| Informationen und Materie | |
| Aus: Michael Giesecke: „Der Buchdruck
in der frühen Neuzeit“ Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. suhrkamp taschenbuch wissenschaft, Frankfurt am Main, 1998, S. 37-41. |
| Medien und Informationssysteme: Theoretische und medienpolitische Perspektiven Information und Materie: Philosophische Prolegomena Information ist eine Eigenschaft von Materie; Kommunikation die Spur, die Energie hinterläßt. Deshalb sind Information und Kommunikation in dem gleichen Sinne unzerstörbare und unerschaffbare Grundgegebenheiten unserer Welt wie Materie und Energie. Aber sie lassen sich auch im gleichen Maße umformen wie jene. Beim Aufeinandertreffen verändern die unterschiedlichen Materieteile ihre Form, die Bewegung der einen verwandelt die Bewegung der anderen und umgekehrt: Der Hut, der die Düne hinuntertrudelt, hinterläßt Spuren im Sand. Der Sand speichert die Spur. Für einen Beobachter ist sie ein Kode, eine Sprache, die er lesen und das heißt, aus der er vielfach vermittelte Informationen entnehmen kann: Ist der Hut leicht, der Wind schwach und die Düne ein sanfter Hügel, so zeichnen sich andere Spuren ab als bei einem schweren Hut, den eine steife Brise vor sich hertreibt. Aber nicht nur die Düne, auch der Hut selbst und der Wind speichern Informationen über eine solche Begegnung. Je nachdem, wie stark der Wind und wie hart der Sand, werden sich seine Krempen mehr oder weniger beulen; und auch der Wind, die bewegten Gasmoleküle, ändern ihre Eigenschaften, je nachdem, auf welche Existenzform der Materie sie aufprallen. Diese Spiegelungen von Informationen unterschiedlicher Materien ineinander kann man als eine elementare Form eines Informationsaustauschs betrachten. Bei einer Berührung verändern die Eigenschaften, das sind die Informationen, der einen Materie die Eigenschaften der anderen. Sie bringen sich wechselseitig in eine andere Form, ›in-formieren‹ sich. Solche Verwandlungsprozesse laufen in unserer Welt unaufhörlich ab. Sie sind von Natur aus niemals einseitig und monokausal, sondern wechselseitig und rückgekoppelt. Informationsaustausch ist ein Resonanzphänomen.(1) Ebenso wie die Materie in den unterschiedlichsten Formen auftritt, so emergiert auch die Information auf den unterschiedlichsten Ebenen. Sie erscheint als Eigenschaft der Steine, des Papiers, der Schallwellen, des Lichts usw. Die Sozial- und Geisteswissenschaften hinken freilich in der Beschreibung dieser Emergenz- oder Existenzformen der Informationen empfindlich hinter den Klassifikationen der Materie hinterher, die in den Naturwissenschaften schon gang und gäbe sind. Dies mag man auch daran ablesen, wie befremdlich zunächst der Versuch anmutet, einen Informationsbegriff einzuführen, der ein dem Materiebegriff vergleichbares Allgemeinheitsniveau besitzt. Die in diesem Buch unternommenen Analysen zeichnet aus, daß sie ihre Gegenstände immer sowohl als Materie als auch als Information behandeln. Sie befassen sich sowohl mit den Sachen als auch mit den Ideen. ›Medien‹, ›Technik‹, ›Informations-‹ und ›Kommunikationssysteme‹ setzen sich sowohl aus Materie als auch aus Information zusammen. Sie sind informierte Materie oder materialisierte Information. Die Typik der Medienanalysen, wie sie in den Sprach- und Kommunikationswissenschaften, aber auch in den technischen Wissenschaften angestellt werden, scheint mir in dieser Ambivalenz ihres Gegenstandes zu liegen. Sie stehen damit in einem Feld zwischen den traditionellen Naturwissenschaften einerseits und den Geisteswissenschaften andererseits, die ihre Objekte klassischerweise entweder auf die Materie oder aber auf die Ideen zu beschränken trachten. Prozessoren und Medien: Elemente der kommunikativen Welt und deren Beziehungen Blickt das professionelle Auge eines Medienwissenschaftlers
i.o.S. auf die Welt, so erscheint sie ihm als eine Ansammlung von
materiellen Phänomenen, die Informationen in verschiedener Weise
transformieren, und von solchen, die die Informationen nicht verändern,
sondern konstant halten, sie speichern. Die ersteren Phänomene
werden als Informationssysteme oder als Prozessoren, die letzteren
als Informationsspeicher oder als Medien bezeichnet. |
| (1) Ähnliche ›naturdialektische‹
Gedanken werden heute, in freilich anderen theoretischen Kontexten,
auch von Erich Jantsch: Die Selbstorganisation des Universums –
vom Urknall zum menschlichen Geist. München 19842, hier z.B. 280,
oder von Niklas Luhmann (Ökologische Kommunikation – kann
die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen
einstellen? Opladen 1986 Kap. IV: Resonanz) aufgenommen. (2) Zur Begriffsgeschichte vgl. Leo Spitzer: Milieu and Ambiance – An Essay in Historical Semantics, in: Philosophy and Phenomenological Research, 3, 1942: 1-42, 169-218. »Die Geschichte des Wortes ›Umwelt‹ kann nicht von jener des Wortes ›Medium‹ getrennt werden«, so lautet eine Resümee. (Ebd.: 2) |