Excerpt Das Perspektivexperiment Brunelleschis
   

„Was die Perspektive betrifft, so war das erste Werk, im dem er sie darstellte, eine kleine Bildtafel von ungefähr einem halben bracchio mit Quadrat, und darauf bildete er die Außenansicht der Kirche San Giovanni von Florenz ab, und von dieser Kirche malte er das Äußere so wie man es aus einem Blickwinkel sehen kann; und es scheint, daß er, um es zu malen, etwa drei bracchia innerhalb der Mitteltür von Santa Maria del Fiore stand. Das Bild wurde mit so viel Fleiß und Genauigkeit ausgeführt und so präzise mit den Farben des schwarzen und weißen Marmors, daß kein Miniaturenmaler es hätte besser machen können. Er bildete in der Mitte den Teil des Platzes unmittelbar vor seinem Auge ab, ebenso an der Seite den Platz zur Misericordia hin bis zum Bogen und dem Canto de´ Recori, und ebenso zur Seite der Wundersäule von St. Zenobius bis hin zum Canto alla Paglia und das, was man noch dahinter sehen kann. Und um den Himmel darzustellen, dort nämlich, wo die Gebäude auf dem Bild in die Luft ragen, legte er poliertes Silber auf, damit die Luft und der natürliche Himmel sich darin spiegelten und damit die Wolken, die man im Silber gespiegelt sehen konnte, sich im Winde bewegten, wenn er weht. Der Maler eines solchen Bildes muß daher davon ausgehen, daß es nur eine einzige Stelle gibt, von der aus sein Bild gesehen werden muß in bezug auf die Höhe und Tiefe und in der seitlichen Ausdehnung wie in der Distanz. Damit sich nun beim Betrachter kein Irrtum in der Wahl seines Standpunktes einschleichen konnte, wodurch der Augenschein verzerrt wurde, hatte er [Brunelleschi] ein Loch in die Bildtafel gemacht, das auf dem Bild genau an der Stelle der Kirche von San Giovanni war, die dem Auge desjenigen gegenüberlag, der von der Stelle innerhalb der Mitteltür von Santa Maria del Fiore aus blickte, auf die der Maler sich beim Malen gestellt hatte. Und dieses Loch war klein wie eine Linse auf der bemalten Seite und erweiterte sich konisch nach hinten, wie der Strohhut einer Dame, auf die Größe eines Dukaten oder etwas mehr. Und er wollte, daß das Auge [des Betrachters] sich an die Rückseite lege, wo das Loch groß war, durch das er blicken sollte, und er sollte mit einer Hand das Auge abschirmen und mit der anderen sollte er einen ebenen Spiegel auf die andere Seite halten, in dem sich das Bild spiegeln sollte. Die Entfernung, in der der Spiegel mit der Hand ausgestreckt wurde, entsprach proportional ungefähr der wirklichen Distanz, von der aus er die Kirche von San Giovanni gemalt hatte. So daß, wenn man es betrachtete, es – zusammen mit den bereits erwähnten Umständen (dem polierten Silber, der Darstellung des Platzes, der genauen Zeichnung etc.) – schien, als sähe man die Wirklichkeit selbst. Und ich habe es in der Hand gehabt und habe es zu jener Zeit oftmals gesehen und kann davon Zeugnis ablegen.“


Übersetzung aus: Thomas Cramer (Hrsg.): Wege in die Neuzeit. München 1988, S. 116.