Excerpt Sinne, Medien, Welten
  Aus: Michal Giesecke: Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main, 2002, hier S. 403-408.
 
Das Verhalten des einen kann dem anderen Menschen als Informationsmedium dienen – wie die übrige belebte und unbelebte Natur auch. Dazu muss er wahrnehmen und Sensoren einsetzen, die auf das Informationsmedium, sei es nun ein Verhalten, ein Bild oder ein Text, abgestimmt sind. Die moderne Verhaltensforschung nennt unsere Sinnesorgane deshalb auch eine ›Gestalt gewordene Theorie über jene Elemente unserer Umwelt, die für das Überleben der Art relevant sind‹ (Konrad Lorenz). Wenn unsere Sinne ein Produkt der Interaktion mit der Umwelt sind, dann ist bei deren weiterer Veränderung eine Erweiterung der Sinne und eine andere Vernetzung zwischen ihnen nicht ausgeschlossen. Vielleicht hindert uns schon jetzt die Theorie der fünf Sinne, weitere Erfahrungsmöglichkeiten, über die wir verfügen, zu erkennen und zu nutzen.
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Andererseits ist natürlich klar, dass für ein beliebiges informationsverarbeitendes System nur das zu einem Medium werden kann, was es aufgrund der Charakteristik seiner Sensoren erkennen kann. »Wär’ nicht das Auge sonnenhaft, könnten wir das Licht erblicken?«, fasste J. W. von Goethe diese seine Grundüberzeugung zusammen. Hier gibt es also einen zirkulären Zusammenhang. Da wir über verschiedene Sinne verfügen, leben wir zugleich in unterschiedlichen Wirklichkeiten. Unsere äußere Umwelt ist auch deshalb komplex, weil sie in diesem Sinne aus verschiedenen Wirklichkeiten besteht. Dies ist nun keineswegs eine Erkenntnis des radikalen Konstruktivismus. Schon am Ende des vorigen Jahrhunderts schrieb der englische Nationalökonom Adam Smith in seinem Aufsatz ›On the External Senses‹: »Die Gegenstände des Auges und die Gegenstände des Tastsinns konstituieren zwei Welten, die sich in keiner Weise gleichen, obwohl sie wechselseitig sehr bedeutende Beziehungen (correspondance) und Verbindungen unterhalten.«(2)
Die Umwelt kann also von uns weder monosensuell noch zentral von einem neuronalen oder psychischen Zentrum aus erkannt und ihre Komplexität auch nicht monomedial gespeichert und dargestellt werden. Unsere innere Welt ist aus artverschiedenen Medien aufgebaut, um die artverschiedenen Umwelten, die durch artverschiedene Sensoren erkannt werden, zu speichern. Aufgrund dieser vielfältigen Sensoren, Medien, Prozessoren, Effektoren muss der Mensch (intern) als Kommunikationssystem, und zwar als massiv parallel verarbeitendes Kommunikationssystem betrachtet werden. Eindrücke und Ausdruck sind das Ergebnis des interaktiven Zusammenwirkens vieler Zentren und des Aufbaus innerer kommunikativer Netze. Liefert ein Sinn zu wenig oder unklare Informationen, so treten andere Sinne als Korrektiv auf.(3)
Wenn der Anblick nicht ausreicht, kann man die Dinge in die Hand nehmen, um sie zu begreifen. Ähnliche Substitutionsund Ergänzungsverhältnisse gelten für die inneren Verarbeitungszentren und die Darstellung: Was nicht verstanden ist, kann gefühlsmäßig entschieden werden; gelingt eine Darstellung nicht in der Rede, kann zur Zeichnung Zuflucht genommen werden. Krankheiten, Unwahrheiten, Verwirrungen, Interaktionsstörungen entstehen, wenn der Programmwechsel zwischen den verschiedenen Sinnen und Medien nicht in Gang gesetzt werden kann. Dies kann vielfältige physiologische, psychische, soziale und andere Gründe haben.
Weil der Mensch in dem hier abgeleiteten Sinne als multimediales Netzwerk artverschiedener Kommunikatoren verstanden werden kann, deshalb eignet er sich vorzüglich als Schaltstelle in den kulturellen Netzwerken. In seinem Mikrokosmos spiegelt sich der kulturelle Makrokosmos wider. In welchem Umfang dies gelingt, hängt davon ab, wie weit die synästhetischen Ressourcen genutzt werden.
