| Sprachwissenschaftliche Kommunikationstheorie: Ferdinand de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, , Berlin: 1967, zuerst Lausanne: 1916, S. 14-19. | |
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| Kreislauf des Sprechens. § 2 Stellung der Sprache innerhalb der menschlichen Rede Um festzustellen, welches Gebiet die Sprache in der Gesamtheit der menschlichen Rede einnimmt, muss man sich den individuellen Vorgang vergegenwärtigen, welcher den Kreislauf des Sprechens[1] darzustellen gestattet. Dieser Vorgang setzt mindestens zwei Personen voraus; das ist als Minimum erforderlich, damit der Kreislauf vollständig sei. Wir nehmen also an zwei Personen, A und B, welche sich unterreden. Der Ausgangspunkt des Kreislaufs liegt im Gehirn des Einen, z.B. A, wo die Bewusstseinsvorgänge, die wir Vorstellungen schlechthin nennen wollen, mit den Vorstellungen der sprachlichen Zeichen oder akustischer Bilder assoziiert sind, welche zu deren Ausdruck dienen. Stellen wir uns vor, dass eine gegebene Vorstellung im Gehirn ein Lautbild auslöst: das ist ein durchaus psychischer Vorgang, dem seinerseits ein physiologischer Prozess folgt: das Gehirn übermittelt den Sprechorganen einen Impuls, der dem Lautbild entspricht; dann breiten sich die Schallwellen aus vom Munde des A zum Ohr des B hin: ein rein physikalischer Vorgang. Dann setzt sich der Kreislauf bei B fort in umgekehrter Reihenfolge: vom Ohr zum Gehirn, physiologische Übertragung des Lautbildes; im Gehirn physiologische Assoziation dieses Lautbildes mit den entsprechenden Vorstellungen. Wenn B seinerseits spricht, wird dieser neue Vorgang von seinem Gehirn zu dem des A genau denselben Weg zurücklegen und dieselben aufeinanderfolgenden Phasen durchlaufen, was wir folgendermaßen darstellen. |
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| Diese Analyse beansprucht nicht, vollständig zu sein; man könnte außerdem unterscheiden: die rein akustische Wahrnehmung, die Identifikation dieser Wahrnehmung mit dem latenten Lautbild, das Bild der Bewegungsgefühle bei der Lautgebung usw. Ich habe nur diejenigen Elemente berücksichtigt, die ich für wesentlich halte; aber unsere Figur gestattet, mit einem Blick die physikalischen Bestandteile (Schallwellen) von den physiologischen (Lautgebung und Gehörwahrnehmung) und psychischen (Wortbilder und Vorstellungen) zu unterscheiden. Es ist von entscheidender Wichtigkeit, hervorzuheben, dass das Wortbild nicht mit dem Laut selbst zusammenfällt, und dass es in dem gleichen Maß psychisch ist wie die ihm assoziierte Vorstellung. Der Kreislauf, wie wir ihn dargestellt haben, lässt sich noch einteilen: |
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| a) | in einen äußeren Teil (Schwingung
der Laute, die vom Mund zum Ohr gehen) und einen inneren Teil, der alles
Übrige umfasst; |
| b) | in einen psychischen und einen nichtpsychischen Teil, wovon der Letztere ebenso wohl die physiologischen Vorgänge, deren Sitz die Organe sind, umfasst, wie die physikalischen außerhalb des Individuums; |
| c) | in einen aktiven und einen passiven Teil: aktiv ist alles, was vom Assoziationszentrum der einen zum Ohr der anderen Person geht, und passiv alles, was vom Ohr der Letzteren zu ihrem Assoziationszentrum geht; |
| endlich innerhalb des psychischen Teils, der im Gehör
lokalisiert ist, kann man ausübend nennen alles was aktiv ist (v ->l),
und aufnehmend alles, was passiv ist (l ->v). Hinzuzufügen ist noch das Vermögen der Assoziation und Koordination, das sich geltend macht, sobald es sich nicht nur um einzelne Zeichen handelt; diese Fähigkeit spielt die größte Rolle in der Organisation der Sprache als System (vgl. S.147). Um aber diese Rolle richtig zu verstehen, muss man weitergehen zu dem sozialen Vorgang; denn die individuelle Betätigung ist davon nur der Keim. Zwischen allen Individuen, die so durch die menschliche Rede verknüpft sind, bildet sich eine Art Durchschnitt aus: alle reproduzieren - allerdings nicht genau, aber annähernd - dieselben Zeichen, die an dieselben Vorstellungen geknüpft sind. |
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| Was ist nun der Ursprung dieser sozialen Kristallisation?
