Theoriediskussion N. Luhmann oder die Grenzen einer soziologisierenden Gesellschaftstheorie
   

Die letzte vor der Jahrtausendwende erdachte Universaltheorie der Gesellschaft endet als Verwaltungslehre. Sie besticht durch analytische Zergliederung und Klassifikation. Luhmann ist der Linné der Soziologie, und alle Differenzierungen der sozialen Kommunikation können auf seinen Unterscheidungen aufbauen. Der Preis der Taxonomie ist die säuberliche Trennung von Soziologie und dem Rest der Welt. Sie sieht am Menschen nur, was ihm sozialen Charakter verleiht, genormtes Verhalten und Erleben. Sinn, Sprache, Erwartungserwartungen heißen die Totems, die soziale Identitäten stiften.

Sie sieht an der Umwelt nur das, was den 'Homo sociologicus' und seine Aktivitäten spiegelt: Die Spur sinnvollen Handelns. Noch einmal also die soziologisierende Beschwörung, wo doch längst gewiss ist, dass Körper, Psyche, Natur und Technik eigenen Gesetzen folgen.

Je aktueller die Frage des Überlebens der Menschen als Gattung wird, desto mehr wird dieser Typus von Gesellschaftstheorie an Bedeutung verlieren. Je mehr das lineare, auf Entweder-Oder-Entscheidungen fixierte Denken der Buchkultur durch ein neues Denken, das dem parallelen und oszillierenden Charakter der Informationsverarbeitung in Natur und moderner Technik Rechnung trägt, ergänzt wird, desto altbackener erscheinen Schlussfolgerungen wie diese:

"Wer sich für Menschen als lebende Population (im Kampf mit Mücken, Löwen, Bakterien usw.) interessiert, muss demographische Orientierungen wählen. Von einer Evolution des Sozialsystems 'Gesellschaft' kann man dagegen nur sprechen, wenn man nicht an ein lebendes, sondern an ein kommunizierendes System denkt, das in jeder seiner Operationen Sinn reproduziert, Wissen voraussetzt, aus eigenem Gedächtnis schöpft, kulturelle Formen benutzt." [1]

Wieso sollten lebende Systeme denn nicht kommunizieren und umgekehrt Kommunikationssysteme leben?


[1] Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 1, Ffm. 1997, S. 436
 
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