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Wer die Informationsgesellschaft als Netzwerk von Mensch und Gemeinschaft gestalten will, wer den ökologischen Zusammenhang zwischen der Gesellschaft, der Natur und der Technik akzeptiert, wer Kommunikation und Information zu Produktivkräften der postindustriellen Gesellschaft erklärt, der braucht eine ähnlich komplexe ökologische und kommunikative Vision des Menschen. Er sollte ihn nicht auf ein ›einfaches‹ informationsverarbeitendes System, einen bloßen Schalter im Medienverbund reduzieren. Eine solche Selbstsimplifikation sollte als Möglichkeit erhalten bleiben, aber nicht als Vision gesetzt werden. Heraus aus unserem gegenwärtigen Alltag und hinein in eine Vision treten wir, wenn wir versuchen, die menschliche Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und -darstellung als einen multisensuellen, dezentralen, parallelen, rückgekoppelten, selbstreflexiven Prozess zu gestalten. Es gibt keinen Grund, einen Sinn oder einen Prozessor oder ein Medium aufgrund besonderer informationsverarbeitender Qualitäten zu bevorzugen. Erst ihr Zusammenwirken hat den Menschen seine evolutionäre Nische und seinen evolutionären Vorteil gebracht. Nur insgesamt sichern sie die menschliche Gattung.
Eine solche Formulierung wird kaum Widerspruch ernten, desto mehr die Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind: Keine generelle Prämierung von sprachlicher vor metaphorischer Informationsverarbeitung, kein Lob von Konsequenz und Vernunft, ohne zugleich die Vorzüge von Flexibilität und Gefühl herauszustreichen, keine Bevorzugung der vita activa vor der vita contemplativa, keine Konzentration auf die Schulung von sequentiellem logischen Handeln und Denken usf. Einen Kranz von Schlussfolgerungen hat Hans Peter Dreitzel in seinem Buch »Emotionales Gewahrsein« zusammengebunden, indem er zuallererst dazu auffordert, die innerliche Komplexität überhaupt zu bemerken. Ähnlich wie die Gesellschaften zur Selbstreflexion ansetzen, um die neuen technischen und sozialen Herausforderungen zu bewältigen, so muss auch das Selbstreflexionspotential des einzelnen Menschen genutzt werden. »Es geht also um eine Verfeinerung unseres sinnlichen und emotionalen Sensoriums durch mehr Gewahrsam … Wenn der Zivilisationsprozess Affektkontrolle erfordert und durchsetzt, so bedarf es zu deren Ergänzung und Verflüssigung dieser Kultivierung der Gefühle und Empfindungen, eben der Entwicklung von reflexiver Sinnlichkeit.«
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Die Kultivierung der Gefühle wird es den Menschen ermöglichen, andere Umweltausschnitte zu spiegeln. Die Resonanzbeziehungen zwischen ihm und der Natur werden sich verändern, es werden gleichsam neue Schaltkreise eingerichtet.(6)
Einige dieser gegenabhängigen Trends habe ich in Kapitel 7 beschrieben. Aus der Kulturgeschichte wissen wir natürlich, dass niemals alle Sinne und Medien von Menschen und Kulturen gleichmäßig berücksichtigt wurden. Vielmehr erwiesen sich die Disproportionen in der Nutzung der Sinne und Medien als wichtigster Motor für alle kulturellen und vermutlich auch für die meisten individuellen Veränderungen. Unübersehbar hat man aber bislang die Spezialisierung und Ausdifferenzierung der Sinne, Prozessoren, Darstellungsmöglichkeiten prämiert und sie technisch verstärkt. Erziehung und Bildung zielen auf eine Auflösung von Synästhesien, auf eine klare Separierung der Sinneskanäle und Medien ab. »Im disziplinierten, getrennten Gebrauch der Sinne beweist sich der moderne Mensch seine Vernunft: Nur wer die fünf Sinne auseinander hält, hat seine fünf Sinne beisammen.«(7)
