| Die Welt als Netzwerk | |
| Ich brauche dazu neben der Systemtheorie ein Modell der kommunikativen
Welt, die den Wechsel von Strukturzerfall und Strukturbildung verständlich
macht. Die Frage lautet: Wie kann man sich die Welt vorstellen, wenn man
sie nicht als Supersystem begreifen will? Am ehesten erfüllt diese
Anforderung die Vorstellung der neuronalen Netze. Die kommunikative Welt
ist ein mehrdimensionales Netz mit Maschen, die als Medien fungieren und
Knoten, die als Relais wirken und dort Informationen 'verarbeiten'. Ein
solches System ist unser Gehirn. Es besteht aus etwa 100 Milliarden Nervenzellen,
die jeweils ca. 10 000 direkte Verbindungen zu anderen Nervenzellen herstellen
[1]. Welche, das hängt davon ab, was für Informationsverarbeitungsprozesse
das Individuum bevorzugt. Jede Strukturbildung schränkt die 'all-channel-Vernetzungen'
in charakteristischer Weise ein und minimiert dadurch auch Rückkopplungsmöglichkeiten. So gesehen ist in der kommunikativen Welt latent alles mit allem verbunden. Jedes Kommunikationssystem aktiviert bestimmte Bahnen und Knoten des Netzes, grenzt sich gegen die Umwelt ab und schließt damit natürlich auch viele potentiell vorhandene weitere Möglichkeiten aus. Kommunikative Systeme manifestieren latente Vernetzungen, stellen sie fest. Die meisten Schaltverbindungen in unserem Gehirn scheinen allerdings nicht so 'fest' zu werden, wie etwa technische Leitungen. Vieles können wir vergessen, umlernen, dazu lernen etc. - was alles gleichbedeutend ist mit einer Veränderung der Streckenführung unseres Informationsflusses. Lange bevor die Bilder der synaptischen Verknüpfung der Nervenzellen unseres Gehirns auftauchten, hatte freilich, Konrad Zuse, der Erbauer des ersten frei programmierbaren Rechners vorgeschlagen, die Welt als einen Makrocomputer und diesen wiederum als 'rechnenden Raum' vorzustellen. "Relaisrechner enthalten Relaisketten, stößt man ein Relais an, so pflanzt sich dieser Impuls durch die ganze Kette fort." [2] Jedes Medium und jeder Prozessor stellen Schaltkreise her, indem sie andere unterbrechen. Wenn wir uns die kommunikative Welt als Raum vorstellen, dann gibt es nicht nur horizontale sondern auch vertikale Vernetzungen - wenn nicht überhaupt noch mehr Dimensionen zu berücksichtigen sind. Die Vernetzung erfolgt nicht nur auf einer Ebene sondern auch zwischen den Stockwerken. Die Stockwerke lassen sich vielleicht als Emergenzniveau verschiedener Systemtypen interpretieren. So könnte ein Relais/Informationssystem, welches sich auf der sozialen Ebene befindet, die Kontakte mit anderen Elementen dieser Ebene abbrechen und Verbindungen zu Elementen auf anderen z.B. psychischen Ebenen aktivieren. Aber selbst wenn man dieses Ordnungssystem ablehnt und stattdessen annimmt, daß die unterschiedlichen Systemtypen, ähnlich wie Nerven- und die verschiedenen Typen von Stützzellen im Gehirnraum verteilt sind, so gilt es im Auge zu behalten, daß kulturelle Netze nicht zwei- sondern mehrdimensional sind. Als zweidimensionale, flächige Netze mag man sich andernorts in der Tat die 'sozialen Netze' vorstellen. Dies hat bekanntlich in Soziologie und Gruppendynamik eine lange Tradition. Alle sozialen Systeme - und dies sind immer auch Kommunikationssysteme - gewinnen ihre Eigenart indem sie die nur theoretisch mögliche gleichwertige (Duplex), vollständige Vernetzung aller Individuen/Sozialsysteme auf allen Medien einschränken und im übrigen auch die manifesten Kanäle mit unterschiedlicher Häufigkeit in den verschiedenen Richtungen in Anspruch nehmen. Manifeste soziale Strukturen und Prozesse sind Selektionen aus latenten Möglichkeiten. |
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| [1] Das Gehirn (Time-Life Buch) [2] Ders.: Der Computer - mein Lebenswerk Berlin/Heidelberg/New York usw. 1993, S. 93 |