Leitfaden Motivation der Forscherinnen (Insider/Outsider)
   
Quelle: Marsal, Andrea/Reimann, Ute, Die Veränderung professioneller Identität und professionellen Handelns von Pflegekräften in der stationären Hospizarbeit. Eine empirische Studie, Diplomarbeit EVFH Hannover, Postgradualer Studiengang ‚Supervision’. Ltg. Prof. Dr. Kornelia Rappe-Giesecke, 2002.

Zu Beginn der Forschungsarbeit habe die Forscherinnen ihre eigene Motivation zur Bearbeitung des Themas festgehalten.

„Unsere Motivation zur Bearbeitung des Themas sind sehr unterschiedlich und beruhen bei jeder von uns auf langjährigen Erfahrungen.

Andrea
Einer meiner besten Freunde (F.) starb vor zwei Jahren an Krebs. Da er von dem Leben und Sterben einer Kollegin in einem Hospiz Positives gehört hatte, war es sein letzter Wunsch, dort ebenfalls sterben zu dürfen. Da ich seine Patientenanwältin war, versuchte ich diese Bitte zu realisieren. Ich wusste von Ute, dass diese seit langer Zeit in einem Hospiz arbeitete und bat sie um Hilfe. Bereits ein Tag später war ein Bett frei und F. hätte von dem Krankenhaus in das Hospiz verlegt werden können. Mit dieser für ihn beruhigenden Gewissheit, einen Ort zum würdevollen Sterben gefunden zu haben, starb er kurz vor seiner Verlegung im Krankenhaus. Ich begleitete ihn in seinen letzten zwölf Stunden und erlebte das kooperative Verhalten des Krankenhauspersonals. Mich berührten die Abschiede von Freunden und Familienmitgliedern, die Gespräche mit dem Sterbenden und dessen beeindruckende Haltung angesichts seines Todes.
In der Verarbeitung dieses Geschehens zusammen mit Ute entstand eine Grundlage für eine gemeinsame Forschungsarbeit und mein Interesse, in diesem Bereich supervisorisch tätig zu werden.

So bildete mein emotionaler Zugang als gleichzeitig Betroffene und Außenstehende und Utes Feldkompetenz eine solide Basis für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema „Hospiz".

Obwohl wir in sehr unterschiedlichen Arbeitsgebieten tätig sind, verbindet uns die Tatsache, dass wir beide in tabuisierten Arbeitsfeldern tätig sind: Ute im stationären Hospiz und ich als Abteilungsleiterin in einer Justizvollzugsanstalt mit dem höchsten Sicherheitsgrad in Niedersachsen. Extremsituationen waren uns beiden vertraut.

Ute
Das Supervisionsstudium habe ich nach fünf Jahren hauptamtlicher Tätigkeit in einem stationären Hospiz begonnen. In diesen fünf Jahren hatte ich die Gelegenheit, unterschiedliche Rollen auszufüllen und kennen zu lernen (Pflege, Sozialarbeit, Bildungsarbeit). Ich hatte auch die Gelegenheit, in einer Pioniereinrichtung von ihrer Geburtsstunde an mitzuarbeiten und zu erleben, wie die Einrichtung und die Hospizbewegung insgesamt sich zu einem im Gesundheitswesen verankerten Angebot entwickelten. Wesentliche Impulse dieser Entwicklung sind von der Einrichtung, in der ich tätig war, ausgegangen. Ich habe die Begeisterung des Anfangs und die Identifikation mit der Idee der Einrichtung geteilt, ich habe die Schmerzen der Differenzierung erlebt und den Schrecken des „ich kann es nicht mehr" erfahren.
Nach weiteren zwei Jahren habe ich einen Auftrag der Trägerin im Bereich ihrer Altenpflegeheime angenommen und bin aus dem Hospiz ausgeschieden. Ein Schritt, der für mich mit Trauer und Ambivalenzgefühlen verbunden war. Es war wie die Vertreibung aus dem Paradies und gleichzeitig wie eine Befreiung und ein Aufbruch in etwas Neues. Ich empfand und empfinde den Wunsch, die intensiven und vielfältigen Erfahrungen meiner Hospizzeit zu reflektieren, auszuwerten und für die Zukunft fruchtbar werden zu lassen.

Nach fünf Jahren hat nicht nur bei mir eine Veränderung stattgefunden, auch Kollegen begannen über Alternativen nachzudenken. Nachdem das Haus bis zu diesem Zeitpunkt keine Fluktuation des Personals kannte, hat in den Jahren sechs und sieben ein fast vollständiger Wechsel stattgefunden. Diese Veränderung war eine Erschütterung und Irritation. Das Haus war verständlicherweise mit der Auswahl und der Einarbeitung neuer Mitarbeiter sehr beschäftigt, die „alten" gingen eine nach der anderen, es blieb wenig Zeit und Kraft für Würdigung und Reflexion. So ist meine persönliche Motivation für diese Arbeit zweifach: Ich wollte verstehen, was mit mir passiert ist und ich wollte, verstehen^ was in dieser Organisation geschehen ist.

Ich gehe davon aus, dass meine/unsere Erfahrungen im Hospiz nicht einzigartig sind, sondern Ähnlichkeiten mit denen anderer Personen und Häuser aufweisen. So hoffe ich, dass unsere Erkenntnisse für die Beratung und Supervision anderer Hospize und Hospizmitarbeiter nützlich sein können, so dass sie ihren Weg vielleicht etwas bewusster gehen können als die Pioniere. Ein weiteres Anliegen ist mir die Würdigung der Arbeit der Pionierinnen, haben sie doch dazu beigetragen, dass sterbende und sterbenskranke Menschen heute in Deutschland besser betreut werden können.
Nicht zuletzt geht es mir auch darum, herauszufinden, wie die Schattenseiten einer Bewegung aussehen, die mit großer Euphorie und Begeisterung viel erreicht hat und die jetzt vor der Aufgabe steht, sich den Mühen der Ebene zuzuwenden und dabei nicht ihre Identität zu verlieren.

Nach mehreren Gesprächen stellten wir beide fest, dass uns vieles verband und wir über unterschiedliche Ressourcen verfügten, die sich gut ergänzten. Daher entschieden wir uns für die gemeinsame Forschungsarbeit.


Professionalität in der stationären Hospizarbeit
 

 

 

 

 

 

 

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