Homogene und inhomogene Kulturbegriffe (Sandbothe)
  Aus: Mike Sandbothe: Medien-Kommunikation-Kultur – Grundlagen einer pragmatischen Kulturwissenschaft. In: Matthias Karmasin/Carsten Winter (Hg.): Kulturwissenschaft als Kommunikationswissenschaft. Projekte, Probleme und Perspektiven. opl. Westdeutscher Verlag 2003, S. 265-267.
 

S. 265

„... Um zu bestimmen, welcher Kulturbegriff in den modernen Kulturtheorien verwendet wird, hat Andreas Reckwitz vier wirkungsmächtige Traditionen unterschieden: den normativen, den totalitätsorientierten, den differenzierungstheoretischen und den bedeutungs- und wissensorientierten Kulturbegriff (Reckwitz 2000: insbes. 64-90). Gemeinsam ist allen vier Traditionen die „Tendenz zu einem traditionalistischen Homogenitätsbegriff der Kultur“ (Reckwitz 2000: 543). Darauf hat auch Wolfgang Welsch hingewiesen. Seiner Analyse zufolge lassen sich nicht nur die ethnische Fundierung und der interkulturelle Separatismus, die für normative und universalistische Kulturtheorien kennzeichnend sind, sondern auch der Multikulturalismus, der sich mit differenztheoretischen Ansätzen verbindet, als Effekte des Homogenitätsaxioms deuten. Denn auch und gerade die Vertreter multikulturalistischer Konzepte gehen von primär homogenen und sich erst sekundär hybridisierenden Einzelkulturen aus (Welsch 1999: insbes. 122-126)....“

S. 266-267

„... Demgegenüber hat Giesecke die Entwicklung eines neuartigen Kulturkonzepts vorgeschlagen, das Kultur als „inhomogenes Netzwerk artverschiedener Elemente“ (Giesecke 2002: 372) versteht. Die als Kultur zu bestimmende Vernetzung von sozialen, technischen und natürlichen Gegenständen wird von ihm im Rahmen seines „Projekts einer ökologischen Theorie und Geschichte kultureller Kommunikation“ (Giesecke 2002: 10) untersucht. Dabei verweist das Epitheton „ökologisch“ auf Gieseckes Versuch, den Kommunikationsbegriff von der impliziten oder expliziten Prämierung bestimmter Einzelmedien zu emanzipieren und eine Kommunikationstheorie zu begründen, die Kommunikation als multidimensionales, sowohl medienspezifisches als auch medienübergreifendes Phänomen beschreibbar macht. Zu diesem Zweck greift Giesecke auf eine informationstheoretische Metatheorie zurück, die Kommunikation als Parallelverarbeitung von Information beschreibt....“


Literatur

Reckwitz, Andreas (2000): Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

Welsch, Wolfgang (1999): „Auf dem Weg zu transkulturellen Gesellschaften“. In: Seubold, Günter (Hrsg.): Die Zukunft des Menschen. Philosophische Ausblicke. Bonn: Bouvier: 119-144.