An der Isolierung und Abwertung der Vielfalt der Sinne und Medien haben sich schon viele Gelehrte der Romantik gerieben. Aber es ist eben etwas anderes, ob man die Einheit der Sinne vor ihrer maximalen Ausdifferenzierung oder danach fordert. Heute geht es um die Integration von Abgesonderten mit einer eigenen Identität. Und so wie in der Küche die Suppe geschmackvoller wird, wenn ihre Zutaten nacheinander unter Berücksichtigung der ganz unterschiedlichen Garzeiten zueinander gefügt werden, so ist auch das Gespräch feiner, wenn im Zusammenwirken der Medien ihre jeweiligen Eigenheiten noch gewahrt bleiben. Das aber setzt die Kenntnis dieser Eigenheiten voraus, und in diesem Punkt hat uns die Separierung der Sinne vorangebracht.
Gegenwärtig besitzen wir die technischen und sozialen Voraussetzungen zu einer grundlegenden Umorientierung, weg von der Isolierung, hin zu einer Integration der verschiedenen Formen der Informationsverarbeitung und Kommunikation. Natürlich gibt es auch hierfür historische Beispiele. Die Bedeutung der Verwendung von phonetischen Schriftsystemen liegt, um ein wichtiges frühes Integrationsbeispiel zu nennen, darin, dass hiermit zwei durch die kulturelle Entwicklung schon ausdifferenzierte und damit auch voneinander getrennte Erlebensund Verhaltensformen, Sehen und Schreiben beziehungsweise Hören und Artikulieren, wieder näher zusammengeführt werden. Es ist ein Akt der Integration, wie er dann erst wieder durch die typographische Informationstechnologie im 15. Jahrhundert wiederholt wurde.
Wer den Menschen für die Informationsgesellschaft ›fit‹ machen will, muss auf eine allseitige Entwicklung seiner Sinne setzen und ihn befähigen, sie in einem ökologischen Gleichgewicht zu halten.
(8) Erst dann wird er auch zu einer ökologischen Kommunikation mit seiner Mitwelt in der Lage sein. Auf diesen Zusammenhang haben Babara Mettler-von Meibom und Matthias Donath mit Nachdruck hingewiesen: »Der Mensch kommuniziert ökologisch, wenn seine Kommunikation den Naturhaushalt und seine eigene innere Mitwelt nachhaltig fördert. Die ökologische Kommunikation hat also zwei Dimensionen, eine innere und eine äußere und zwischen beiden kann sich durchaus ein Spannungsfeld auftun.«(9)
Wenn wir einmal vergleichen, wie viel Zeit in den allgemein bildenden Schulen darauf verwendet wird, die Umwelt zu erkunden, und wie wenig Zeit der individuellen und sozialen Selbstwahrnehmung zugebilligt wird, dann ist klar, dass schon hier ein Ungleichgewicht vorliegt, dessen Beseitigung ein dringendes Ziel zeitgemäßer Kulturpolitik sein sollte. Zu den Schlüsselqualifikationen in der postindustriellen Gesellschaft gehören nicht nur die Fähigkeiten zur Kontaktaufnahme mit anderen Kommunikatoren, sondern auch mit den unterschiedlichen inneren psychischen und körperlichen Instanzen. Medienerziehung in diesem Sinne erfordert selbstreflexive Lernformen. Diese werden zunächst zur Klärung der höchst individuellen Formen kommunikativen Verhaltens, Erlebens und Mediengebrauchs führen. Sie sind individuenund fallbezogen und führen zur subjektiven Erkenntnis der subjektiven Möglichkeiten. Dass schulische und universitäre Bildung auch auf diesem selbstreflexiven Weg und nicht nur auf jenem der Standardisierung der individuellen Informationsverarbeitung und -darstellung erfolgen kann, ist für jene, die in der Industrieund Buchkultur fest verwurzelt sind, praktisch unvorstellbar. Erst wenn wir auch diesen nicht intersubjektiv überprüfbaren, nicht generalisierbaren Wissensformen den gleichen Rang einräumen wie den standardisierten Modellierungen über unsere sichtbare Umwelt, verlassen wir die Persönlichkeitsmythen der Buchkultur und gewinnen die Freiheit, Mythen zu schaffen, die den multimedialen Netzwerken unserer Zeit angepasst sind.

