Fliesstext Von der Gesellschafts- zur Kulturtheorie
   

Wer mit einer – oder mehreren – Gesellschaftstheorien die Entstehung und die gegenwärtige Transformation der Buchkultur verstehen will, wird scheitern. Soziale Utopien haben den Aufstieg der Industriegesellschaft begleitet und ermöglicht. Nun scheint die soziologisierende Politik und Theorie am Ende zu sein.
Weder kapitalistische noch sozialistische Gesellschaftstheorien liefern Lösungen für das Grundproblem unserer Gegenwart: Mensch, Natur und Technik in ein dynamisches Gleichgewicht zu bringen. Nachhaltigkeit, ökologische Kreisläufe und die Akzeptanz endlicher Ressourcen passen nicht in den Katalog sozialer Utopien. Eben weil deren Leistung die Aufklärung über den sozialen Charakter der Menschen, ihres Miteinanders und ihres Verhältnisses zur Umwelt ist, bleiben sie blind für die naturhaften Seiten von Mensch und Technik. Sie können die Beziehung nur als ein einseitiges Herrschaftsverhältnis verstehen: Macht Euch die Erde durch Arbeitsteilung, Technik und Verstand untertan.

„Die Soziologie“, so fasst Niklas Luhmann im Herbst der Neuzeit noch einmal mit anrührendem Trotz zusammen, „ist für eine [einzige] bestimmte Systemreferenz zuständig, für das Gesellschaftssystem und dessen Umwelt." [1] Das ist das analytische Programm der Bürokratie und rationeller Arbeitsteilung: Pro Aufgabe eine Stelle. Ihm entspricht auf der Ebene des gesellschaftlichen Makrosystems das Projekt der funktionalen Differenzierung: Pro Funktionsbereich (Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kunst ...) ein System mit eigenem Kode (Geld, Macht, Wahrheit, Schönheit ...).

Theoriediskussion
Die Erfolge von Taylorismus, Bürokratie und Planwirtschaft und anderen Ausprägungen dieses Konzepts liegen in der Gegenwart genauso offen zu Tage wie ihr Versagen. Beides braucht hier nicht länger belegt und diskutiert werden. Argumentieren will ich vielmehr gegen die Vorstellung, eine andere Sozialutopie könne hier grundsätzlich etwas ändern und bessere Antworten auf die Grundfragen liefern. Es geht augenblicklich nicht mehr um einen Wechsel der Gesellschaftspolitik und/oder –theorie, sondern es geht um ihre Ablösung durch eine grundsätzlich andere Utopie. Man mag sie Kommunikation, Kultur oder Ökologie nennen, sie als multimedial, synästhetisch, ganzheitlich, synergetisch, vernetzt oder ähnlich charakterisieren. Sie wird jedenfalls das parallele Zusammenwirken artverschiedener Seinsformen thematisieren und dabei keine dauerhafte Prämierung der einen oder anderen Form und Wirkrichtung zulassen. Ihre Gegenstände sind von vornherein multivalent, lebendige und physikalische Materie, soziale und neuronale, psychische Systeme.

[1] Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 1, Ffm. 1997, S. 127
 
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