| Koevolutionsmodelle in Wissenschaft und Beratung | |
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| In der Biologie Anpassungskonzepte haben das Denken der Biologen vor und nach Darwin bestimmt: Variation, Selektion und Stabilisierung der Auswahl; Anpassung der Lebewesen an die Umwelt; Veränderung der Umwelt (als Anpassung an die veränderten Lebewesen), erneute Adaption der Lebewesen usf. Aus dieser Beschäftigung mit Austauschprozessen zwischen System und Umwelt ist schließlich das Koevolutionsmodell entstanden. |
| In der Psychologie Das Anpassungskonzept ist aber auch für viele psychologische Lern- und Wahrnehmungstheorien konstitutiv: Lernen als Produkt der Interaktion zwischen Bewusstsein ]und Umwelt, als Übertragung und Spiegelung. Ebenso arbeiten die interaktionistischen Sozialtheorien mit diesem Modell: Soziale Gebilde emergieren als Resultat wechselseitiger Anpassung der sozialen Akteure. Das komplementäre Konzept ist jenes der Abgrenzung. Es macht nur einen analytischen Sinn, Anpassung und Abgrenzung getrennt zu untersuchen. Praktisch sind Anpassungsvorgänge immer auch mit Abgrenzungsprozessen verknüpft, um die eigene Identität der beteiligten Interaktanten zu erhalten. Vollständige Anpassung führte letztlich zur Selbstvernichtung (Selbstsubstitution). Als Vorstufe hiervon kann man Symbiosen betrachten. Man muss also beim Anpassungsmodell den Grad der Wechselseitigkeit (Interaktion) klären. Tun wir dies, verlassen wir das Feld der Veränderungstheorie und kommen zu komplexen Entwicklungsmodellen, z. B. zum Konzept der 'Koevolution'. |
| In der Soziologie Koevolutionsgedanken finden wir auch in soziologischen Schulen, z. B. im symbolischen Interaktionismus (George Herbert Mead). Hier werden soziale Interaktionsbeziehungen zum Bezugssystem individuellen Lernens und sozialer Entwicklung. Die Ökologie reduziert ihr Untersuchungsinteresse jedoch nicht auf dyadische Interaktionsbeziehungen, sondern versteht Koevolution als Ergebnis von Vernetzungsprozessen mit vielen Mitspielern. Es ist wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass die Koevolution nicht nur in Zweierbeziehungen sondern in interaktiven Netzen stattfindet und diese als grundlegende Untersuchungszelle der Evolution gelten. [1] Der Umfang der Veränderung der Netze und Interaktionspartner kann stark variieren. Es gibt keineswegs immer symmetrische Veränderungsprozesse, vielmehr dominiert bei einem Partner mal die Anpassung und mal die Abgrenzung und Beeinflussung des anderen - und die Gegenüber können sich entweder komplementär verhalten, oder es kommt zu symmetrischen Eskalationen. |
| In der Beratung Konzepte wie das "Pacing-Leading"-Modell der Schule des neurolinguistischen Programmierens (NLP) haben diesen Gedanken schon seit längerem (selektiv) aufgegriffen und für Kommunikationsmodelle und –trainings fruchtbar gemacht. Die Wechselseitigkeit der Anpassungs- und Veränderungsprozesse auf längere Sicht bleibt ein (therapeutisches) Ziel und Bedingung von ökologischer Systembildung: "In jeglicher gesunden Ökologie müssen sich beide Seiten einer Beziehung entwickeln können", postuliert deshalb Peggy Pen als Vertreterin der systemischen Beratung, "daher sprechen wir auch von Koevolution anstelle des linearen Begriffs der Evolution". [2] Die Koevolutionstheorie ist also keine einfache Beziehungstheorie, sondern sie beschäftigt sich mit Wechselwirkungen und Spiegelungsverhältnissen. |
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| [1] Vergl. z. B. Gregory Bateson: Ökologie des
Geistes, Frankfurt 1972, S. 155 ff. [2] Zirkuläres Fragen: In: Gruppendynamik Heft 3, 1983, S. 189-220, hier S. 205 |