(1) Schon G. E. Lessing plädierte in einer kurzen Abhandlung dafür, »dass mehr als fünf Sinne für den Menschen sein können«. Sämtliche Schriften. Band 16, 1902. Die gleichnamige Schrift soll um 1780 entstanden sein.
 
(2) In: W. P. D.Wightman/J. C. Bryce (Hg.): Adam Smith’ ›Essays on Philosophical Subjects‹. Oxford 1980, S. 150, zitiert nach Peter Utz: Das Auge und das Ohr im Text. Literarische Sinneswahrnehmung in der Goethezeit. München 1990, S. 7.
 
(3) »Jeder unserer Sinne übt diejenige Tätigkeit aus, zu der ihn die Natur bestimmt hat. Sie helfen sich gegenseitig, um unserer Seele, durch die Hände der Erfahrung, alle diejenigen Fähigkeiten zu übermitteln, die unser Wesen ausmachen.« Voltaire, Eléments de la Philosophie de Newton. 2ème partie, in: Œuvre Complète. Paris 1818, Bd. 23, S. 93.
 
(4) »Multimediale Arbeitsformen erhöhen die Anforderung an die ›koordinierte Nutzung von Augen und anderen Sinnesorganen, psychofeinmotorische Funktionen von Händen und Armen und stellen dabei hohe Anforderungen an das menschliche Gehirn, was neue Formen von Stress erzeugt« (S. 57). Gruppe hochrangiger Experten, Abschlussbericht.
 
(5) Emotionales Gewahrsein – psychologische und gesellschaftliche Perspektiven in der Gestalttherapie. München 1998, S. 270.
 
(6) »Wer mit Gewahrsein isst, schmeckt mehr und braucht weniger. Wer Bäume wirklich liebt, dem kann ein Waldbrand ein Stück der eigenen Seele verbrennen.« Dreitzel, a. a. O., S. 293.
 
(7) Peter Utz: Das Auge und das Ohr im Text. Literarische Sinneswahrnehmung in der Goethezeit. München 1990, S. 7. Diese kritische Position findet sich in vielen neueren Arbeiten der Kulturanthropologie, vgl. zum Beispiel Dietmar Kamper, Christoph Wulf (Hg.): Das Schwinden der Sinne. Frankfurt am Main 1984.
 
(8) »Was uns erschöpft, ist die durch Gleichförmigkeit erzogene Nicht-Inanspruchnahme der Vielfalt unserer körperlichen und sinnenhaften Fähigkeiten und Kräfte. Was uns erfrischt und aufbaut, ist deren Inanspruchnahme …« Hugo Kükelhaus/ Rudolf zur Lippe: Entfaltung der Sinne. Ein ›Erfahrungsfeld‹ zur Bewegung und Besinnung. Frankfurt am Main 1994, S. 43.
 
(9) Dies.: Kommunikationsökologie: Systematische und historische Aspekte (Kommunikationsökologie Band 4). Münster 1998, S. 76. Vgl. auch S. 119.