Welcher Teil des Kreislaufs hat hieran ursächlichen Anteil? Denn wahrscheinlich
nehmen nicht alle gleichermaßen daran teil. Der physische Teil kann von vornherein ausgeschieden werden. Wenn wir eine Sprache sprechen hören, die wir nicht verstehen, vernehmen wir zwar wohl die Laute, bleiben aber, eben weil wir nicht verstehen, außerhalb des sozialen Vorgangs. Der physische Teil ist ebenfalls nicht vollständig daran mitbeteiligt: die ausübende Seite bleibt außer Spiel, denn die Ausübung geschieht niemals durch die Masse; sie ist immer individuell und das Individuum beherrscht sie; wir werden sie das Sprechen (parole) nennen. Vielmehr ist es das Wirken der rezipierenden und koordinierenden Fähigkeit, wodurch sie bei den sprechenden Personen Eindrücke bilden, die schließlich bei allen im wesentlichen die gleichen sind. Wie hatte man sich dieses soziale Ergebnis vorzustellen, um damit die Sprache als völlig losgelöst von allem übrigen zu erfassen? Wenn wir die Summe der Wortbilder, die bei allen Individuen aufgespeichert sind, umspannen könnten, dann hätten wir das soziale Band vor uns, das die Sprache ausmacht. Es ist ein Schatz, den die Praxis des Sprechens in den Personen, die der gleichen Sprachgemeinschaft angehören, niedergelegt hat, ein grammatikalisches System, das virtuell in jedem Gehirn existiert, oder vielmehr in den Gehirn einer Gesamtheit von Individuen; denn die Sprache ist in keinem derselben vollständig, vollkommen existiert sie nur in der Masse. Indem man die Sprache vom Sprechen scheidet, scheidet man zugleich: 1. das Soziale vom Individuellem; 2. das Wesentliche vom Akzessorischen und mehr oder weniger Zufälligen. Die Sprache ist nicht eine Funktion der sprechenden Person; sie ist das Produkt, welches das Individuum in passiver Weise einregistriert; sie setzt niemals eine vorherige Überlegung voraus, und die Reflexion ist dabei nur beteiligt, sofern sie die Einordnung und Zuordnung bestätigt, von der S 147f. die Rede sein wird. |
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| Das Sprechen ist im Gegensatz dazu ein individueller
Akt des Willens und der Intelligenz, bei welchem zu unterscheiden sind:
1. die Kombination, durch welche die sprechende Person den code der Sprache
in der Absicht, ihr persönliches Denken, auszudrücken, zur Anwendung
bringt; 2. der psycho-physische Mechanismus, der ihr gestattet, diese Kombinationen
zu äußern. Es ist zu bemerken, dass wir hier Sachen, nicht Wörter definiert haben; die aufgestellten Unterscheidungen sind daher durch gewisse mehrdeutige Termini, die sich von einer Sprache zur anderen nicht decken, nicht gefährdet. So bedeutet deutsch Sprache sowohl "langue" (Sprache) als "langage" (menschliche Rede); Rede entspricht einigermaßen dem "parole" (Sprechen), fügt dem aber noch den speziellen Sinn von "discours" hinzu. Lateinisch sermo bedeutet eher "langage" und "parole", während lingua die "Sprache" (langue) bezeichnet, usw. Kein Wort entspricht genau den oben aufgestellten Begriffen. Deshalb ist jede Definition im Hinblick auf Wörter vergeblich; es ist eine verkehrte Methode, von Wörtern auszugehen, um Sachen zu definieren. Fassen wir die charakteristischen Merkmale der Sprache zusammen: |
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| 1. | Sie ist genau umschriebenes Objekt in der Gesamtheit der verschieden gearteten Tatsachen der menschlichen Rede. Man kann sie lokalisieren in demjenigen Teil des Kreislaufs, wo ein Lautbild sich einer Vorstellung assoziiert. Sie ist der soziale Teil der menschlichen Rede und ist unabhängig vom Einzelnen, welcher für sich allein sie weder schaffen noch umgestalten kann; sie besteht nur kraft einer Art Kontakt zwischen den Gliedern der Sprachwissenschaft. Andererseits muss das Individuum sie erst lernen, um das Ineinandergreifen ihrer Regeln zu kennen; das Kind eignet sie sich nur allmählich an. Sie ist so sehr eine Sache für sich, dass ein Mensch, der die Sprechfähigkeit verloren hat, die Sprache noch besitzt, sofern er die Lautzeichen versteht, die er vernimmt. |
| 2. | Die Sprache, vom Sprechen unterschieden, ist ein Objekt, das man gesondert erforschen kann. Wir sprechen die toten Sprachen nicht mehr, aber wir können uns sehr wohl ihren sprachlichen Organismus aneignen. Die Wissenschaft von der Sprache kann nicht nur der andern Elemente der menschlichen Rede entraten, sondern sie ist überhaupt nur möglich, wenn diese andern Elemente nicht damit verquickt werden. |
