| Kulturen als inhomogene Netzwerke | |
| Die Weltgesellschaft der gegenwärtigen Epoche lässt sich
kaum mehr mit einem Systemmodell beschreiben. Näher kommt ihr die Vorstellung
eines Netzwerks miteinander mal so und mal anders, mal mit dem einen,
mal mit anderen Medien verbundener unterschiedlicherr Typen von Kommunikations-
und Informationssystemen. Als einer der ersten hat diese Vorstellung Konrad
Zuse, der Erbauer der ersten frei programmierbaren Rechenmaschine, vorgeschlagen.
Er betrachtete die Welt als einen 'Makrocomputer', einen 'rechnenden Raum'.
Jedes Medium und jeder Prozessor hat hier Relaisfunktion. Er stellt Schaltkreise
her, indem er jeweils andere unterbricht: "Relaisrechner enthalten
Relaisketten. Stößt man ein Relais an, so pflanzt sich dieser Impuls durch
die ganze Kette fort." [1] Durch den Vergleich mit dem Computer wird der dynamische und flexible Netzwerkcharakter der Weltgesellschaft anschaulich. Ähnlich wie bei dem Vergleich mit den neuronalen Netzen wird deutlich, dass dieses Netzwerk beständig zwischen Chaos und neuer Ordnung wechselt, keine permanenten, starren Systeme zulässt. Dies ist auch ein Grund, warum die Systemtheorie allein keine ausreichende Modellierungsgrundlage für die gegenwärtige gesellschaftliche Kommunikation abgibt. |
| Andererseits unterschätzt der Vergleich mit dem Makrocomputer ebenso wie jener mit den neuronalen Netzen die Komplexität. Die Spezifik kultureller Informationsverarbeitung und Vernetzung ergibt sich gerade dadurch, dass unterschiedliche Typen von Informationssystemen (Prozessoren) mit unterschiedlichen Typen von Medien verbunden sind. Sowohl im Computer herkömmlicher Bauart als auch in den neuronalen Netzen hat man es mit gleichartigen Elementen zu tun. Unsere Kultur ist demgegenüber multiprozessoral und multimedial, und zwar besteht die Vielheit nicht bloß in quantitativer Hinsicht (Mehr-vom-Selben) sondern auch in qualitativer Hinsicht: Biogene, psychische, soziale, physikalische und andere Medien- und Systemtypen wirken zusammen. |
| Gerade um diesen nicht homogenen Charakter der Netzwerke auszudrücken, soll der Begriff der 'Kultur' eingeführt werden. So wie in den Naturwissenschaften von 'Ökosystemen' oder 'ökologischen Netzwerken' gesprochen wird, wenn es um die Beschreibung des Zusammenwirkens unterschiedlicher Klassen von natürlichen Systemen geht, so kann man in den Sozialwissenschaften (humanities) von 'Kulturen' sprechen, wenn man die Menschen als Teil und Bezugsgröße von Ökosystemen betrachten will. |
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| [1] Konrad Zuse: Der Computer - Mein Lebenswerk. Berlin/Heidelberg/New York usw., 1993, S. 93 |