Kommunikations- und Medientheorie
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Matrikelnummer |
LP |
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15873 |
3 | 1,3 |
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14150 |
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460 |
3 | 1,3 |
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544 |
3 | 3,7 |
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14156 |
3 | 3,7 |
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563 |
3 | 2,3 |
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565 |
3 | 1,3 |
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589 |
3 | 2,0 |
Der Autor von "Wendezeit" bringt seine Sichtweise der Weltprobleme, ihrer Hintergründe und des Wandels der Paradigmen in Wissenschaft und Gesellschaft auf den bisher wohl kürzesten Nenner. Als idealen Rahmen des sich aufdrängenden ganzheitlich-ökologischen Denkens bezeichnet er die Theorie lebender Systeme. Er fasst seine Überlegungen selbst am Schluss des Beitrags in fünf Thesen zusammen.
Die dringendsten Probleme unserer Zeit sind globale Probleme, die das Wohl der gesamten Menschheit - und viel mehr noch jenes zukünftiger Generationen - ernstlich gefährden. Das Ausmaß und die Folgen dieser Probleme wurden in den letzten Jahren ausführlich dokumentiert. Es handelt sich im wesentlichen um drei Problemkreise: das Wettrüsten und die Drohung des Atomkriegs, die Zerstörung unserer natürlichen Umwelt und das gleichzeitige Bestehen von Fortschritt und Armut - sogar in den reichsten Ländern und noch viel mehr in der dritten Welt. Jeder dieser drei Problemkreise umfaßt eine Reihe von kritischen Einzelproblemen - weltweites Bevölkerungswachstum, Waldsterben bei uns und Zerstörung der Urwälder in den Tropen, Treibhauseffekt, Vergiftung von Luft, Wasser und Erde etc.
Je näher wir diese Probleme betrachten, desto mehr wird klar, daß keines von ihnen als Einzelproblem verstanden und gelöst werden kann. Es sind systemische Probleme - wechselseitig verknüpft und voneinander abhängig. Die Stabilisierung der Weltbevölkerung zum Beispiel wird nur möglich sein, wenn es uns gelingt, die weltweite Armut zu verringern. Die massive Ausrottung von Tier- und Pflanzengattungen wird fortschreiten, solange die dritte Welt von massiven Schulden belastet ist. Nur wenn es uns gelingt, den internationalen Rüstungswettlauf zu stoppen, werden uns die Ressourcen zur Verfügung stehen, um die katastrophalen Folgen der Zerstörung unserer Biosphäre, die uns jetzt drohen, zu verhindern - dramatischer Anstieg von Hautkrebs, Überflutung unserer Hafenstädte, Verlust großflächiger Landwirtschaftsgebiete etc.
Letztlich sind alle diese Probleme nur verschiedene Facetten ein und derselben Krise, die im wesentlichen eine Krise der Wahrnehmung ist. Sie ist eine Folge der Tatsache, daß die meisten unter uns, und vor allem unsere mächtigen gesellschaftlichen Institutionen, an einem überholten Weltbild festhalten, an einer Weltanschauung, die zur Lösung der vielfältigen Probleme in unserer global vernetzten Welt ungeeignet ist.
Gleichzeitig wird in Grenzgebieten der Wissenschaft und in einer großen Zahl von gesellschaftlichen Bewegungen eine neue Sicht der Wirklichkeit entwickelt, die die Grundlage unserer zukünftigen Technologien, Wirtschaftssysteme und gesellschaftlichen Institutionen bilden wird. Wir befinden uns also am Beginn eines tiefgreifenden Wandels unserer Weltbilder und Wertvorstellungen, eines Wandels der "Paradigmen" in Wissenschaft und Gesellschaft, der ebenso radikal wie die kopernikanische Wende ist.
Leider setzt sich diese Erkenntnis unter unseren Politikern, Unternehmern und Akademikern nur sehr langsam durch; ja, deren vereinter Widerstand gegen den Paradigmenwechsel mutet oft fast wie eine Verschwörung an. Die Technologien und Geschäftsmethoden der Großkonzerne, die im allgemeinen ungesund, wenn nicht überhaupt destruktiv sind, werden vom wissenschaftlichen Establishment voll unterstützt. Diese Unterstützung gefährlicher und schädlicher Praktiken beruht jedoch keineswegs auf einem Komplott, sondern vielmehr auf der Tatsache, daß unsere geschäftlichen, akademischen und politischen Führungskräfte von denselben veralteten Wahrnehmungen gefangen sind.
