Fliesstext Andere Sinne - andere Welten

 

 

Die beiden Autoren gehen in der Tradition biologischer Evolutionstheorien davon aus, daß die Tektonik der menschlichen psychischen und sozialen Informations-/Kommunikationssysteme das Produkt eines sehr langen Selektionsprozesses ist.
''Nehmen wir an, unsere frühen Vorfahren ... hätten Verhältnisse vorgefunden, bei denen der Geruchssinn wichtiger war als Sehen und Hören. Dann würden wir bis in unsere Gegenwart hinein einen hochentwickelten Geruchssinn aufweisen. All unsere Intelligenz, unser Wissen und unsere Erfahrungen über unsere Umwelt wären
vornehmlich durch diese Wahrnehmungsart bestimmt. Unser Gesichtssinn wäre hingegen weniger scharf." (1O). Unsere Sicht der Dinge wird zum Beispiel durch die Oberfläche der Körper begrenzt. Der Schall dringt - je nach Beschaffenheit des Materials - mehr oder minder tief in die Körper ein. Für ein Lebewesen, daß seine Umwelt mehr mit akustischen Sinnesorganen als mit den Augen wahrnimmt, würde die uns vertraute alltägliche Welt eine vollkommen fremde Erscheinung sein, so wie selbstverständlich dessen Welt uns fremd erscheinen müßte." (11) Die psychische Konstruktion unserer Umwelt ist also abhängig von unseren Sinnesorganen - und die haben sich wiederum als Anpassungsleistung an unsere Umwelt herausgebildet. "Angenommen wir könnten so gut hören wie ein Hund und so gut Düfte erkennen wie ein Falter, die Welt würde für uns nicht nur anders aussehen, sie würde auf uns auch anders wirken mit ihren Geräuschen und Gerüchen, wir würden einen anderen Teil der Welt erfassen (und in mancher Hinsicht vielleicht einen viel größeren Teil). Unser Empfinden der ,Wirklichkeit' wäre anders, ebenso unser Wissensgerüst und die von uns hergestellten Gerätschaften.'' (13)
In dieser Hinsicht sind wir durchaus nicht auf Spekulationen angewiesen, sondern wir können in der Tierwelt eine Fülle anderer Formen der Sinneswahrnehmung, der Informationsverarbeitung und der Kommunikation feststellen. Dies liegt einfach daran, daß sich die verschiedenen Lebewesen auf der Erde unterschiedlich entwickelt haben, weil sie sich an unterschiedliche Umwelten anpassen mußten. Die Informationsverarbeitung jeder Spezies ist auf das Überleben und die Erhaltung ihrer Art angelegt. Und die Erfolgsbedingungen hierfür variieren in Zeit und Raum.
Es gibt jedoch anscheinend bei allen Lebewesen auf der Erde eine gewisse gemeinsame sensorielle Grundausstattung. Selbst die primitiven einzelligen Organismen besitzen Sensoren für Licht, Berührung (Taktilität) und Temperatur. "Aus dieser angeborenen Eigenschaft der lebenden Zelle haben sich schließlich alle komplexen Sinne und Sinnesorgane entwickelt." (231)
Und zwar unterscheiden sich die verschiedenen Gattungen genau in den Richtungen, in die sich die Sinne verfeinert haben und in der Anzahl und Typik der zusätzlich erworbenen Sensoren. Bei den Primaten bildeten sich generell die visuellen Wahrnehmungsorgane und die Empfindlichkeit und Beweglichkeit der ,Hände' besonders differenziert aus. Entsprechend nutzen sie vor allem visuelle Kommunikationsmedien. Wie wichtig Gestik und Mimik für die Verständigung unter den Primaten ist, sieht man nicht zuletzt daran, daß die erfolgreichsten Versuche, den Affen ,menschliche Sprache' beizubringen, Formen der Taubstummensprache, also Handbewegungen benutzen. Die ,linguistischen' Beschäftigungen - i.w.S. - mit den Affen sind im übrigen besonders deshalb interessant, weil man hier die Probleme und Chancen einer Kommunikation zwischen den verschiedenen biologischen Arten studieren kann. Die zunächst als Verständigungsmittel naheliegende ,Lautsprache' hatte sich schon sehr bald als ungeeignet erwiesen, weil die Anatomie der Schimpansen eine für die Lautsprache erforderliche Differenzierung der Artikulation kaum erlaubte. Gegenwärtig werden auch allerlei technische, computerähnliche Werkzeuge in der Mensch - Affe Kommunikation benutzt. Sowohl die beteiligten Forscher, als auch das Tier müssen bei diesen Versuchen eine neue Sprache lernen.
Für die Evolution des Homo Sapiens ist neben dem Sehen und der Handfertigkeit auch die Entwicklung der Artikulationsorgane und des Hörens überlebensnotwendig gewesen. An diese Sensoren und Effektoren setzten in der Folge die technischen Werkzeuge an. Jede künstliche Prothese erhöhte im zivilisatorischen Prozeß zugleich die Bedeutung dieser Organe.
Diese Evolutionsrichtung ist aber keineswegs zwangsläufig. Es gibt auch Gattungen im Tierreich, denen ganz andere Organe Überlebenschancen gebracht haben. Es lohnt sich, auch diese ganz anders aufgebauten Organismen als informationsverarbeitende und kommunizierende Systeme zu betrachten, weil wir hierdurch auf alternative Lösungen für Probleme der Informationsverarbeitung aufmerksam werden können.