| Der Beitrag der Ökologie zum Verständnis von Kulturen | |
| Ökologie
als Netzwerktheorie Die Ökologie ist eine Lehre von den dynamischen Wechselbeziehungen zwischen den Lebewesen und ihrer belebten und unbelebten Umwelt. Sie beschreibt in synchroner und diachroner Perspektive die Vernetzung von artgleichen und artverschiedenen Elementen. |
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| Sie fordert dazu
auf, die Welt als inhomogenes, mehrdimensionales Netzwerk - und den Betrachter
als Element desselben zu begreifen. Gegenüber der alltäglichen und der einzelwissenschaftlichen
Weltanschauung bedeutet dies eine Zunahme an Komplexität. Ökologisches Denken
beginnt damit, die Dinge und Prozesse zunächst einmal als vielschichtig
und risikoreich zu verstehen. Die Ökologie liefert ein Programm der Komplexitätsinduktion.
Erst in weiteren Schritten kann diese, nun reichere Beschreibung der Umwelt,
durch die Kategorien der verschiedenen Wissenschaften strukturiert und systematisiert
werden. Komplexitätsinduktion Der Sinn dieses Verfahrens liegt darin, alltägliche Selbstverständlichkeiten, vorschnelle Vereinfachung zu vermeiden, mystifizierende Sichtweisen zu hinterfragen, die Anzahl der Möglichkeiten von Erleben und Handeln zu erweitern. Um die Notwendigkeit komplexitätsinduzierender Verfahren [1] einzusehen, muss das gängige Verständnis von Wissenschaft ein Stück weit suspendiert werden. Dieses stellt die Funktion der Reduzierung von Mühsal, der Entwicklung einfacher Modelle und eleganter Formeln in den Vordergrund. Dem ökologischen Denken geht es in der ersten Phase um das genaue Gegenteil: Überkomplexität erfahrbar zu machen. Komplexitätsreduktion durch Systembildung Jede Untersuchung dieser ökologischen Netzwerke muss irgendeinen 'Knoten', ein bestimmtes Beziehungsgeflecht, als Ausgangspunkt wählen. Die Besonderheit des ökologischen Ansatzes besteht in dieser Phase darin, dass weder einzelne Elemente, noch Beziehungen zwischen gleichartigen Objekten, sondern Wechselbeziehungen zwischen mehreren artverschieden Elementen, die zudem in unterschiedlicher Typik verknüpft sein können, als Untersuchungszelle gewählt werden. |
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| In der biologisch-naturwissenschaftlich
orientierten Ökologie finden sich in diesen Ausschnitten bspw. immer sowohl
Lebewesen als auch abiotische Faktoren. Je nach den Zielen und der Art der
Auswahl von Ausschnitten gibt es unterschiedliche Bezeichnungen. Neben dem
Begriff 'Ökosystem' verwenden Biologen und Agrarwissenschaftler auch den
Begriff 'Kultur'. Gleichartige Pflanzen, z. B. Erdbeeren, bilden mit dem
Boden und anderen abiotischen Faktoren und Lebewesen zusammen 'Erdbeerkulturen'
ð vgl. a. in Modul 03: 'Kultur 3D' den Fließtext: 'Die menschliche
Kultur und andere Kulturen'. Es gibt keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen diesen ökologischen Netzwerken und jenen, in denen Menschen als Katalysatoren in den Mittelpunkt gestellt werden. Menschliche Kulturen sollen deshalb als Spezialfall ökologischer Netzwerke verstanden werden. Mit der Spezifizierung der Kulturen wird die Komplexität der Beschreibung bzw. des Objektbereichs unausweichlich weiter reduziert. Wenn wir von Hydrokulturen reden, dann ist klar, dass das Wasser als abiotisches Medium fokussiert wird. Sprechen wir von der 'Buchkultur', dann wird ein technisches Medium, das geschriebene oder gedruckte Buch, in den Mittelpunkt gestellt. Für den kulturwissenschaftlichen und ökologischen Ansatz ist wesentlich, dass bei aller Festlegung auf einen Katalysator dessen Wechselbeziehung nicht nur zu gleichartigen Elementen (z. B. anderen Büchern oder Buchkulturen), sondern auch zu lebenden und andersartigen technischen und natürlichen Objekten in Betracht bleibt. Ansonsten wird das ökologisch-kulturwissenschaftliche Prinzip verlassen. |
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| Die Paradoxie
kulturwissenschaftlicher Systematisierung Ökologische Netzwerke bzw. Kulturen können nur präzise beschrieben werden, indem man sie gemäß der Prinzipien von beliebigen Fachwissenschaften weitergehend analysiert. Im Ergebnis dieser Untersuchungen wird das Netzwerk mit seinen prinzipiell unendlichen Verschaltungen, seinen endlos rückgekoppelten Prozessen strukturiert. Das ist das Dilemma aller Netzwerktheorien: Zwar stellen sie die Welt als Beziehungsgeflecht dar, aber sobald der Forscher beginnt, dieses Geflecht mit seinem Bewusstsein und mit Worten zu erfassen, zerschneidet er die Zusammenhänge und stiftet Hierarchien zwischen den Faktoren. Es entstehen Systeme, bestenfalls Ökosysteme, die mindestens in der Genauigkeit ihrer Beschreibung ein Komplexitätsgefälle zur Umwelt, d. h. zu anderen Teilen des Netzwerks, besitzen. Der menschliche Verstand scheint kaum in der Lage, die Komplexität ökologischer Netzwerke zu erfassen. Sobald er sie traktiert, systematisiert er das Beziehungsgeflecht, linearisiert er die Rückkopplungskreise. Während lange Zeit diese Strukturierung als eine besondere Leistung des menschlichen Verstandes erlebt und die Sprache für ihre Fähigkeit zu linearisieren gelobt wurde, wuchs in den letzten Jahrzehnten die Skepsis. Es begann die Suche nach Methoden und Modellen, die mehr Komplexität erhalten, die irgendwo auf der Mitte des Weges, zwischen den Polen chaotischer Netzwerke und berechenbarer Systeme liegen. In diesen Kontext gehören die Ökosystemtheorie, die Chaos- und Netzwerktheorien in den Naturwissenschaften und der Aufschwung des Konzepts der 'Kultur' in den Geistes- und Sozialwissenschaften. In diesen Kontext gehört auch die Suche nach neuen mehrmedialen Darstellungsverfahren und die Wiederentdeckung der Kunst als Medium komplexer Beschreibungen. Mehrdimensionale Netzwerke verlieren zu viel von ihrer Komplexität, wenn sie auf zwei Dimensionen reduziert werden. Nur die Kunst scheint augenblicklich in der Lage zu sein, Netzwerke als Netzwerke darzustellen. Die kulturwissenschaftliche Beschreibung kann der Komplexität ihres Gegenstandes nur gerecht werden, indem sie die Kulturen sowohl als Netzwerke als auch als Ökosysteme beschreibt und zwischen diesen Perspektiven immer wieder wechselt. |
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| [1] Anmerkung: Zum Konzept der 'Komplexitätsinduktion als methodisches Grundprinzip bei der Untersuchung sozialer Kommunikation' vgl. M. Giesecke: Die Untersuchung institutioneller Kommunikation, Opladen 1988, S. 188f. |