Parallelverarbeitung von skriptographischen Informationen
   
  Herkunft:
M. Giesecke
   

Ziel
Mensch als multisensuelles, massiv parallel verarbeitendes
Informationssystem begreifen.
Am Beispiel von Schreiben und Lesen.

   

Ablauf (Instruktion und Setting)
Ein DIN-A4-Blatt durch Falten in 4 gleich große Flächen teilen.

Die nachfolgenden Instruktionen sind vollständig. Bitte keine Nachfragen!
Es geht jetzt um Datenerhebung. Dazu ist es erforderlich, dass Sie sich auf Ihre Arbeit konzentrieren – und der Nachbar auf seine.

Augen schließen.
Bitte in das linke obere Feld ein ‘mit’ schreiben.
Die Augen bleiben geschlossen. In das untere linke Feld in Großbuchstaben (Versalie) ein ‘Q’.
Augen öffnen.
Mit geöffneten Augen oben rechts ein ‘mit’ und unten links ein ‘Q’ nachtragen.

Blatt zur Seite legen und 2 neue DIN-A4-Blatt vornehmen, mittig in DIN-A5 falten.
Zunächst das japanische Schriftzeichen für ‘Mensch’ zeigen.
Augen schließen, in der oberen Hälfte des 2. Blattes mit geschlossenen Augen nachzeichnen.
Dann auf dem 3. Blatt oben ebenfalls mit geschlossenen Augen das japanische Schriftzeichen für ‘Innen’, das ebenfalls gezeigt wird, nachzeichnen.
Dann nochmals die beiden Schriftzeichen vorzeigen und auf den unteren Blatthälften mit geöffneten Augen abschreiben.

   
  Auswertung
1. Individuell
‘Das Schreiben’ oder Malen? – der Buchstaben ist ein dynamischer Prozess, hat einen Anfang und ein Ende. Bitte kennzeichnen Sie bei allen Buchstaben mit der Ziffer 1, wo Sie mit dem Stift angesetzt haben, mit 2 wo Sie abgesetzt haben, ggfs. mit 3, wo Sie wieder neu angesetzt haben usf.
 
- Der Mensch nimmt seine Umwelt und sein eigenes Handeln multisensuell wahr.
- Er steht also beständig vor der Aufgabe multisensuelle Informationen zu integrieren (Synthese/Sinnesfusion) Integrationsfunktion des Gehirns.
- Wahrnehmung und Informationsverarbeitung erfolgt als analytisch-synthetische Tätigkeit – nicht als isoliertes.
- Alle bisherigen Theorien über Erkenntnis im europäischen Kulturkreis sind demgegenüber monosensuell.
- Die Anwendung dieser Modelle auf Bilder und Texte ist ein ernstes Hindernis für das Verständnis ihrer medialen Eigenschaften, ihrer Produktion und Rezeption.
   
2. Theoretischer Input
Menschen und Kulturen sind multisensuelle, massiv parallel verarbeitende Informationssysteme – wenn man sie aus einer informations- und kommunikationstheoretischen Sicht betrachtet.
Das Problem ist, das diese Parallelität selten bemerkt und jedenfalls nicht theoretisch modelliert wird.
Es gibt keine Theorie multisensueller Wahrnehmung oder/und Darstellung. Entsprechend auch keine Theorie multimedialer Kommunikation. Die Ansätze zu einer Theorie der Multimedialität sind, jedenfalls auch aus kommunikationstheoretischer Sicht dürftig. Sie können Erkenntnis als emergentes Produkt des Zusammenwirkens mehrerer Sinne- oder auch mehrerer Funktionsprogramme eines Organs nicht erfassen. Dies zeigt sich auch in den Theorien über skriptographische Medien und die Schriftsprache.
   
  Wir haben, als wir Schreiben und Lesen lernten, diese Tätigkeiten und deren Produkte, Schriften, mindestens dreifach gespeichert, als motorische rhythmische Muster in unseren Muskeln, als ikonische Formen und – soweit wir phonetische Schriften nutzen – auch akustisch.
   
 
   
  Schriftzeichen (für Sprachen mit lautlicher Existenzform) sind das emergente Produkt von akustischen, taktilen und visuellen Informationen. Sie unterscheiden sich von Elementen einer Zeichnung gerade dadurch, dass diese in geringerem Maße motorisch routinisiert und nur in Ausnahmefällen, die dann wieder zu einer besonderen Klasse zusammengebunden werden können, akustisch gespeichert sind.
   
 
- Geht man vom Tastsinn/Gelenksinn aus, so gibt es keinen Unterschied zwischen Malen und Schreiben. (Normalerweise unterscheidet man beim Tastsinn eine aktive Dimension: haptisch und eine passive Dimension: taktil.
   
  Die Übung dient (1.) dazu, das Zusammenwirken mehrerer Sinne und mehrerer Typen von Information zu erkunden: Ohr, Hand und Auge, akustische, taktile und visuelle Informationen vor allem. Alle Formen der Wahrnehmung können sich wechselseitig beeinflussen, korrigieren. D.h., sie laufen eben nicht immer unabhängig nebeneinander her, sondern sie berühren sich und tauschen Informationen aus.
Um diesen Effekt merkbar zu machen sollten Sie im Experiment die Augen schließen. (Vgl. das Schreiben des Q)
   
  3. Auswertung in Vierer-Gruppen
Die japanischen Schriftzeichen für ‘Mensch’ und ‘Innen’
 
  Fragen
Was sind unter dem Gesichtspunkt a) taktiler und b) visueller Informationsverarbeitung die Unterschiede zwischen Kursiv- und Blockschrift?
   
  Die japanischen Schriftzeichen wurden Ihnen als ‘Zeichnung’ ‘visuell’ dargeboten. Wie haben Sie diese visuelle Information in taktile übersetzt? Woran merken Sie Anfang und Ende der Bewegung?
   
  Gibt es einen Unterschied zwischen ‘Malen/Zeichnen’ und ‘Schreiben’ für Sie hinsichtlich der japanischen Buchstaben? Im Hinblick auf welche Sinne?