Fliesstext Rekursive Verkettungen und selbstreferentielle Informationsverarbeitung

 

 
Die vierte Möglichkeit, die Komplexität von Informationsverarbeitung und informationsverarbeitenden Systemen zu steigern wird in der Literatur durch Begriffe wie :
 
• Rückkoppelung und Rekursion
• Selbstreferenz und Reflexion
• Selbstorganisation, Identität und Autopoiese
 
bezeichnet.
Hier geht es um Phänomene, die erst in den letzten 50 Jahren durch die Kybernetik und die Theorien selbstreferentieller Systeme genauer beschrieben wurden. Jede Steuerung setzt Wahrnehmung und den Vergleich der wahrgenommenen Daten (Ist-Zustand) mit einem Vergleichsmaßstab voraus. Das kann im einfachsten Fall der Input selbst sein (Feststellen von Veränderungen). Meist sind es aber irgendwelche anderen Soll-Größen. Diese Wahrnehmung setzt in jedem Fall ein neues, zusätzliches informationsverarbeitendes System voraus. Dieses kann als Element des beobachtenden Systems funktionieren und dann Selbstbeobachtung betreiben. Es kann auch ein außenstehender Beobachter sein. Im letzteren Fall kommt es nicht zu einer Komplexitätssteigerung in der Informationsverarbeitung. Wir haben es lediglich mit dem Zusammenwirken zweier unabhängiger Systeme zu tun, wie dies z. B. in jeder interpersonellen Kommunikation der Fall ist.

Im ersteren Fall haben wir es mit einer neuen Klasse von Informationsverarbeitung: selbstreferentielle im Gegensatz zu fremdreferentieller zu tun. Wir können als psychische Systeme bspw. wahrnehmen, daß wir Wahrnehmen und darüber hinaus auch noch wahrnehmen, nach welchen Kriterien unsere Wahrnehmung abläuft. (Spirale der Selbstreflexion)
 
Die entsprechenden selbstreferentiellen Informationssysteme kennzeichne ich mit dem Symbol :

Die Grundform solcher selbstreferentiellen Akte wird in den kybernetischen Regelkreisen beschrieben. Informationstheoretisch läßt sie sich im folgenden Schema darstellen:
 

 
 
Ein Regulator (Steuerungssystem) vergleicht Input (M1) und Output (M2) eines Informationssystems (IS) mit gespeicherten Sollwerten (MN). Er kann durch die Veränderung der Eingabe (M1) den Output in Richtung auf die gespeicherten Normen (MN) korrigieren.

 
Selbstreferentielle und fremdreferentielle Prozesse lassen sich nur unterscheiden, wenn man die Zeitdimension differenziert berücksichtigt. In der Kybernetik wird der Unterschied durch die Gegenüberstellung von linearen und kreisförmigen Prozessen thematisiert: Basale Referenz/ Informationsverarbeitung verläuft auf der irreversiblen Zeitachse von der Vergangenheit in die Zukunft. Rückkoppelung führt demgegenüber zu veränderten Ausgangsbedingungen. Das erneute Durchlaufen des Prozesses bringt andere Ergebnisse. Fehler sind reversibel, der Zeitpfeil wird zur Schleife und/oder Spirale.
 
Mathematisch wird der Unterschied dadurch ausgedrückt, das rekursive Funktionen im Gegensatz zu den linearen mit Zeitintervallen arbeiten also nicht y=f (t) sondern z.B.:  y (t) = f (y (t - )).
 
Der Wert von y zum Zeitpunkt t ist eine Funktion von y zum Zeitpunkt t minus einem bestimmten Intervall (eben ). Einfach ausgedrückt: Das Verhalten eines Systems im Hier und Jetzt wird bestimmt durch seine gestrigen Erfahrungen. Es kann lernen und seine Programme ändern - damit wird sein Verhalten für sich selbst und für seine Umwelt nur berechenbar, wenn solche Lerneffekte mit berücksichtigt werden. Selbstreferentielle Systeme mit rekursiver Informationsverarbeitung sind keine trivialen sondern eben komplexe lernende Systeme.

(Im Umkehrschluß bedeutet dies: Wer sich mit Lernen befassen will muß die Phänomene als selbstreferentielle Systeme betrachten.)
Wenn man betonen will, daß Systeme sich beständig durch rekursive Prozesse verändern, dann kann man sie als selbstorganisierende autopoietische Systeme bezeichnen (vgl. Text 8, s. Anhang). Es soll damit (u. a.) ausgedrückt werden, daß ihre aktuelle Komplexität und Dynamik das Produkt ihrer eigenen Komplexität und Dynamik in der Vergangenheit ist. Sie verarbeiten nicht nur Informationen sondern schaffen sich dabei ihre Programme und Strukturen immer wieder selbst (neu).
Diese Form der selbstreferentiellen, rekursiven Komplexität bringt dem System (und seinen Beobachtern) Identitäts- bzw. Identifizierungsprobleme: Ist das System zum Zeitpunkt t noch das nämliche wie zum Zeitpunkt t - ?
Aus der kybernetischen Sicht könnte man sagen: Solange die Sollwerte noch als Richtschnur gleichbleiben und die Ist-Werte eine bestimmte Toleranzgrenze nicht über- oder unterschreiten, ist das System mit sich identisch. Strikt selbstreferentiell gedacht wird man sagen: Solange das System sich selbst als identisch erlebt und beschreibt ist es das gleiche.
Jedenfalls wird eine Beschäftigung mit Identitätskonzepten für den Wissenschaftler unausweichlich, wenn er beginnt, seine Phänomene als selbstreferentielle und autopoietische Systeme zu betrachten.
Ich glaube nicht, daß sich das Identitätsproblem in der selbstreferentiellen Dimension nach dem Schema ‚Mehr vom Selben' lösen läßt. Die Selbstwahrnehmung der Selbstwahrnehmung der Selbstwahrnehmung usf. führt nicht (allein) zur Selbstgewißheit. Ich reserviere aus diesem Grund den Begriff Reflexion auch für eine integrative Operation: Verknüpfung von basaler und selbstreferentieller Informationsverarbeitung. Erst in dieser Verknüpfung liegt der Schlüssel zur Identitätssicherung. Oder anders ausgedrückt: Das System braucht die Umwelt - bzw. deren wahrgenommenen Reaktionen - zur Identitätssicherung. Es kann sich nicht auf die Durchmusterung der eigenen Informationsbestände und -prozesse begrenzen, wenn es sich erhalten will. Identität wird damit auch zu einer (System-Umwelt) Relation und nicht mehr nur zu einem strukturellen Bestand.
Dies heißt auf der anderen Seite, daß nur Veränderung Systemerhalt bei sich wandelnden Umwelten ermöglicht. An und für sich ist das eine Binsenweisheit, aber um sie theoretisch zu modellieren muß man Identität aus der einseitigen Kopplung an Selbstwahrnehmung lösen - bzw. grundsätzlich zwischen Selbst- und Umweltreferenz unterscheiden.
[Ich komme auf die Selbstreflexion noch zurück]