Diese Wahrnehmungen bilden die Grundlage des sogenannten alten Paradigmas - einer Weltanschauung, die unsere Kultur während der letzten dreihundert Jahre beherrscht hat, die institutionalisiert und mit Macht ausgestattet wurde und uns jetzt daran hindert, neue Lösungen zu finden. Dieses Paradigma enthält eine Reihe von Ideen und Wertvorstellungen; darunter die Auffassung, das Universum sei ein mechanisches System, das aus materiellen Grundbausteinen bestehe (Einfluß der Kartesianischen Philosophie und Newtonschen Physik); das Bild des menschlichen Körpers als einer Maschine (immer noch die begriffliche Basis der Schulmedizin); die Vorstellung des Lebens in der Gesellschaft als eines ständigen Konkurrenzkampfes um die Existenz (Erbe der Sozialdarwinisten); den Glauben an unbegrenzten materiellen Fortschritt durch wirtschaftliches und technisches Wachstum (lineares Denken) und - nicht zuletzt! - den Glauben, daß eine Gesellschaft, in der das Weibliche überall dem Männlichen untergeordnet ist, einem grundlegenden Naturgesetz folge (patriarchalische Wertordnung). Alle diese Annahmen haben sich während der letzten Jahrzehnte als sehr begrenzt erwiesen und bedürfen einer radikalen Neuformulierung.
Eine solche Neuformulierung findet jetzt auch tatsächlich statt. Das jetzt im Entstehen begriffene neue Paradigma kann als ganzheitliches Weltbild bezeichnet werden, in dem die Welt nicht als eine Ansammlung isolierter Teile gesehen wird, sondern als integriertes Ganzes. Es kann auch ein ökologisches Weltbild genannt werden, wenn das Wort "ökologisch" in einem viel breiteren und tieferen Zusammenhang gebraucht wird, als es allgemein üblich ist. Ökologisches Bewußtsein in diesem tiefen Sinn ist das Bewußtsein der wechselseitigen Verknüpfung und Abhängigkeit aller Phänomene - das Bewußtsein, daß wir als einzelne und als Gesellschaft in die zyklischen Prozesse der Natur eingebettet und eingebunden sind.
In der Naturwissenschaft bietet die in den letzten Jahrzehnten entwickelte Theorie lebender System, welche aus der Kybernetik der vierziger Jahre hervorging, den idealen Rahmen zur wissenschaftlichen Formulierung des ganzheitlich-ökologischen Denkens. Lebende Systeme - Organismen, soziale Systeme oder Ökosysteme - sind integrierte Ganzheiten, deren Eigenschaften sich nicht auf die kleinerer Einheiten reduzieren lassen. Statt auf Grundbausteine konzentriert sich die Systemtheorie auf grundlegende Organisationsprinzipien. Systemeigenschaften werden zerstört, wenn ein System in isolierte Einzelteile zerlegt wird, sei es physisch oder theoretisch. Obwohl wir in jedem System Einzelteile unterscheiden können, ist das Ganze immer etwas anderes als die bloße Summe seiner Teile.
Das systemische Denken ist heute auf allen Gebieten dringend nötig, da die kritischen Probleme unserer Zeit globale systemische Probleme sind, die nur durch einen systemischen (ganzheitlich-ökologischen) Ansatz gelöst werden können. Und da lebende Systeme als individuelle Organismen, Sozialsysteme und Ökosysteme einen so weiten Bereich umfassen, bietet die Systemtheorie den idealen Rahmen, um viele isolierte, bruchstückhaft gewordene Fachgebiete zu vereinen.
Systemisch denken heißt vernetzt denken - nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit. Es bedeutet nicht nur zu erkennen, wie die wesentlichen Probleme unserer Zeit untereinander verknüpft sind, sondern auch zu sehen, wie sich verschiedene Lösungsversuche auf zukünftige Generationen auswirken konnten. Aus systemischer Sicht sind nur jene Lösungen akzeptabel, die langfristig tragbar ("sustainable") sind. Nach der Definition von Lester Brown, Direktor des Worldwatch Institute in Washington, sind solche langfristig tragbaren Lösungen jene die es uns gestatten, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, ohne die Aussichten zukünftiger Generationen zu vermindern.
Die hier skizzierte Einschätzung der heutigen Weltsituation läßt sich in folgenden Thesen zusammenfassen:
- Die dringendsten Probleme unserer Zeit sind globale, systemische Probleme.
- Diese vielfach vernetzten Probleme sind letztlich Facetten ein und derselben Krise, die im wesentlichen eine Krise der Wahrnehmung ist.
- Die Überwindung dieser Wahrnehmung erfordert einen grundlegenden Wandel unserer Weltbilder und Wertvorstellungen - einen Paradigmenwechsel - in Wissenschaft und Gesellschaft.
- Das Denken des neuen Paradigmas ist systemisches (ganzheitlich-ökologisches) Denken.
- Nur systemisches Denken kann zu langfristig tragbaren Lösungen unserer Probleme führen.
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In: Das systemisch evolutionäre Management, Königswieser R., Lutz C. (Hg.), ORAC, Wien, 1990