der Prozessoren/Medien und ihrer räumlichen und zeitlichen Verknüpfung muß als dritte Dimension das jeweilige Emergenzniveau der Elemente berücksichtigt werden.
Die nachfolgenden Abbildungen (5a und 5b) können das Prinzip dieser Form von Informationsverarbeitung zumindest andeuten:
 

 
 
Abb. Informationsverarbeitung als multimediale Verkettungen
 
Das zweite Schema zeigt, daß sich auch in dieser Dimension Komplexität durch Iteration steigern läßt: Informationsverarbeitungsprozesse über mehr als zwei Ebenen sind ganz üblich.
Man muß wohl auch die Steuerungsprozesse, wie sie von der Kybernetik beschrieben werden, unter dem Gesichtspunkt des Wechsels von Ebenen analysieren, und zwar wechselt hier das Emergenzniveau der Prozessoren bzw. der miteinander verknüpften Informationssysteme. Der Reflektor, der den Basisprozeß beobachtet, arbeitet auf einer anderen Ebene als der Basisprozeß. Er vergleicht die Ergebnisse seiner Beobachtung mit Normalformmodellen über diesen Prozeß (Sollwerte), die in einem Speicher bereitgehalten werden, und greift bei Abweichungen ein.
Natürlich ist es auch möglich, daß die Arbeit solcher Reflektoren nochmals durch übergeordnete Informationssysteme kontrolliert werden, so daß auch in dieser Richtung Komplexitätssteigerung möglich ist.
Diese Form der Steuerung und Regelung läßt sich als ein Typus höherstufiger Formen von Informationsverarbeitung begreifen, die spätestens seit Gregory Bateson durch die Vorsilbe ‚Meta' zusammengefaßt werden: Wahrnehmung des Wahrnehmens, Dialoge über Dialoge (Metakommunikation), Informieren über Informationsverarbeitung, Prozessieren von Prozessen etc.
Die Systemtheorie hat diese Art von rekursiven Operationen als Ursache einer besonderen Form der Systemdifferenzierung ausgemacht: Systemdifferenzierung nicht im Sinne der Aneinanderschaltung gleicher Segmente sondern als Nebeneinander von Subsystemen, die mit unterschiedlichen Funktionen auf unterschiedlichem Spezifitätsniveau arbeiten. Entsprechend sind auch die Ergebnisse der Arbeit dieser Subsysteme, ihr informativer Output, auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt: Beschreibungen von Mustern, Programme über Prozesse, Modelle von Informationssystemen usw (vgl. Text 7, s. Anhang). Oder um ein Beispiel von Bateson aufzunehmen: Die Landkarte emergiert auf einem anderen Niveau als das Land. Sie bietet Metainformationen, Informationen über das Territorium. Der Landvermesser ist, zumindest zu dem Zeitpunkt, in dem er das Land vermißt, nicht der Landschaftsumgestalter.
Alle komplexen Informationssysteme sind in diesem Sinne nicht nur in Segmente sondern auch in Subsysteme differenziert. Diese Form der Systemdifferenzierung über mindestens 2 Ebenen hinweg ist eine Voraussetzung jeglicher selbstreferentieller Informationsverarbeitung und kybernetischer Regelkreise.