| Der Anstoß aus der Umwelt: Medien
als Katalysatoren der Systemveränderung Wenn
nichts Besonders passiert, reproduzieren sich die Menschen und die
sozialen Systeme endlos im gewohnten Trott. Man verfährt im individuellen
Tun und im Gemeinschaftshandeln nach Altvätersitte oder, modern
gesprochen: nach den gespeicherten Programmen.
Gelegentlich kommt es aber dazu, daß neue Phänomene in
der Umwelt auftauchen, wahrgenommen werden und damit in der einen
oder anderen Form mit den bislang üblichen Programmen und Identitätsvorstellungen
interferieren. Die Geburt eines Kindes ändert die Dynamik der
Familie, die Einrichtung einer Stelle die Hierarchie im Betrieb, und
das Versiegen der Wasserquelle nötigt den Stamm zum Verlassen
seiner angestammten Umgebung. So gesehen brauchen Umstrukturierungen
eines Systems immer einen materiellen Anstoß von außen,
aus der Umwelt.(1)
Als Katalysatoren solcher Umstrukturierungen kommen zunächst
Menschen, soziale und die sogenannten ›natürlichen‹
Phänomene in Frage. Nun verändern sich die Natur und die
anderen Umwelten sozialer Gemeinschaften nicht nur von selbst. In
den letzten Jahrtausenden greift der Mensch mit immer stärkerer
Intensität in den Reproduktionszyklus seiner Umwelt ein. Er tut
dies zum einen durch Selbstveränderung, aber zum Beispiel auch
dadurch, daß er die Natur zu Werkzeugen umformt und diese dann
wiederum auf dieselbe einwirken läßt. Die künstlichen
Werkzeuge und die mit ihrer Hilfe produzierten Umweltveränderungen
haben sich in der Geschichte ebenfalls als ein mächtiger Katalysator
zur Veränderung sozialer Gemeinschaften herausgestellt. Von den
einfachsten künstlichen Instrumenten, wie etwa einem »Speer«,
angefangen, der noch fast Natur zu sein scheint, bis hin zu den komplexen
Maschinensystemen, immer haben die Menschen ihre Lebensgewohnheiten
ändern müssen, nachdem solche Instrumente einmal kontinuierlich
angewendet wurden.
Wenn über Werkzeuge, Maschinen o der allgemein über Technik
geschrieben wird, so bilden üblicherweise entweder der Mensch
oder die sozialen Systeme den Ausgangspunkt der Betrachtung. Ihre
Leistungen und Strukturen, so wird angenommen, werden durch die Technik
verstärkt, entlastet, umgebildet o.ä.
Man kann aber auf der angesprochenen höheren Abstraktionsebene
auch die sozialen Informations- und Kommunikationssysteme als Bezugsgröße
wählen. Aus dieser Perspektive erweisen sich dann die Menschen,
die sozialen Institutionen und deren technische Anlagen als Umwelt,
die neben der Prozessor- auch Medienfunktion wahrnehmen kann. Vom
informationstheoretischen Standpunkt aus gesehen, können alle
Dinge, deren Speichermöglichkeiten von Prozessoren ausgenutzt
werden, als Medien angesprochen werden. Solche neuen Speicherkapazitäten
üben einen starken Reiz zur Bildung neuartiger Informations-
und Kommunikationssysteme aus.
Anfangs scheinen alle sozialen Informationssysteme ausschließlich
auf den Menschen für die Prozesse der Informationsaufnahme, -reflexion
und -anwendung angewiesen zu sein. Allein die (kurzzeitige) Speicherung
von Informationen vertraute man notwendigerweise von Anbeginn Medien,
zuerst dem ›Lufthauch‹, den Tontafeln oder Felswänden
und Baumrinden, an. Heute gibt es viele komplizierte soziale Zusammenhänge,
in denen ganze soziale Institutionen oder aber technische Geräte
auch die Funktion der Informationsaufnahme, -verarbeitung und -anwendung
übernehmen können. Die automatische Zugauskunft oder die
Zeitansage substituieren den leibhaftigen Experten. ›Datenverarbeitungsanlagen‹
können Informationen sortieren, Maschinen werden durch Sensoren
und Programme gesteuert usw. Aber nicht nur die Informationssysteme
als Teile der kommunikativen Systeme lassen sich technisieren –
auch die Vernetzung der einzelnen Sender/Empfänger erfolgt durch
immer aufwendigere soziale und technische Medien oder besser: Mediensysteme.
Indem technische Medien in den gewohnheitsmäßigen Gebrauch
von sozialen Gemeinschaften übergehen, verlieren sie ihren Umweltcharakter
und werden zu künstlichen Elementen derselben. Nach einer Weile
erscheinen sie dem Menschen als so selbstverständlich, daß
sie kaum mehr als sozialhistorische Errungenschaften erlebt werden.