| 3. | Während die menschliche Rede in sich verschiedenartig ist, ist die Sprache, wenn man sie so abgrenzt, ihrer Natur nach in sich gleichartig: sie bildet ein System von Zeichen, in dem einzig die Verbindung von Sinn und Lautzeichen wesentlich ist und in dem die beiden Seiten des Zeichens gleichermaßen psychisch sind. |
| 4. | Die Sprache ist nicht weniger als das Sprechen
ein Gegenstand konkreter Art, und das ist günstig für die wissenschaftliche
Betrachtung. Obwohl die sprachlichen Zeichen ihrem Wesen nach psychisch
sind, so sind sie doch keine Abstraktion; da die Assoziationen durch kollektive
Übereinstimmung anerkannt sind und ihre Gesamtheit die Sprache ausmacht,
sind sie Realitäten , deren Sitz im Gehirn ist. Übrigens sind
die Zeichen der Sprache sozusagen greifbar; die Schrift kann sie in konventionellen
Bildern fixieren, während es nicht möglich wäre, Vorgänge
des Sprechens in allen ihren Einzelheiten zu photographieren; die Lautgebung
eines auch noch so kleinen Wortes stellt eine Unzahl von Muskelbewegungen
dar, die schwer zu kennen und abzubilden sind. In der Sprache dagegen gibt
es nur das Lautbild, und dieses lässt sich in ein dauerndes visuelles
Bild überführen. Denn wenn man von der Menge von Bewegungen absieht,
die erforderlich sind, um es im Sprechen zu verwirklichen, ist jedes Lautbild,
wie wir sehen werden, nur die Summe aus einer begrenzten Zahl von Elementen
oder Lauten (Phonemen), die ihrerseits durch eine entsprechende Zahl von
Zeichen in der Schrift vergegenwärtigt werden können. Diese Möglichkeit,
alles, was sich auf die Sprache bezieht, fixieren zu können, bringt
es mit sich, dass ein Wörterbuch und eine Grammatik eine treue Darstellung
derselben sein können, indem die Sprache das Depot der Lautbilder und
die Schrift die greifbare Form dieser Bilder ist. |
| § 3 Stellung der Sprache innerhalb der
menschlichen Verhältnisse. Die Semeologie Diese Merkmale lassen uns ein Weiteres, noch Wichtigeres erkennen. Die Sprache, auf diese Weise innerhalb der Gesamtheit der menschlichen Rede abgegrenzt, gestattet eine Einordnung unter die Erscheinungen des Lebens, während das bei der menschlichen Rede nicht der Fall ist. Wir haben soeben gesehen, dass die Sprache eine soziale Einrichtung ist; aber sie unterscheidet sich durch mehrere Züge von anderen Einrichtungen, wie den politischen, rechtlichen usw. Um ihre besondere Natur zu verstehen, muss man eine neue Reihe von Tatsachen berücksichtigen. Die Sprache ist ein System von Zeichen, die Ideen ausdrücken und insofern der Schrift, dem Taubstummenalphabet, symbolischen Riten, Höflichkeitsformen, militärischen Signalen usw. usw. vergleichbar. Nur ist sie das wichtigste dieser Systeme. Man kann sich also vorstellen eine Wissenschaft, welche das Leben der Zeichen im Rahmen des sozialen Lebens untersucht; diese würde einen Teil der Sozialpsychologie bilden und infolgedessen einen Teil der allgemeinen Psychologie; wir werden sie Semeologie[2] (von griechisch semeion, "Zeichen") nennen. Sie würde uns lehren, worin die Zeichen bestehen und welche Gesetze sie regieren. Da sie noch nicht existiert, kann man nicht sagen, was sie sein wird. Aber sie hat Anspruch darauf, zu bestehen; ihr Stellung ist von vornherein bestimmt. Die Sprachwissenschaft ist nur ein Teil dieser allgemeinen Wissenschaft, die Gesetze, welche die Semeologie entdecken wird, werden auf die Sprachwissenschaft anwendbar sein, und diese letztere wird auf diese Weise zu einem ganz bestimmten Gebiet in der Gesamtheit der menschlichen Verhältnisse gehören. Sache des Psychologen ist es, die genaue Stellung der Semeologie zu bestimmen ; Aufgabe des Sprachforsches ist es, zu bestimmen[3], wodurch die Sprache ein besonderes System in der Gesamtheit der semeologischen Erscheinungen ist. Diese Frage wird weiter unten wieder aufgenommen werden; hier halten wir nur den einen Umstand fest: wenn wir zum ersten Male der Sprachwissenschaft einen bestimmten Platz unter den Wissenschaften zuweisen konnten, so war es nur möglich, weil wir sie der Semeologie zugerechnet haben. |
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| [1] Mit Sprechen
übersetze ich den Terminus parole. [2] Man muss sich hüten, die Semeologie mit der Semasiologie zu verwechseln, welche die Veränderungen der Bedeutungen studiert und über die F. de. S. keine methodische Auseinandersetzung gegeben hat; doch findet sich deren Grundprinzip S. 88 formuliert. (Anm. d. Herausgeber.) [3] Vgl. Adrien Naville, Classification des sciences, 2. Aufl., S. 104. |