| Von der Gesellschafts- zur Kulturtheorie | |
|
Wer mit einer – oder mehreren – Gesellschaftstheorien die Entstehung
und die gegenwärtige Transformation der Buchkultur verstehen will, wird
scheitern. Soziale Utopien haben den Aufstieg der Industriegesellschaft
begleitet und ermöglicht. Nun scheint die soziologisierende Politik und
Theorie am Ende zu sein. „Die Soziologie“, so fasst Niklas Luhmann im Herbst der Neuzeit noch einmal mit anrührendem Trotz zusammen, „ist für eine [einzige] bestimmte Systemreferenz zuständig, für das Gesellschaftssystem und dessen Umwelt." [1] Das ist das analytische Programm der Bürokratie und rationeller Arbeitsteilung: Pro Aufgabe eine Stelle. Ihm entspricht auf der Ebene des gesellschaftlichen Makrosystems das Projekt der funktionalen Differenzierung: Pro Funktionsbereich (Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kunst ...) ein System mit eigenem Kode (Geld, Macht, Wahrheit, Schönheit ...). |
| Die Erfolge von Taylorismus, Bürokratie und Planwirtschaft und anderen Ausprägungen dieses Konzepts liegen in der Gegenwart genauso offen zu Tage wie ihr Versagen. Beides braucht hier nicht länger belegt und diskutiert werden. Argumentieren will ich vielmehr gegen die Vorstellung, eine andere Sozialutopie könne hier grundsätzlich etwas ändern und bessere Antworten auf die Grundfragen liefern. Es geht augenblicklich nicht mehr um einen Wechsel der Gesellschaftspolitik und/oder –theorie, sondern es geht um ihre Ablösung durch eine grundsätzlich andere Utopie. Man mag sie Kommunikation, Kultur oder Ökologie nennen, sie als multimedial, synästhetisch, ganzheitlich, synergetisch, vernetzt oder ähnlich charakterisieren. Sie wird jedenfalls das parallele Zusammenwirken artverschiedener Seinsformen thematisieren und dabei keine dauerhafte Prämierung der einen oder anderen Form und Wirkrichtung zulassen. Ihre Gegenstände sind von vornherein multivalent, lebendige und physikalische Materie, soziale und neuronale, psychische Systeme. |
|
|
| [1] Niklas Luhmann: Die Gesellschaft
der Gesellschaft, Bd. 1, Ffm. 1997, S. 127 |