Projektion und Kommunikation- Voraussetzung und Folgen der Einführung
technischer Medien
Damit Veränderungen in der Umwelt des Menschen
oder der sozialen Gemeinschaften überhaupt die eigenen Programme
und Selbstbilder beeinflussen können, müssen sie als Informationen
›wahr‹-genommen werden. Es ist dabei gleichgültig,
ob die Erscheinungen letztlich als positive Entwicklungs- oder als
negative Störfaktoren bewertet werden. Nur wenn man sie als Dinge
auffaßt, die die Dynamik und Struktur der Systeme zu ›verbessern‹
versprechen, gibt man ihnen allerdings für gewöhnlich das
Prädikat ›technische Errungenschaft‹ oder ›Werkzeug‹.
Bei Umweltveränderungen, die erst in dem Augenblick wahrgenommen
werden, in dem sie den Menschen oder die Gemeinschaft schon aus dem
Gleichgewicht gebracht haben, spricht man eher von ›Schicksalsschlägen‹
oder von ›Katastrophen‹.
Hier zeigt sich schon, daß es mit bloßer Wahrnehmung der
›Dinge‹ nicht getan ist. Soll Technik in soziale Systeme
implementiert werden, so müssen beständig Informationen
gesammelt und diese reflexiv verarbeitet werden. Man nimmt Informationen
über die kunstvollen Anwendungsmöglichkeiten der Technik
auf und paßt diese in die vorhandenen sozialen Programme ein.
So gesehen setzt die Einführung aller Technik soziale Normierungsprozesse
voraus und bringt sie zugleich in Gang. Diese Normierung erfordert
auf allen Stufen Kommunikation. Sie vollzieht sich immer als ein kollektiver
Projektionsprozeß. Die soziale Gemeinschaft muß Erwartungen
in die Medien hineinprojizieren und einen zumindest latenten Konsens
über dieselben herstellen.(2)
Einen Ausschnitt dieser Normierungsvorgänge,
den man bei den sogenannten »Naturvölkern« beobachtet
hat, nennt man ›Animismus‹. Die Industrienationen »beleben«
nicht nur ihre natürliche Umwelt und beziehen sie damit in ihre
soziale Wirklichkeit mit ein, sondern sie geben auch der von ihr mehr
oder weniger umgeformten Natur eine Seele. Und zwar beleben sie diese
nicht in einem bloß biogenen, sondern in einem zutiefst sozialen
Sinn: Auf die technischen Instrumente und Prozesse werden Normen –
Rollenerwartungen, Erwartungen über rollengebundene Aktivitäten,
Ablauf- und Zielvorstellungen - ›übertragen‹, die
auch für das Verhalten der Menschen in den betreffenden Gesellschaften
gelten oder gelten sollen. Faktisch schreibt man damit den technischen
Medien die Fähigkeit, Menschen ganz oder teilweise substituieren
und sozial handeln zu können, zu. So ist man beispielsweise überzeugt,
die Druckerpresse könne Wissen ›veröffentlichen‹,
›behalten‹, ›schaffen‹ und es ›unsterblich‹
machen. Aber schon mit einem so einfachen Instrument wie dem schon
erwähnten ›Speer‹ verbindet sich die soziale Erwartung,
daß er Tiere und Menschen töten kann.
Sollen die Erwartungen, die zunächst oft nicht mehr als eine
vage Utopie darstellen, eintreffen, so setzt dies einen ›sachgemäßen‹
Gebrauch des Werkzeugs bzw. des technischen Systems voraus: Die Menschen
müssen sich gemäß dem Programm und den sozialen Normen
verhalten, die sie in die Technik hineinprojiziert und in ihr vergegenständlicht
haben. So wird schon die Armmuskulatur des ›Speerwerfers‹
– man sieht, wie das Instrument die Wort- und Subjektbildung
bestimmt – zu immer gleichen, einseitigen Bewegungen trainiert.
Schon dies ist Änderung des Menschen und der sozialen Gemeinschaft
genug. Aber selten bleibt es bei solchen Wandlungen auf einem eher
physiologischen Emergenzniveau. Durch die beständige Anwendung
paßt sich der Speer in die Sozialstruktur der Gemeinschaft ein.
Mindestens differenziert sich dadurch der Stamm in die Klasse der
›Speerwerfer‹ und in jene, die nicht mit dem Speer umgehen
können oder sollen. Ob diese Zweiteilung mit traditionellen sozialen
Mustern – etwa Krieger versus Nichtkrieger – konform geht
oder ob sich andere Differenzierungen herstellen, ist eine empirische
Frage. Je nachdem fallen die sozialstrukturellen Veränderungen
mehr oder weniger gravierend aus.
