Fliesstext Topologischer Informationsbegriff

 

 
Da es nicht nur eine einzelne Information gibt, sondern die Welt voll von ihnen ist, muss es auch Beziehungen zwischen den Informationen geben. Diese Beziehungen dürften so vielfältig wie die Informationstypen selbst sein. Viele Informationen emergieren überhaupt erst als das Produkt solcher Beziehungen, und manche Bedeutungstheorien gehen davon aus, dass alle Bedeutungen Relationen sind (Der strukturalistische Informationsbegriff in der Sprachwissenschaft).
 

Insbesondere die sprachwissenschaftlichen und semiotischen Bedeutungstheorien haben sich mit diesem Phänomen beschäftigt. In der Sprache besitzen alle Zeichen Feldwerte. Ja, sie werden überhaupt erst zu Zeichen, weil sie in Opposition (Relation) z.B. zu anderen Zeichen stehen, weil sie sich zu phonemischen, semantischen und syntaktischen Strukturen, zu Worten und Sätzen verknüpfen lassen. Die Bedeutung der Worte und Sätze lässt sich dabei nicht aus dem Phonem- oder Graphemischen allein erschließen.
Das gleiche gilt auch für unser dezimales Zahlensystem: die 1 in 120 hat einen Hunderterwert, die 2 einen Zehnerwert. Ohne eine Berücksichtigung des (Dezimal)Systems hat das Zeichen ,1' keine strukturelle Information.
Aber es geht nicht nur um abstrakte Zeichensystem, sondern auch um die Systematik von Natur und Gesellschaft. Chemische Moleküle etwa besitzen je nach den Kontexten unterschiedliche Bedeutung. Wir wissen, dass die Menschen sich in Zweierbeziehungen und Gruppen anders verhalten als allein. Die Gesellschaftstheorie ist überhaupt eine Theorie über Beziehungen. Die strukturelle Dimension trägt der Erfahrung Rechnung, dass die einzelnen Informationsmedien viele Bedeutungen besitzen, je nachdem in welche Kontexte sie eingeordnet sind.

 
Während in der ontologischen Dimension die elementare Bedeutung der Dinge und Prozesse fokussiert wird und in der epistemologischen Dimension die Abhängigkeit der Bedeutung von der Beziehung zwischen den Betrachtern/Sendern und den Medien erkundet wird, geht es in der topologisch-netzwerktheoretischen Dimension exakt um diejenigen Informationen, die erst als Ergebnis solcher Beziehungen - im Zusammenhang der Medien - emergieren.
Topologische Information wird als emergentes Merkmal von Relationen, Strukturen und Systemen
 
I = r (E1, E2, E3....) betrachtet.
 
Die elementaren Informationsmedien (E1, E2, E3....) erscheinen andererseits als Elemente von - verschiedenen - höherstufigen Gebilden. Deshalb könne sie Auskunft nicht nur über sich selbst - in einem ontologischen Sinn - geben, sondern auch über die Gebilde, die sie durch ihre Existenz mit aufbauen.
Solche Gebilde können im einfachsten Fall Dyaden (Zweierbeziehungen), d.h. Kopplungen von 2 Elementen sein. Ich bezeichne diese Gebilde als Relationen. Jeder Pol einer Relation gibt nicht nur Auskunft über sich sondern auch den anderen Pol (seine Opposition) und das Verhältnis zwischen ihnen. Deshalb sagen Beschreibungen nicht nur etwas über die beobachteten Gegenstände sondern auch über den Beschreiber aus. Manche Theoretiker sagen auch: Information entsteht überhaupt erst als Unterschied. Sie liegt "zwischen" den Dingen - und deshalb lehnen sie dinghafte (ontologische) Informationskonzepte ab. Die relationale Perspektive macht uns jedenfalls auf die Notwendigkeit aufmerksam, nach Oppositionen, Gegensatzbegriffen, komplementären Medien usf. zu suchen.
 
Von Strukturen spricht man, wenn man solcher Relationen miteinander verbunden sind. Die Elemente gewinnen dann eine eigene strukturelle Bedeutung, sie besitzen Feldwerte.
Strukturen emergieren grundsätzlich durch die Relationierung gleichartiger Relationen. So beschäftigt sich die strukturalistische Sprachwissenschaft etwa nur mit Relationen zwischen Zeichen und Zeichenrelation - nicht mit den Beziehungen zwischen Zeichen und Zeichennutzern/Sprechern.

 
Will man unterschiedliche Typen von Strukturen miteinander in Beziehung setzen, braucht man höherstufige Konzepte. Theoriegeschichtlich folgt nach den strukturalistischen Modellen die Systemtheorie. Was immer man sich unter Systemen vorstellt, sie relationieren unterschiedliche Typen von Strukturen und schaffen damit einen anderen Typ von Bedeutung. Diese Tatsache drückt sich z.B. in der Definition von Systemen als mehrdimensionale Gebilde aus. (Dimension entspricht hier einem Typus von Struktur).
Allerdings wird der Unterscheidung zwischen struktureller und systemischer Emergenz nicht immer klar getroffen, weshalb vielfach kaum ein Unterschied zwischen strukturellen und systemischen Beschreibungen auszumachen ist.
 
So schreibt der Begründer der neueren Systemtheorie, Ludwig von Bertalanffy "Die Eigenschaften und Verhaltensweisen höherer Ebenen [sic!] sind nicht durch die Summation der Eigenschaften und Verhaltensweisen ihrer Bestandteile erklärbar, solange man diese isoliert betrachtet. Wenn wir jedoch das Ensemble der Bestandteile und die Relationen kennen, die zwischen ihnen bestehen, dann sind die höheren Ebenen von den Bestandteilen ableitbar." (nach Lenk/Ropohl 1978)
 
In der Tradition systemischen Denkens wird die Veränderung des Informationswertes als Übersummation bezeichnet oder man spricht von kombinatorischem Gewinn.