Kulturbegriffe
nach: Institut zur Erforschung und Förderung österreichischer und internationaler Literaturprozesse
   
Der Begriff der Kultur ist schillernd und vielfältig. Hunderte von Definitionen lassen sich in der Forschungsliteratur nachweisen, doch ist dies nicht unbedingt ein Zeichen totaler Uneinigkeit, sondern vielmehr Ausdruck der vielfältigen Aspekte und Faktoren dessen, was Kultur ausmacht oder welche Zugänge wir zur Kultur haben. So lassen sich zahlreiche Dimensionen des Kulturbegriffs unterscheiden, die aber auch untereinander stark verwoben sind. Sie stellen meist traditionelle Fächer und Wissenschaftsdisziplinen dar:
die philosophische Dimension im Sinne einer fundamentalen Kulturphilosophie
die wissenschaftstheoretische und epistemologische Dimension: wie können wir Kultur und Kulturprozesse begreifen
die anthropologische Dimension: Kulturanthropologie, Kulturökologie (Kultur als fundamentale Kategorie des Menschseins)
die soziologische Dimension: Kultursoziologie (gesellschaftliche Strukturen als Teil von Kultur)
die wirtschaftswissenschaftliche Dimension, vor allem im Sinne der kulturvergleichenden Unternehmensforschung
die politikwissenschaftliche Dimension: vor allem Entwicklungspolitik und Globalisierungstheorien diskutieren den Zusammenhang zwischen Kultur und Entwicklung
die semiotisch-linguistische Dimension: Kultur als Zeichenvorrat einer Gruppe, als öffentliche Repräsentationen, die sprachliche Reproduktion von Kultur in Diskursen
die philologische Dimension: Literatur als primäre Form der kulturellen Manifestation
die psychologische Dimension: Kulturvergleichende Psychologie, die kognitiven Repräsentationen von Kultur
die kunst-, theater- und musikwissenschaftliche Dimension (Kunst ist nicht gleichzusetzen mit Kultur!)
die historische Dimension: Kulturelles Erbe, Kulturgeschichte
die medienwissenschaftliche Dimension: Medienkultur im Zeitalter des Fernsehens, von Video und Internet
Die meisten Kulturtheorien und somit deren Kulturbegriffe umfassen mehr als eine dieser Dimensionen. Dies begünstigt oder erfordert sogar die Herausbildung inter- und transdisziplinärer Zugänge und Theorien und damit die Kulturwissenschaften, die ihrerseits eine Reihe von Definitionen von 'Kultur' geliefert haben.
 
Bei einer metatheoretischen, synthetisierenden und multiperspektivischen Herangehensweise lassen sich eine Reihe von Begriffsmerkmalen von 'Kultur' herausarbeiten, die vielen dieser Begriffe gemeinsam sind und somit einen transdisziplinären Begriffskern darstellen.
 
Weite und allgemeine Definitionen liefern etwa Hansen und Sperber in ihren kulturwissenschaftlichen Untersuchungen:

 
Kultur als:
Gesamtheit der Gewohnheiten, materiellen und geistigen Leistungen und Standardisierungen eines Kollektivs [1]
Gesamtheit aller öffentlicher und mentaler Repräsentationen, die in einer bestimmten Gemeinschaft von Menschen als Meinungen, Handlungsnormen, kommunikativen Bedeutungen, etc. tradiert und stets aufs Neue interpretiert und somit konstituiert werden [2]
 
Eine vielbeachtete, aber etwas engere Definition liefert Sahlins, die von der UNESCO propagiert wird:
'total and distinctive way of life of a people or society' [3]
Auch die etymologische Betrachtung ist relevant: lateinisch colere (bebauen), das Resultat: cultus (das Bebaute, Bearbeitete). Die heutigen ethnischen Sprachen und die damit verbundene kulturelle Diversifizierung hat auch zur Herausbildung von Begriffen geführt, deren sprachliche Repräsentationen (etwa im Deutschen, Englischen, Französischen) wissenschaftsgeschichtlich unterschiedliche Inhalte aufweisen. So manifestieren sich interkulturelle Unterschiede bereits beim Vergleich der Wörter de 'Kultur', de 'Zivilisation', en 'culture', en 'civilzation', fr 'culture', fr 'civilisation' und deren Inhalte. Doch die Konvergenz des Denkens durch internationale Wissenschaftskommunikation, Kulturaustausch und andere Informationsrozesse führt auch zu einer begrifflichen Konvergenz über Sprachgrenzen hinweg, da sich Denkschulen, wie auch deren Kulturbegriffe, weder an territoriale noch an sprachliche Grenzen halten

[1] Hansen, Klaus P. (1995): Kultur und Kulturwissenschaft. Tübingen/Basel: Francke. S. 15/31.
 
[2]
nach Sperber, Dan (1996): Explaining Culture. A Naturalistic Approach. Oxford: Blackwell. In: Budin, Gerhard (1998): Wissenschaftskommunikation im Spannungsfeld zwischen Globalisierung, Technisierung und kultureller Diversität. In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. 5.Nr.
 
[3]
Sahlins, Marshall (1995): Introduction. In: Our Creative Diversity. Report of the World Commission on Culture and Development. o.A.d.O.: World Commission on Culture and Development. S. 21.
 
Weitere Links zu verwerwandten Themen:
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Graduiertenkolleg "Identität und Differenz"
Graduiertenkolleg "Interkulturelle Kommunikation in kulturwissenschaftlicher Perspektive"
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Identitätskonstruktion und Selbstpräsentation in Eroberergeschichten aus der "Neuen Welt"
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