Wird über die Einführung des technischen Instruments in
der Gemeinschaft gesprochen und nachgedacht – was in der Regel
eine gewisse Zeit braucht –, so ändert sich auch die Selbstbeschreibung
von mehr oder weniger großen Teilen derselben. Der Speerwerfer
mag sich von Anfang an in den Jagt- und Kampfsituationen mächtiger
als sein nicht so gut bewaffneter Vorgänger gefühlt haben.
Wenn über diese Gefühle genügend palavert wurde, so
können sie sich zu sozialen Gewißheiten verdichten und
zu Unterscheidungsmerkmalen zwischen sozialen Gemeinschaften hochstilisiert
werden: Der speerbesitzende Stamm blickt auf den speerlosen herab.
Seine Identität gründet nunmehr erheblich in seiner projektiven
Identifikation mit einer Waffe. Auch die Einführung von Informations-
und Kommunikationsmedien im vorhin bezeichneten engeren Sinne kann
die Menschen und sozialen Systeme verändern und neue Typen von
Kommunikations- und Informationssystemen schaffen. So wirkt jedes
Kommunikationsmedium auf die Sinnesorgane des Menschen ein, sozialisiert
sie in unterschiedlichem Maße und verändert damit deren
Verhältnis untereinander. Schon die Entscheidung des Menschen
für die Schallwellen als primäres Kommunikationsmedium kann
als eine Entscheidung gegen andere, ebenfalls mögliche Medien,
die dann an andere Sinnesorgane angeschlossen hätten, angesehen
werden. Als Effektor sozialer Kommunikation dienen nach dieser Präferenz
die oralen Artikulationsorgane als Sensor, das ›äußere‹
und ›innere Ohr‹. Diese Organe werden in besonderer Weise
kollektiv trainiert, ihre Produktions- bzw. Wahrnehmungsleistungen
nach sozialen Programmen segmentiert und verfeinert. Der Geruchs-
oder Tastsinn, der selbstverständlich ebenfalls geschult werden
muß, entwickelt sich demgegenüber auch weiterhin stärker
entsprechend den individuellen Vorlieben als nach den sozialen Normen.
Wenn man wie Marshal McLuhan, von einem ursprünglichen harmonischen
Gleichgewicht der Sinnesleistungen des Menschen ausgeht, dann muß
jede Nutzung eines Mediums nicht nur als ein Optimierungs-, sondern
auch als ein Destabilisierungsvorgang aufgefaßt werden.(3)
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(1) Diese Erkenntnis bildet
ein Grundaxiom in der Organisationsforschung und -beratung und auch
in der systemischen Therapie. Vgl. z.B. W. L. French/C. H. Bell: Organisationsentwicklung
– Sozialwissenschaftliche Strategien zur Organisationsveränderung.
Bern, Stuttgart 1982, hier 34, oder F. Wellendorf: Sozioanalyse und
Beratung pädagogischer Institutionen. In: K. H. Geißler (Hg.):
Gruppendynamik für Lehrer. Reinbek 1979: 67-82, hier 71.
(2) Von der Techniksoziologie wird dieser Vorgang vielfach beschrieben,
etwa wenn von den Medien als ›materialisierter Ausdruck von Sinnbezügen‹
oder als ›Träger für kollektive Wertvorstellungen‹
die Rede ist. Vgl. etwa K. H. Hörning: Technik und Symbol. Ein
Beitrag zur Soziologie alltäglichen Technikumgangs. In: Soziale
Welt 36, 1985: 196-207.
(3) Leider hat diese medientheoretische Grundidee McLuhans, die sich
auf die Vorarbeiten von William Ivins, ›Art and Geometry: A Study
in Space Intuitions‹ (Cambridge, Harvard Univ. Press, 1946) und
›Prints and Visual Communication‹ (London, Routledge and
Kegan Paul, 1953) sowie von W. J. Ong: ›Ramus, Method, and the
Decay of Dialogue‹ (Cambridge, Harvard Univ. Press, 1958) stützt,
bei den vielen, die seine Werke zitieren, bislang keine produktive Aufnahme
gefunden. »Die Trennung der Sinne und die Störung ihres taktil-synästhetischen
Wechselspiels dürfte wohl eine der Auswirkungen der Gutenberg-Technik
gewesen sein«, schreibt er in seiner ›Gutenberg-Galaxis‹
(Düsseldorf, Wien 1968: 26) und betont weiter, daß die »Grundlagen
unserer Vernunft« ein »richtiges Verhältnis und Wechselspiel
der Sinne« erfordern. (Ebd.: 21) Dieses Wechselspiel wurde durch
die Informations- und Kommunikationsmedien – zunächst das
»Alphabet« (ebd.: 10) und dann durch den Druck – gestört,
so daß sich für die Zukunft die Aufgabe stellt, auf »kollektiver
Ebene« für ein »proportioniertes Wechselspiel zwischen
diesen Erweiterungen unserer menschlichen Funktionen« zu sorgen.
(Ebd.: 11) Der Gedanke wird im Kap. 6, S. 653ff. wieder aufgenommen.
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